Jetzt, da wir uns dem Ende des Buches nähern, wird uns das direkte Vergleichen erschwert durch die unterschiedlichen Strukturen und Gliederungen der beiden Ausgaben. 1938 sind körperliche und geistige Entwicklung, Kleidung, Möbel, Pflege und Erziehung noch in dem Kapitel XII Der ältere Säugling zusammengefasst. Diese Themen sind 1979 in verschiedene, nicht aufeinander folgende Kapitel aufgeteilt. Und wieder ist der Inhalt deutlich verringert worden.

Ich bespreche das Kapitel XII in zwei Teilen (10 und 11). Zum einen weil die Themen so unterschiedlich sind, zum anderen, um der Erziehung - wegen der Haarer ja berüchtigt ist - genug Raum geben zu können. Beide Teile sind jetzt online!

Die Ernährung des nicht oder teilgestillten Kindes hat sich in den 41 Jahren, die zwischen den beiden hier verglichenen Ausgaben vergangen sind, so drastisch geändert, dass es nicht sinnvoll ist, einzelne Abschnitte zu vergleichen. Das liegt vor allem daran, wie sehr sich die Pulvermilch verändert hat. 1938 weigert Haarer sich noch, diese überhaupt zu besprechen und erklärt lang und breit, wie Ersatznahrung zuhause selber hergestellt werden kann.

In den 40 Jahren, die zwischen den beiden Auflagen vergangen sind, hat sich viel getan, was Geburt und Wochenbett angeht. Wir sehen, Johanna Haarers Grundeinstellung hat sich nicht geändert, aber wenn sie ihr Buch verkaufen will, muss sie es den neuen Anforderungen anpassen.

Es geht um Hygiene, Haushaltshilfen, den seelischen Zustand der Wöchnerin, Geburtsverletzungen, Rückbildungsgymnastik u. v. m.

In diesem Abschnitt wird uns besonders interessieren, wie die Schmerzen betrachtet werden und welche Rolle der Vater spielt.

Obwohl das Thema Geburt 1938 nur 13 und 1979 nur 15 Seiten umfasst, musste ich die Arbeit mehrmals unterbrechen. Das Lesen dieser Texte, der misgyne Unterton und das Wissen darum, wie unsere Mütter und Großmütter unter der Geburt behandelt wurden, macht das Kapitel zu einer schweren Kost.

Dies ist der Beginn eines Vergleichs zweier Ausgaben des Buches „Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind“. Ich werde nach und nach ergänzen und schließlich die wichtigsten Punkte in einem öffentlichen Blogbeitrag zusammenfassen. Mitglieder können den Fortschritt des Vergleichs wahlweise bei Steady oder bei Patreon verfolgen, Fragen stellen, Anmerkungen machen und mehr Details erfahren.

Auf spektrum.de gibt es seit Januar 2019 einen Artikel mit dem Titel "Erziehung für den Führer" von der Psychologin und Journalistin Anne Kratzer, welcher fleißig auf den Social Media geteilt wird. Während er die Folgen schwarzer Pädagogik treffend darstellt, liegt er bei der Historie ziemlich daneben. Leider verfestigt sich dadurch der falsche Blick auf Johanna Haarer und ihren Einfluss auf die heutige Erziehung. Das geht schon im Anrisstext los.

Kindererziehung war immer auch eine Vorbereitung auf spätere Aufgaben. Dementsprechend gab es unterschiedliche Erziehungsratgeber für unterschiedliche Stände. Denn was die Kinder für ihr späteres Leben brauchten, war keineswegs einheitlich. Die Erziehung sollte auf den Beruf vorbereiten. Der Beruf war abhängig vom Stand. 

Die allermeisten der ersten Ratgeber richteten sich an Damen der gehobenen Gesellschaft. Diese hatten das nötige Geld, sich Bücher zu kaufen, und die Zeit und Fähigkeit diese auch zu lesen. Einige andere richteten sich an Bauersleute.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«