In einer Reihe, die "Beikostempfehlungen durch die Zeit" heißt, darf natürlich auch der Blick auf aktuelle Empfehlungen nicht fehlen. Als Gastautorin schreibt heute Tatje Bartig-Prang.

Gibt es eigentlich sowas wie den „perfekten“ Beikostplan, also eine Anleitung, die so vollkommen ist, dass Engelschöre zum Gesang anheben, wenn Nahrung exakt einem solchen Plan entsprechend ins Kind gefüllt wird? Nein, das zwar nicht, aber was es gibt, sind verschiedene Institutionen, die Beikostempfehlungen herausgeben. Für Deutschland relevant sind vor allem das Dortmunder Institut für Kinderernährung (FKE) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Empfehlungen unterscheiden sich allerdings in einigen Punkten.

Aber wieso eigentlich?

  • weil Ernährungsempfehlungen empirische Erkenntnisprobleme haben, denn man kann z.B. nicht mal testweise Babys in Doppelblindstudien mangelernähren, um zu schauen, was dann wohl passiert.
  • weil Ernährung ein heißbegehrter Tummelplatz für Lobbyismus und Industrieinteressen ist. Viele Studien Metanalysen sind sichtbar oder unsichtbar von Wirtschaftsinteressen gefärbt.
  • weil Ernährung untrennbar mit kultursoziologischen Gesichtspunkten verknüpft ist – eine rein naturwissenschaftliche Betrachtungsweise ist deshalb unmöglich und sinnlos

Schauen wir uns zuerst das FKE an. Neben einer Empfehlung zum Zeitpunkt der Beikosteinführung (nach 4 Monaten, spätestens nach 6) hält das FKE einen sehr genauen Plan vor. Erst einmal heißt es zwischen dem Beginn des 5. und dem Beginn des 7. Lebensmonats: Loslegen mit Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei. Und warm muss der sein. Warum warm? Das muss er eigentlich gar nicht. Da sollen nur kein rohes Fleisch und keine rohen Kartoffeln rein. Aber hören Sie jetzt bitte mal auf, ständig dazwischen zu fragen, sonst schaffe ich nämlich keinen kurzen Text und darf vielleicht nie wieder einen Gastbeitrag hier schreiben.

Weiter geht es jetzt jedenfalls einen Monat und eine „ersetze“ Stillmahlzeit später mit Brei Numero Zwei, dem Milch-Getreide-Brei. Wenn ihr Kind also am 5. Februar geboren ist, und sie (gerade noch rechtzeitig) am 5. Juli mit  der Beikost gestartet sind, haben sie etwa einen Monat Zeit, um erfolgreich so viel zu füttern, dass eine Stillmahlzeit entfällt.

Und darf man dann auch nur noch fünf Mal am Tag stillen, fragen Sie sich vielleicht, denn das FKE selbst (und die WHO und die Nationale Stillkommission und überhaupt alle) empfehlen ja Stillen solange Mutter und Kind es wünschen. Kurze Antwort: Stillen nach Bedarf und solange wie Mutter und Kind es wünschen bedeutet: so viele Mahlzeiten jeden Tag, wie beide mögen und solange sie mögen. Der Plan des FKE ist also leider immer noch in erster Linie ein Abstillplan, obwohl seit ein paar Jahren  auf der y-Achse wenigstens noch ein winziges Muttermilch-Plätzchen reserviert.

Am Ende des ersten Lebensjahres sind wir aber noch nicht angekommen, denn weiter geht es nach einem weiteren Monat mit Brei-Drei, dem Brei aus Getreide und Obst. Diese drei Mahlzeiten werden zwischen dem 10 und 12 Lebensmonat mit einer vierten, getreidebasierten Mahlzeit ergänzt und, tadaaaa: Mit dem ersten Geburtstag findet der Plan seinen Abschluss.

Die WHO sieht das nun alles ein bisschen anders, denn weil die, wie der Name schon sagt, weltweit tätig ist, wäre es ziemlich lächerlich, einen Plan zu empfehlen, in dem sehr spezifische Lebensmittel vorkommen. Den ein oder anderen mag es immer noch überraschen, aber nicht alle Menschen auf unserem blauen Planeten bauen Getreide an oder melken Vieh. Und dort sähe  es mit dem Milch-Getreide-Brei dann halt schlecht aus. Und die WHO-Empfehlung unterscheidet sogar zwischen gestillten und nicht-gestillten Kindern (das wiederum hält das FKE für viel zu kompliziert und verwirrend für die Eltern. Eltern – Sie wissen schon – so jemand wie Sie.)

Die WHO rät also zur Beikosteinführung mit etwa einem halben Jahr – nicht schon mit 4 Monaten – und zum Stillen so häufig das Baby möchte: 3 Beikostmahlzeiten täglich anbieten, falls gestillt, 5 Mahlzeiten täglich falls nicht gestillt. Diese Mahlzeiten sollen einerseits aus Brei – so dick, dass er nicht mehr vom leicht schräg gehaltenen Löffel tropft –  aus Mais, Maniok, Hirse oder Soja bestehen, gemischt mit Zucker, Öl und entweder Milch oder gemahlenen Nüssen. Außerdem soll Mischkost aus gedämpften Kochbananen, Kartoffeln, Maniok , Ugali-Hirseklößen, Ugali-Maisklößen oder Reis kombiniert mit Fisch, Bohnen oder gemahlenen Nüssen, sowie grünem Gemüse angeboten werden. Zwischendurch sollen nährstoffreiche Snacks wie Eier, Bananen oder Brot angeboten werden. Außerdem werden je nach Gegend und Gusto Hühnerleber, verschiedenstes Gemüse, Süßkartoffeln, Orangen. Linsen, Kürbis, Fleisch aller Art, Ghee, Käse und vieles mehr als möglich und gut genannt.

Aber ob Maniok oder Milch, ob Pastinake oder Pfeilwurz, gegessen wird niemals unter Zwang – darin sind FKE und WHO einig. „Responsiv“ soll gegessen bzw. gefüttert werden: mit Geduld, Zeit, ermutigend und die Signale des Kindes achtend. Wenn Sie also das nächste Mal den Tipp bekommen, ihr Baby vor dem Essen auszuhungern oder mit einem schmalen Löffel den Zungenstoßreflex auszuhebeln, können Sie sich sicher sein, dass keine seriöse Institution solche Praktiken empfiehlt.

Und dann ist da ja noch Baby-led Weaning (BLW), sinngemäß auf deutsch etwa babygeleitete Beikost. Während es der WHO vollkommen egal ist, auf welche Weise das Essen in Richtung Mund des Babys transportiert wird – Hauptsache ausgewogene Zusammensetzung, genügend Kalorien und die Signale des Babys achtend, wittert das FKE im baby-led weaning bereits den Untergang des Abendlandes. Und obwohl BLW aus verschiedenen Gründen nicht weltweit praktikabel ist, gibt es für ein nach Bedarf gestilltes, gesundes Baby, dessen Eltern über genügend Ressourcen verfügen, mehrmals am Tag eine ausgewogenen Familienkost anzubieten, keinen zwingenden Grund gefüttert zu werden. BLW, diese „Methode“ gab es schon immer und auch nach seiner modernen Wiederentdeckerin Gill Rapley bedeutet es im Grunde nichts anderes, als dass ein Baby vom Tisch mitisst, sobald es dazu in der Lage ist: es hat seinen Zungenstoßreflex verloren, kann Auge, Mund und Hand koordinieren und hat einen gewisse Rumpfkontrolle erreicht. Aus dem Nahrungsangebot trifft das Baby selbstbestimmt seine Auswahl aus vorselektierten, geeigneten Lebensmitteln. Diese Kompetenz ist angeboren und wird durch BLW weiter verstärkt, sodass wahrscheinlich mittel- und langfristig eine ausgewogenere Ernährung erreicht wird, vor allem aber sowohl auf Eltern- als auch auf Babyseite Essen Freude und Genuss statt Stress und Druck bedeutet.

Tatje Bartig-Prang ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Zum Thema Baby-led weaning /babygeleitete Beikost hält sie regelmäßig Fortbildungen für Fachpersonal. Am 26. April 2017 erscheint ihr Beikostratgeber "Breifrei: Baby-led-Weaning: Einmal kochen - alle essen mit"

Links:
Ernährungsplan des FKE
Complementary Feeding: Family foods for brestfed children, WHO
Stillempfehlungen für die Säuglingszeit, NKS
www.babygeleitete-beikost.de, Tatje Bartig-Prang

»Bei meinem Kind mache ich das anders«