Adalbert Czerny (1863-1941) war ein äußerst erfolgreicher Kinderarzt. Er lehrte an der Berliner Charité und gründete dort die internationale Pädiatrieschule. Bis heute werden seine Errungenschaften in der Kinder- und Jugendmedizin gefeiert. Adalbert Czerny war außerdem ein Kinderhasser. 

Mit viel Empörung wird in den Social Media gerne behauptet, Johanna Haarers Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" sei nach 1945 nur von der Nazi-Propaganda bereinigt und ansonsten mit denselben Erziehungsinhalten weiter vertrieben worden.  Diverse Artikel in der Presse stützen diese Behauptung. In diesem Artikel beschäftige ich mich mit der Frage, ob diese Empörung berechtigt ist.

Dies ist der Beginn eines Vergleichs zweier Ausgaben des Buches „Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind“. Ich werde nach und nach ergänzen und schließlich die wichtigsten Punkte in einem öffentlichen Blogbeitrag zusammenfassen. Mitglieder können den Fortschritt des Vergleichs wahlweise bei Steady oder bei Patreon verfolgen, Fragen stellen, Anmerkungen machen und mehr Details erfahren.

Auf spektrum.de gibt es seit Januar 2019 einen Artikel mit dem Titel "Erziehung für den Führer" von der Psychologin und Journalistin Anne Kratzer, welcher fleißig auf den Social Media geteilt wird. Während er die Folgen schwarzer Pädagogik treffend darstellt, liegt er bei der Historie ziemlich daneben. Leider verfestigt sich dadurch der falsche Blick auf Johanna Haarer und ihren Einfluss auf die heutige Erziehung. Das geht schon im Anrisstext los.

Kindererziehung war immer auch eine Vorbereitung auf spätere Aufgaben. Dementsprechend gab es unterschiedliche Erziehungsratgeber für unterschiedliche Stände. Denn was die Kinder für ihr späteres Leben brauchten, war keineswegs einheitlich. Die Erziehung sollte auf den Beruf vorbereiten. Der Beruf war abhängig vom Stand. 

Die allermeisten der ersten Ratgeber richteten sich an Damen der gehobenen Gesellschaft. Diese hatten das nötige Geld, sich Bücher zu kaufen, und die Zeit und Fähigkeit diese auch zu lesen. Einige andere richteten sich an Bauersleute.

Ich habe zwei neue Lieblingsbücher. Die werden euch auch gefallen. Der evangelische Pfarrer und Pädagoge Christian Gotthilf Salzmann (1744-1811) schrieb 1780 ein Buch mit dem Titel "Anweisung zu einer, zwar nicht vernünftigen, aber doch modischen Erziehung der Kinder". Salzmann störte sich daran, dass seine Mitmenschen sich so häufig darrüber beschwerten, dass ihre Kinder so ungezogen, zänkerisch und ohne Benimm seien. Seiner Meinung nach waren die Eltern selber Schuld daran, dass ihre Kinder so schlecht geraten seien.

Dies ist ein Kapitel aus dem Buch Lebensführung - Eine Anleitung zur Selbsterziehung für die weibliche Jugend von Anton Heinen, 1918. 

Alte Jungfer

"Ich will keine alte Jungfer werden."

Was hast du denn dagegen einzuwenden?

Gibt es Kinderbücher, die Euch Eure Verwandtschaft vererben wollte und die Ihr ganz schrecklich fandet?

Bei mir ist das Fränzi geht schlafen. Im Original erschien das Buch 1960 unter dem Titel Bedtime for Frances. Geschrieben wurde es von dem US-amerikanischen Schriftsteller Russell Hoban und illustriert von Garth Williams. Die letzte Ausgabe erschien 1998.

Das Buch schildert, wie das Dachs-Mädchen Fränzi am Abend um Punkt sieben Uhr von den Eltern ins Bett geschickt wird, obwohl es noch nicht müde ist.

Heute stelle ich euch einen ganz besonderen Erziehungsratgeber vor. Geschrieben wurde er 1877 von dem ehemaligen Lehrer Dr Karl Oppel. Zunächst einmal ist die Form des Buches bemerkenswert. Karl schreibt darin Briefe an seinen Freund Wilhelm und seine Frau, die vor kurzem zum ersten Mal Eltern geworden sind. Zudem reprodiziert er Gespräche mit Wilhelm und anderen Leuten. Natürlich nutzt er diese Gespräche, um sich selber als Gewinner aus den Diskussionen hervorkommen zu lassen. Aber er zeigt uns dadurch auch, mit welchen anderen Sichtweisen die Menschen sich zu seiner Zeit auseinandergesetzt haben. Und darum fesselt das Buch von der ersten Seite an.

Kinder gehorchen nicht gern. Das ist nichts neues. Gehorsam wurde allerdings lange Zeit als unbedingt notwendig für eine gelungene Erziehung angesehen. Doch was dachten die Erwachsenen, würde passieren, wenn Kinder nicht gehorchen müssten? Johann Andreas Christian Löhr (1764-1823) war Theologe und Jugendschriftsteller. Er schrieb ein Buch zur "Bildung des sittlichen Gefühls und Urtheils sowohl zum Gebrauch beim öffentlichen als häuslichen Unterricht" mit dem Titel Kleine Geschichten und Erzählungen für Kinder. In einer dieser Lehrgeschichten lässt Löhr einen Vater das Experiment wagen. Die Kinder dürfen über sich selbst bestimmen. 

Teil 4 - "Die Mutter und ihr erstes Kind" und andere Nachkriegsratgeber

Stell dir vor, es ist 1987, Du suchst nach einem Buch über Säuglingspflege und hältst in der Buchhandlung einen Ratgeber in der Hand, der modern aufgemacht ist und auf dem Titel wirbt mit "Über 1 Million verkaufte Exemplare". Würdest Du auf den Gedanken kommen, dass knapp 3/4 dieser Auflagenhöhe vor 1945 erschienen ist?

Teil 3 - Der NS-Staat und seine Erziehungspropaganda

Als ich 2007 anfing, mich konkret damit zu beschäftigen, wo die ganzen abstrusen Säuglingspflege-Regeln her kommen, die mir als Stillberaterin begegneten, las ich natürlich auch das Buch von Sigrid Chamberlain über Johanna Haarer. "Prima," dachte ich, "da steht ja alles drin, was ich über Johanna Haarer wissen muss. Dann kann ich mich ja auf andere Zeiten und andere Werke konzentrieren."

Alle Säuglingspflegebücher aus der NS-Zeit, die mir in die Finger gerieten, schienen im Vergleich mit Chamberlains Beschreibung genauso schlimm zu sein, wie das von Johanna Haarer. Mir wurde schnell klar, dass ihr Buch nur eines von vielen war. Eines, das die Eltern kaufen mussten, wohingegen andere Bücher in ähnlich großer Auflage vom NS-Staat kostenlos an die Eltern oder Frischvermählten verteilt wurden.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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