Vorrede.

Wie ich dazu gekommen, dieses Buch zu schreiben? Welchen Zweck es hat? Darnach habe ich mich eigentlich nie gefragt. Das Buch ist nach und nach von selbst entstanden, ich habe es gar nicht gemacht.

Die Kinder.

Fast eine Stunde von Hamburg liegt ein freundliches Haus. Seine Mauern sind weiß angeworfen, und alle Fenster der einen Seite von Weinlaub umrankt; an der andern steht eine alte, dicke Weide, von unten bis oben mit Epheu umwunden. Hinten im Garten breitet eine schon mehr als hundertjährige Eiche ihre knorrigen Aeste weit hin aus. Im Garten sind viele Bäume und Blumen, auch Rasenplätze und Lauben und Bänke. Hinter dem Hause ragen sechs hohe Pappeln hervor, und links vor der Hausthür steht ein großes Hundehaus. Wenn Du ins Haus hinein gehen willst, dann springt der Sultan heraus und bellt gewaltig; aber geh' nur ruhig zu, er beißt Dich nicht; er bellt nur, damit die Leute kommen und Dir die Thür öffnen. Trittst Du nun ins Haus, so gucken gewiß gleich zwei freundliche Gesichter aus der Thür, die rechts ins Wohnzimmer führt, und das sind Mariechen und Karl, die Dich neugierig anblicken, oder vielleicht auch fragen werden: „Wer bist Du? Wie heißt Du? - Was willst Du?“

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Der Spaziergang.

Am Freitag Nachmittag, als Mariechen ihre Zahl fertig gestrickt hat, und die Sonne nicht mehr so heiß scheint wie am Vorritte, spricht die Mutter zu den Kindern: „Kommt, wir wollen zusammen ins Feld gehen und uns freuen über Gras und Blumen und das viele Schöne, was uns der liebe Gott geschenkt hat.“ Karl und Marie springen fröhlich mit der Haustür hinaus, durch den Garten und den Berg hinunter, der ans gründe Feld grenzt, welches mit tausend Blumen herrlich geschickt ist. „Wie heißt diese Blume?“ fragt Karl, seit sich ins Gras und zeigt sie der Mutter. „Gänseblümchen“, erwidert sie; Karl aber lacht und sagt: „Ach was, ich nenne sie Kringelkranzblümchen. Siehst Du, alle die roth und weißen Blätter sind Kinder, die tanzen rund um.“ „Und die großen grünen Blätter da unten, tanzen die nicht mit?“ fragte Marie. „O nein“, sagt Karl, „das sind ihr Vater und ihre Mutter, die passen auf, daß kein Kind fällt.“ „Das ist hübsch“, meint Marie, „soll ich viele davon pflücken und einen Kranz machen?“ „Nein, ja nicht“, ruft Karl, „sie wollen ja noch tanzen!“ Marie findet noch andere Blumen, die nicht weiß und roth sind, und fragt die Mutter: „Sind diese gelb oder sind sie blau?“ „Blau“, sagt die Mutter. „Siehst Du noch etwas, was blau ist?“ Marie schaut umher. - Karl aber ruft dazwischen: „Der Himmel! Diese Blume heißt gewiß Himmelsblümchen“, - „ich gebe sie ihm wieder!“ Und er pflückt die Blume ab und schleudert sie hoch in die Luft; sie fällt aber immer wieder herunter auf seinen Hut, und die Mutter sagt: „Sieh, der Himmel will sie Dir schenken und sie soll Dir sagen: Vergissmeinnicht! denn so heißt sie.“ „Vergiß mein nicht! wiederholt Karl nachdenklich. „Wen soll ich denn nicht vergessen?“ „Das Blümchen kommt vom Himmel und soll’s Dir sagen: wer hat’s ihm wohl aufgetragen?“ fragt die Mutter. „Ich weiß schon, gewiß der Liebe Gott“, meint Karl, „denn er ist im Himmel.“ „Hier bei uns ist er auch“, sagt Marie, „Mama hat neulich erzählt: Er ist überall.“ „Aber im Himmel wohnt er doch“, erwidert Karl. Da läuft die Schwester auch und pflückt sich eine Blume, roth sieht sie aus; die Mutter nennt sie Hungerblume, weil das Korn verdirbt, wenn zuviel solcher Blumen dazwischen stehen, und der Landmann dann Hunger leiden muß. - „Mama, die Blume weint,“ ruft Marie betroffen, „eben hab ich es selbst gesehen.“ „Sie weint wohl nicht, ich glaube, sie hat gerade getrunken als Du sie pflücktest,“ sagt die Mutter. „Aber wann trinkt sie denn, und wer bringt ihr zu trinken? „ fragen die Kinder weiter. „Ganz früh Morgens, wenn ihr schlaft, wenn die Sonne aufgeht, da kommen die Entlein und bringen den Blumen zu trinken.“ „Weißt Du was Marie,“ flüstert Karl ihr zu, „wenn die kleine Schwester heut Nacht weint und Mama ihr zu essen gibt, dann wollen wir aufstehen und so lange ausgucken, bis die Engel kommen.“ - Nun laufen die Kinder noch viel umher, und die Mutter zeigt und nennt ihnen manch Blümchen und Kränzchen, was sie noch nicht gekannt haben. Auch die bunten Käferchen, Schmetterlinge, Wasserjungfern und andre Tierchen machen ihnen viel Freude; aber sie greifen nicht nach ihnen, denn die Mutter sagt, daß man den kleinen Geschöpfen gar leicht Schmerz verursache und daß sie nur sehr kurze Zeit leben.

Nachdem sie beinahe zwei Stunden umhergespielt haben, gehen sie wieder nach Hause. Trina steht schon vor der Haustür mit der kleinen Elisabeth, die der lieben Mama ihre Händchen entgegen streckt. Die Mutter nimmt sie auf den Arm und geht mit den frei Kindern ins Haus. Auf dem Tische in der Wohnstube steht schon das Abendbrot für die Kleinen: Schöne, warme Grütze mit frischer Milch darüber und für jedes Kind noch ein Stück Brot dabei. Nachdem sie ihre Hüte weggelegt haben, setzen sie sich um den Tisch und falten die Hände, auch die kleine Elisabeth auf der Mutter Schooß sitzt ganz, ganz stille und Marie betet: „Diese Speise segne uns Gott, unser Vater im Himmel! Amen!“ Dann essen sie, und es schmeckt ihnen trefflich. Als sie satt sind, sagt die Mutter: „Gott sei Dank für die Speise!“ küßt die Kinder und spielt ihnen dann noch ein Tänzchen und ein Liedchen. Sie springen noch eine Viertelstunde herum, dann singen sie mit Mama:

Gute Nacht, gute Nacht!
Hab’ mich doch so müd’ gemacht,
Will mich nun ins Bettlein legen,
Lieber Gott gieb Schutz und Segen
Und der Engel heil’ge Wacht!
Gute Nacht! Gute Nacht!

Gute Nacht! Gute Nacht!
Vater, Dir sei Dank gebracht,
Daß so freundlich Du mir heute
Gabst Gesundheit, Speis’ und Freude,
Heut’ in Lieb auch mein gedacht.
Gute Nacht! Gute Nacht!

Darauf gehen sie mit Mutter und Trina hinauf, um zu Bett gebracht zu werden. Sie bestellen noch einen Gruß und Kuss an den lieben Papa, der in der Stadt ist und arbeitet; dann falten sie ihre Hände und knien um der Mutter Schooß und jedes Kind dankt Gott für alles Gute, was es am Tage empfangen, und bittet um das, was es wohl haben oder behalten möchte; und was die Kinder noch nicht zu sagen wissen, das betet Mama in ihrem Namen. Darauf steigen sie in ihre kleinen Betten, Thun die Augen zu und schlafen geschwind ein. Karl aber denkt noch an die Engel, die er am andern Morgen belauschen will.

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Die Nacht.

Vier hat eben die Uhr geschlagen, da wacht die kleine Elisabeth weinend auf; Mutter wiegt sie freilich und singt:

Schlafe, Kindlein, hold und süß,
Wie im Engelparadies!
Schlaf in stiller, süßer Ruh',
Thu' die lieben Aeuglein zu.

Draußen stehtn die Lilien weiß,
Schlank und schön zu Gottes Preis;
Droben in der lichten Höh'
Steh'n die Englein, weiß wie Schnee.

Kommt, ihr Englein weiß und fein!
Wiegt mir mein lieb' Kindelein;
Wiegt seom Herzchen fromm und gut,
Wie der Wind der Lilie thut!

Schlafe Kindlein, schlafe nun!
Sollst in Gottes Frieden ruh'n;
Denn die frommen Engelein
Wollen deine Wächter sein!

Aber sie will nicht wieder einschlafen und weint lauter. Sie bekommt Zähne, daher thut ihr der Mund so weh und ist so heiß, daß sie durstiger wird, als gewöhnlich. Die Mutter steht nun auf und macht ein Getränk zurecht für die Kleine; aber bis das fertig ist, schreit das ungeduldige Kindchen so laut, daß Karl erwacht. Erst reckt und streckt er sich etwas unmuthig auf seinem Lager; als das Schwesterchen aber fort und fort schreit, und er muntrer wird, die Augen aufmacht und den anbrechenden Morgen durch die Vorhänge schimmern sieht, da fällt ihm wieder ein, was er sich gestern vorgenommen hatte. Sachte kommt er in die Höhe, guckt über die Bettlehne und zupft Mariechen bei der Nase. „Du geschwinde, geschwinde,“ flüstert er ihr zu, „ich glaube, die Engel sind nun da!“ Marie steigt schnell über die Lehne in Karls Bett, das unten ans Fenster stößt. Sie biegen die Vorhänge zurück und schauen hinaus. Ei! wie wunderschön ist's draußen! Viel tausend goldrothe Wölkchen fahren am Himmel umher. „Das sind gewiß die Wagen, darinnen die Engelein herunterfahren mit ihren Milcheimern,“ meint Karl, „nun wollen wir schon aufpassen, wenn sie einsteigen!“ und Mariechen ruft, weil sie gar nicht kommen:

Englein, Englein, kommt geschwinder,
Tränkt die lieben Blumenkinder,
Jedes hebt empor sein Köpfchen,
Wartet auf ein kleines Tröpfchen,
Englein, Englein, Flügel auf!
Seht, die Blümlein warten drauf!

Aber die Englein kommen doch nicht, und die Kinder freu'n sich einstweilen an den hohen Pappeln vor dem Fenster, die sich im Morgenwinde wiegen. „Diener! Diener! Diener!“ sagen die Kinder und machen den Bäumen die Bewegung nach. „Warum die Bäume wohl so viel Diener machen?“ fragt Karl. „Sie sagen dem lieben Gott guten Morgen und danken ihm für die süße Ruh,“sagt die Mutter; „ich glaube, daran habt ihr noch gar nicht gedacht, nicht wahr?“ Die Kleinen schweigen betroffen, dann faltet Mariechen die Hände, sieht in den goldnen Morgenhimmel hinein und betet: „Lieber Gott ich danke dir, daß du uns Alle hast schön schlafen lassen, mach' auch Elisabeth ihr Zahnweh bald wieder besser, und hilf mir, daß ich heute ein artiges, gutes Kind bin, und behüte uns Alle vor allem Bösen! Amen!“ „Amen,“ wiederholt Karl, zeigt dann auf die Schwalben und sagt: „Die grüßen wohl auch den lieben Gott? aber die schreien mal laut dabei.“

Die Schwalben rufen: „Die Somme kommt! die Sonne kommt!“ erwidert die Mutter und zeigt mit der Hand nach Osten. Siehe, da kommt sie herauf, wie ein feuriger Ball, und die Fenster des Kirchthurms erglühen, wie im Feuer. Die Kinder stehen stumm mit offenem Munde da und staunen die Herrlichkeit an, bis die Strahlen die so blenden, daß sie die Augen zuthun und wegwenden müssen. „Wenn die Sonne aufgeht, kommen ja die Engel!“ ruft Karl plötzlich, und sieht schnell in den Garten hinunter. Siehe da! Kraut und Büsche, Gras, Blumen und Bäume, Alles blitzt von den tausend Thautröpfchen, die in der Morgensonne schimmern. „Sie sind schon dagewesen,“ sagt Marie; „gerade so sah gestern meine Blume aus als Mama sagte, sie habe getrunken.“ „Und alle goldenen Wagen sind weg,“ klagt Karl, als er zum blauen Himmel aufschaut; „wie sind sie nur so schnell und leise bei uns vorbeigeflogen und warum haben wir sie nicht gesehen?“ „Wir Menschen können sie gar nicht sehen; sie sind viel zu zart für unsre Augen,“ sagt Mama. „Aber wenn wir einmal gestorben sind,“ sagt Marie, „dann können wir sie sehen, nicht wahr Mama? und den lieben Bruder Edmund auch, und dann sind wir selbst Engel und können zusammen spielen in dem großen blauen Himmel, beim lieben Gott und beim Christkind.“

„Möchtest Du denn wohl sterben, daß Du auch im Himmel wärest?“ so fragt Karl. „Ja, gern!“antwortet Marie, „da ist auch immer ein Weihnachtsbaum mit viel tausend Lichtern und so schöne Blumen und Sterne und unser lieber Edmund!“

Karl ist ein Bischen nachdenklich, dann sagt er: „Ich möchte doch eigentlich lieber, Bruder Edmund käme wieder zu uns, dann könnten wir hier im Garten zusammen Pferd spielen, und er könnte von mir das Klettern lernen - - Kommt er vielleicht einmal wieder hierher, Mama? - Ich meine nur vielleicht.“ - „Lege Du Dich nun wieder auf dein Ohr und schlafe,“ sagt die Mutter, „dann kommen vielleicht alle Engel mit Bruder Edmund und besuchen Dich im Traume.“ „Das thue ich,“ sagt Marie und steigt wieder über die Lehne in ihr Bett. Karl aber zieht die Mutter zu sich und flüstert heimlich: „Weißt Du was? ich thue, als ob ich schliefe, und wenn die Engel dann kommen, dann reiß' ich die Augen schnell weit auf, dann seh' ich die Engel doch und Bruder Edmund auch, und den halt' ich dann fest?“ Nun drückt er den Kopf ins Kissen und macht die Augen fest zu. In der Stube ist's nun so dämmerig und so still, und die Mutter singt wieder so sanft und so süß:

Wenn die Kinder schlafen ein,
Wachen auf die Sterne,
Und es steigen Engelein
Nieder aus der Ferne;
Halten wohl die ganze Nacht
Bei den kleinen Kindern Wacht.

Karl und Marie gähnen eins ums andere, und als die Uhr halb fünf schlägt, da schlafen Beide schon wieder so fest, als wären sie gar nicht wach gewesen. -

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Der Wochentag.

Die Kinder schlafen heute etwas länger als gewöhnlich, Papa und Mama trinken schon lange Kaffe im Gartenzimmer, als Karl und Marie noch angezogen werden. Beide sind aber sehr froh über die schöne Frühstunde, die sie verlebt haben, und erzählen den ganzen Tag von der Herrlichkeit der aufgehenden Sonne.

Nach dem Frühstück zieht Karl die Glocke drei- viermal, und darauf kommen alle Hausgenossen zusammen. Sie setzen sich in einen Kreis. Trina hat die kleine Elisabeth auf dem Schooß und Mama geht an's Klavier; sie spielt, und Alle singen das schöne Lied von Paul Gerhardt:

Wach auf, mein Herz, und singe
Dem Schöpfer aller Dinge,
Dem Geber aller Güter,
Dem treuen Menschenhüter.

Dann lies't der Vater einen Abschnitt aus der Bibel und erklärt, was vielleicht dem Einen oder dem Andern unverständlich sein könnte. Darauf betet der Vater, und zuletzt betet Marie das Vaterunser. Dann spricht der Papa mit dem Gärtner und giebt an, was im Laufe des Tages gearbeitet werden soll. Mama geht in Küche und Keller und macht ihre Anordnungen. Die Mädchen beginnen ihre Arbeiten und die Kinder laufen und spielen noch ein Stündchen im Garten und Hause umher. Um neun Uhr ruft Mama die Kinder, und nun fängt der Unterricht an. Karl nichht seine Rechnentafel, Marie ihr Strickzeug. Nachher schreibt Marie. Darauf lesen die Kinder wechselweise die schöne Geschichte vom kleinen David und vom Riesen Goliath. Karl kann freilich nur buchstabieren, aber Marie lies't es dann, und so wird es ihm doch ganz verständlich, daß er nachher die Geschichte ganz gut wieder erzählen kann. Als sie damit fertig sind, holt Mama ein hübsches Bild und erzählt den Kindern davon. Auf dem Bilde sind an der linken Seite eine Menge kleiner, weißer Kügelchen; dabei ist ein Räupchen, so klein, wie eine halbe Stecknadel; daneben liegt ein Johannisbeerzweig, und auf dem einen Blatte sitzt eine wunderschöne Raupe, die macht einen hohen Buckel. Dort ist auch ein kleines Ding, schwarz sieht es aus und ist länglichrun; an der einen Seite hat es eine Spitze, mit der es an einem Blatte hängt, an der runden Seite aber fünf bis sechs goldgelbe Ringe. Dann folgt ein schöner bunter Schmetterling, weiß mit vielen gelben und schwarzen Punkten und Strichen. „Davon will ich Euch ein Mährchen erzählen“, sagte die Mutter, und die Kinder klatschen in die Hände und sehen erwartungsvoll zu ihr hinauf.

„Seht ihr die weißen Kügelchen da? das sind Eier“, beginnt die Mutter, „da drinnen sitzen freilich keine jungen Hühner, kleine Küchlein, wie Ihr sie habt so goldgelb und federweich im Hofe laufen sehen. Nein, dazu wären die Eier zu klein; aber doch ein Thierchen sitzt darin, dem es beim Sonnenschein zu eng und zu warm in dem kleinen Häuschen wird; drum reckt und streckt es sich, bis der liebe Gott das Häuschen öffnet, und es hinaus schauen kann und die schöne, liebe Gotteswelt. - Ei, und wie gefällt es ihm! besonders der schöne grüne Strauch, auf dem es sitzt. Es versucht nun mit dem kleinen Mäulchen die zarten grünen Blätter zu benagen, und, siehst Du, es geht. Es frißt und frißt ein Blatt nach dem andern, bis es sich endlich in ein paar Tagen so dick gefrassen hat, daß ihm sein Kleid überall drückt und kneift. Da wird es still und traurig und frißt nicht mehr und klagt uns stöhnt und reckt sich und dehnt sich, bis mit einem Male, knack! sein Kleid auf dem Rücken entzwei platzt. Da freut sich das Räupchen und dräängt und zieht sich immer mehr, bis es endlich glücklich aus dem engen Kleide heraussteigt“ - „Aber geht es nun nackend?“ fragt Marie. „O nein doch“, sagt die Mutter; „denk nur, unter dem alten Kleidchen hat der liebe Gott ihm schon ein wunderschönes, neues, weites angezogen, viel schöner, als das erste: weiß, mit vielen kleinen schwarzen und gelben Strichelchen und Punkten. Darin hat das Thierchen nun Platz zu wachsen, und siehe in wenigen Stunden ist's schon groß geworden, wie eine Stecknadel. Vorn hat es zwei Beinchen und hinten vier, und zieht es nun beim Gehen die Beinchen zusannen, dann macht es solch hohen Thorweg, wie Ihr es hier auf dem Bilde seht. Die Menschen nennen solche Art Raupen Spanner.“ - „Fängt die Raupe nun wieder an zu fressen?“ fragt Karl. „Das will ich meinen,“ erwidert die Mutter, „nun frißt sie noch dreimal mehr, als vorhin, aber es geht ihr auch wieder ebenso. Nach fünf oder sechs Tagen hat sie sich wieder so voll gefressen, daß das neue Kleid auch nicht mehr paßt, und sie wird immer dicker. Ihr schönes buntes Kleid ist von Fressen ganz schmutzig und schlecht geworden, und sie denkt: Ach hätte ich ein neues Kleidchen, ich wollte auch nimmermehr wieder so viel fressen! Nun wird sie so ängstliche und klagt und stöhnt und dehnt sich, und knacks! siehe, noch einmal hatihr der liebe Gott ein neues bintes Kleid geschenkt. reichlich weit und groß, daß das Thier drin wachsen und sich recken kann. In einigen Stunden ist's Räupchen so groß wie eine Nähnadel. Da ist's froh und kriecht so vergnügt auf dem Strauch umher, als wäre es ihm noch niemals angst und bange gewesen. Gar schnell aber hat es sein Vornehmen vergessen, es schaut rechts, es schaut links, und dann fängt es wieder an zu fressen nach Herzenslust. Der Strauch aber wird immer kahler und trauert darüber und klagt's dem lieben Gott, daß das Räupchen doch wieder so viel fresse und ihm alle seine Blätter stehle. Und der liebe Gott spricht zur Raupe: Friß nicht so viel, denn du bekommst kein neues Kleid mehr; wird dir dies zu eng, und machst du's wieder schmutzig, dann steck' ich dich in einen Sarg, darin magst du dann liegen bleiben. Dan kannst du nicht laufen und nicht sehen und nicht fressen und mußt den Strauch schon in Ruhe lassen. Aber das Räupchen dünkt sich klug und meint: der liebe Gott macht nur Spaß; wenn mein Kleid platzt, giebt er mit wohl noch ein neues! Aber o weh, o weh, es geht der Raupe, wie Allen, die dem lieben Gott nicht glauben wollen, und lieber essen und trinken mögen, als das thun, was der liebe Gott ihnen sagt. Als nach sieben Tagen das Kleind wieder so eng, so eng geworden ist, daß die Raupe nicht mehr fressen mag und nicht mehr von der Stelle kann, da wird ihr doch bange und sie denkt: O Jemine! wenn ich nun wirklich in den Sarg müßte! Und ganz still hängt sie sich an ein Zweiglein fest und meint, sie will da hängen bleiben, bis sie wieder dünner wird. Aber es ist zu spät. Kaum hat sie ein Stündchen gehangen, da sagt's Kleidchen knacks! und fällt ihr von den Schultern und vom Leibe und von den Beinchen. Die Raupe aber liegt im Sarge; kann nicht kriechen, denn sie hat keine Beine, kann nicht sehen, denn es fehlen die Aeuglein, kann nicht mehr fressen, denn sie hat kein Mäulchen. So hängt sie da und kann nut den Oberkörper ein klein wenig rechts und links drehen, und das ist Alles, Alles! - So hängt sie da, lange, lange, sie weiß nicht wie viele Tage und Nächte; denn sie sieht nicht Morgen, nicht Abend, nicht Sonne, nicht Mond. Aber die Zeit wird ihr lang, und sie fängt an, nachzudenken, wie verkehrt und wie unrecht es von ihr gewesen, daß sie des lieben Gottes Wort nicht gehört und beachtet hat. Das macht sie sehr traurig, und sie bittet Tag und Nacht den lieben Gott um Verzeihung, und bittet ihn, er wolle sie wiederum erlösen aus ihrem Gefängniß, und wolle ihr einen andern Sinn und ein anderes Werk geben, daß sie nicht mehr so gierig und gefräßig sei. Den lieben Gott aber dauert das Räupchen, weil es so gar tief und ernstlich betrübt ist, und er giebt ihr, was sie bittet. Noch einmal springt ihr Kleid, welches sie so fest eingeschlossen und gefangen hält, und das Thierchen guckt wieder heraus mit seinen hellen Aeuglein in die weite Gotteswelt. Es reckt sich - und streckt sich und kann gar nicht denken, daß es wirklich wahr ist. Es zieht ein kleines schlankes Füßchen heraus, noch eins und noch vier. Da stht es auf seinen sechs Beinchen - wundert sich . und schämt sich - und freut sich - und schaut zum lieben Gott hinauf, möchte hin zu ihm, so gern, und bei ihm sein und ihm danken. Es denkt gar nicht an Essen und Trinken, und meint: Ich will's versuchen, hinaufzusteigen in die hohe, helle klare Luft. Und sie, es geht. Statt de engen Kleidchens hat es ein weites Flügelgewand bekommen, und das trägt es hinauf, weit über Blumen und Bäume zum schönen blauen Himmel. - Der liebe Gott aber sieht es freundlich an und sagt: „Du sollst nicht mehr Raupe heißen, ich nenne dich Schmetterling!“

„Das ist ein hübsches Mährchen“, sagt Karl, „geht es aber wirklich allen Raupen so, daß sie erst in den Sarg müssen und dann Schmetterlinge werden?“ - „Ja, allen“, erwidert die Mutter. „Erst fressen alle so viel, dann kommen sie in den Sarg, das nennt man: sie verpuppen sich, und dann kommen sie mit Flügeln wieder heraus und leben von Blumenduft und Sonnenschein.“ - „Das muß aber schön sein“, sagt Marie, - „ich möchte auch wohl Flügel haben und zum Himmel fliegen können!“ - „Dir wird's auch einmal so gehen“, erwidert die Muter, „wenn Du den lieben Heiland bittest, dann wird er Dich auch vom Tode aufwecken und sagen: Du sollst nicht mehr klein Töchterchen heißen, Du sollst Engel sein.“

„Hat Bruder Edmund denn auch Flügel?“ fragt Karl. „Das werden wir sehen, wenn wir zu ihm kommen“, erwidert die Mutter und singt dann mit den Kindern:

Die schwarzen Leute haben
Mein Brüderchen begraben
Wohl in die Erde tief;
Ich wollt' es munter küssen,
Doch hab' ich's lassen müssen,
Weil's gar zu fest noch schlief.

Allein vom Himmel kommen
Die Engelein, die frommen,
Die wecken's fröhlich auf;
Und fliegen dann geschwinde
Mit unsesrm lieben Kinde
Zum Himmel hoch hinauf!

Nun legen die Kinder ihre Arbeiten wieder an Ort und Stelle und gehen in den Garten. Karl harkt die Wege, Mariechen jätet das Unkraut aus, Mama pflückt erbsen zum Mittagessen und Trina läßt die kleine Elisabeth hinter dem Kinderwagen gehen, den sie langsam, ganz langsam vorwärts zieht, damit das kleine Mädchen nicht falle. Nachher schoten die Kinder mit der Mutter die Erbsen aus und singen dabei:

Juchhei, Blümlein dufte und blühe,
Recke alle Blättchen aus,
Wachse bis zum Himmel 'naus!
Juchhei, heididi, Blümlein blühe!

Juchhei, Lüftlein, hauche und wehe!
Hell der Himmel über dir,
Bunt die Erde unter dir.
Juchhei, heididi, Lüftlein wehe!

Juchhei, Bächlein klein, rausche und brause,
Brause hin durch Berg und Tal,
Grüß' die Lieben allzumal!
Juchhei, heididi, Bächlein brause!

Juchhei, Vöglein, klinge und singe,
Blüthenhain und Sonnenschein,
Sonnen tanzt in bunten Reih'n!
Juchhei, heididi, Vöglien singe!

Juchhei, Menschenherz, klinge und springe!
Wolltest du das letzte sein,
Da sich alle Wesen freu'n!
Juchhei, heididi, klinge und springe!

Dann bringen sie die leeren Schoten nach der großen Wiese zu der schönen braun und weiß gefleckten Kuh, und die freut sich und brüllt laut. „Hört Ihr's wohl?“ sagt Trina, „die Kuh sagt auch: Danke! danke!“

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Die Ausfahrt.

Um eilf Uhr, als die Aeltern wieder nach Hause gekommen waren, und Karl und Marie die Geschichte wiederholt hatten, da geht es: roll, roll, roll! Vor die Thür fährt ein großer Wagen, und die Pferde stampfen und schnauben, als wenn sie bei dem schönen Wetter gar nicht stehen, sondern lieber schnell weiter laufen möchten. Die Köchin bringt einen großen Korb, der in den Wagen gesetzt wird. Karl hat aber an der einen Seite fanz flink hineingeguckt und hüpft nun herum, klopft sich auf die Brust, zieht die Schultern in die Höhe und ruft: „Ah, wie schön! ah, wie schön!“ Marie folgt ihm, freundlich mit den Augen fragend, was er gesehen?, Da faßt er sie um und sagt ihr leise ins Ohr: „Weißt Du was, wenn's regnet, ist es naß!“ und springt lachend wieder fort. Marie sagt: „Ich will es gar nicht wissen!“ schmiegt sich an die Mutter und läßt sich in den Wagen heben, wo sie zwischen Papa und Mama ihren Platz bekommt. Trina, Elisabeth und Karl sitzen gegenüber. Martha, die Köchin, macht den Wagen zu, währen die Kinder ihr: Adieu! sagen und Kußhand zuwerfen. Karl ruft noch: „Ich bringe Dir etwas mit!“ da knallt der Kutscher, und fort geht's in schnellem Trabe zum Garten hinaus.

Beinahe zwei Stunden fahren sie fort und fort; bald auf der Landstraße, bald zwischen Feldern; bald durch Gehölz zwischen hohen Tannen, Fichten, Buchen und Eichen. Die Sonne scheint warm, und die Vögel zwitschern ihnen einen freundlichen guten Morgen entgegen. Im Gehölz steigen Karl und Marie ein Weilchen mit dem Vater aus und suchen Blumen und Erdbeeren, die sie nachher der Mutter und der kleinen Elisabeth und Trina bringen wollen, dabei singen sie:

Wie hab' ich doch die kleinen
Waldvögelein so gern!
Sie hüpfen in den Zweigen
Und loben ihren Herrn.

Gott sorgt für sie auch treulich
Bei Tage wie bei Nacht.
Hat jedem in den Bäumen
Ein Bett zurecht gemacht.

Drin können sie sich wiegen,
Von Blättern zugedeckt,
Bis sie zu neuer Wonne
Der Morgen wieder weckt.

Und dieserr Gott im Himmel
Will auch mein Vater sein,
Und hat mich noch viel lieber
Als tausend Vögelein.

„Vater! Vater! Karl!“ ruft Marie plötzlich, „ach seht doch da oben auf dem Baume das kleine, süße Thierchen! Seht nur diesen Schwanz! Ach, und nun legt es den Schwanz auf den Kopf; nun sieht es aus, als wenn es einen Helm aufhätte.“ „Ach, wenn es doch einmal herunter käme! Komm, Thierchen, komm!“ ruft Karl und lockt es mit der Hand. Aber das Thierchen will nicht kommen, es läuft und springt noch höher bis in des Baumes Spitze. „Kennt ihr denn das Thier nicht?“ fragt der Vater, „es ist doch in eurem Bilderbuch. Denkt einmal an die Seite, über welcher E steht; was für Thiere sind darauf?“ Marie besinnt sicht und sagt: „Eber, Elster, Ente, Eichhorn! Eichhorn! Ja, das ist recht, es ist ein Eichhorn. Sieh, Karl, eben so braun ist es und so niedlich, und sieh nur die schwarzen klaren Augen!“ Lange freuen sich die Kinder an dem niedlichen Thierchen, dann laufen sie weiter, um den voranfahrenden Wagen wieder einzuholen. Um ein Uhr kommt die Familie in einem Dorfe an. Nicht weit von der Kirche hält der Wagen still, und Alle steigen aus und gehen in ein kleines Häuschen. Trina lacht und ist sehr vergnügt, denn in dem Hause wohnen ihre Aeltern: Vater Martin und Mutter Anne. Die beiden Alten kommen auch schon heraus und grüßen freundlich die Ankommenden. „Nun, was sagst Du dazu, Anna, da sind wir Alle zusammen und wollen bis Abend bei Dir bleiben!“ So spricht die Mutter zu der alten Bauersfrau. „Ei, das freut mich gar sehr,“ sagt diese. „Wenn Sie nur vorlieb nehmen wollen mit dem, was ich geben kann: schöne Milch, frische Eier und allenfalls einen Pfannekuchen.“ „Ei, das ist ja vortrefflich!“ sagt die Mutter, „Schinken habe ich noch dazu mitgebracht, da wollen wir's uns gut schmecken lassen.“ Die Kinder laufen nun erst in den Hof und Garten, in Scheine und Kuhstall, besehen die Hühner, Gänse und Enten, und Trina nimmt die frischgelegten Eier mit ins Haus. Das Mittagessen ist bald bereitet und verzehrt. Dann gehen Karl und Marie mit den Aeltern spazieren. Trina aber mit der kleinen Elisabeth bleibt bei ihren alten Aeltern und erzählt ihnen, wie gut sie es bei ihrer Herrschaft habe, und die Alten ermahnen sie, daß sie immer fromm und fleißig und freundlich sein solle, damit die Herrschaft niemals über sie klagen müsse. Trina erkundigte sich auch nach allen früheren Bekannten und wie es sonst im Dorfe zustehe, und die Alten erzählen ihr von Allem.

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7. Der Nachmittag.

Nach einer Stunde kommen die andern wieder und die alte Anna macht nun Kaffee. Da flüstert Karl der Mutter etwas leise ins Ohr. Diese nickt bejahend, und Karl läuft zum Stall, wo der Kutscher mit Wagen und Pferden steht. Karl läßt sich den großen Korb geben und bringt ihn triumphierend ins Zimmer. Ein großer Kuchen ist darin. Die Mutter legt ihn auf eine Schüssel, welche die alte Anna bringt, giebt dieser den Korb und sagt: „Was noch drin ist, das haben wir für Dich und Vater Martin mitgebracht.“ Anna nimmt das Papier heraus, worauf der Kuchen gelegen und findet darunter ein schönes warmes Leibchen, was die Mutter gekauft und Trina genäht hat und für Vater Martien ein Paar wollene Strümpfe, die Trina gestrickt hat, und ein Predigtenbuch. „Sieh, das Buch habe ich dabei gelegt, daß Du drin lesen kannt, wenn Du wieder einmal so viel Gicht in den Füßen hast, daß Du nicht zur Kirche gehen kannst,“ sagt der Vater. Martin und Anna bedanken sich über die Geschenke. Nun wird Kaffee getrunken und Kuchen gegessen nach Herzenslust. Der Kutscher spannt dann die Pferde vor den Wagen. Alle nehmen Abschied und versprechen, bald wieder zu kommen, steigen in den Wagen und fort geht's wieder nach Hause.

Es ist schon sieben Uhr, als sie zu Hause ankommen. Karl und Marie plaudern unterwegs viel von Allem, was sie gehört und gesehen haben; aber Lisbethchen schläft ganz süß in der Muter Arm, die sie mit ihrem Tuche ganz zugedeckt hat, damit der Wind sie nicht kalt mache. Als der Wagen still hält, wird die Kleine wach und sieht sich verwundert um. Trina geht dann schnell mit ihre oben in die Schlafstube, zieht sie aus und legt sie in die Wiege, wo sie bald wieder einschläft. „Das war ein schönes Vergnügen!“ sagt Marie zu Karl, als auch sie zu Bette wollen, und beide Kinder danken den Aeltern, daß sie sie mitgenommen haben.

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Die Masern.

Nach einigen Tagen fangen die Kinder an zu husten, erst Karl, dann Elisabeth und ein paar Tage später auch Marie. Mama meint, sie müssen sich am Sonntag wohl erkältet haben. Sie bekommen Abends Kamillenthee mit Kandis zu trinken, dürfen am Tage nur wenig essen und nur in den Mittagsstunden, wenn das Wetter ganz warm ist, im Garten spielen. Aber der Husten will nicht besser werden. Bald kommt auch der Schnupfen dazu, so stark, daß allen Kindern die Augen thränen. Das Spiellen will gar nicht recht gehen. Karl ist sehr verdrießlich und Mariechen und Elisabeth weinen auch oft und wissen nicht recht warum. Am nächsten Sonntag, als Mama Karl anziehen will, sind seine Arme und Beine, die Brust und das Gesicht ganz roth. Mama deckt ihn warm wieder zu und schickt zum Doctor; der erklärt: Karl hat die Masern, und Marie und Elisabeth werden sie auch wohl bald bekommen! So ist's auch. Zwei Tage später sind die kleinen Mädchen auch am ganzen Körper roth, und müssen die drei fröhlichen Kinder still im Bette liegen und dürfen sich gar nicht viel rühren. Die ersten Tage geht das nun ganz gut, da fühlen sich die Kinder matt und müse und liegen ganz gern im Bette. Aber wie das Fieber nicht mehr so stark ist, und den Kleinen nichts mehr weh thut, da gefällt es ihnen gar nicht, still zugedeckt im Bette zu liegen. Vor allen der ungeduldige Karl ist sehr unruhig und verdrießlich, er möchte gar zu gern umherlaufen und spielen, denn er meint, er sei ganz gesund. Mama ist immer bei den Kindern, Tag und Nacht. Tante Emilie, Papa's Schwester, wohnt jetzt ganz bei ihnen und sorgt für Alles, was im Hause geschehen muß, damit Mama den ganzen Tag für die Kinder sorgen und mit ihnen spielen könne. Oft erzählt Mama den Kleinen Geschichten oder lies't ihnen vor; sie lernen auch ein kleines Liedchen, das heißt:

Ich liege im Bett und bin so krank,
Muß nehmen den gelben salzigen Trank,
Die Mutter siehr so betrübt mich an,
Das ich immer nicht aus dem Bette kann.
Ach, lieber Vater, im Himmel mein,
Laß mich doch bald wieder besser sein.

Karl aber, der ist ein Schelm, der sagt immer: „Ich liege im Bette und bin gar nicht krank!“ Mariechen ist so folgsam und gut, daß sie Mama gar nicht viel Mühe macht; sie meint auch: „Ich mag wohl ein Bischen krank sein, dann sitzt meine liebe Mama immer bei mir, und hat gar nichts Anderes zu thun, das ist wunderschön!“ Karl ist aber nicht so folgsam, er wirft oft die Decke ab und weint, wenn er Medicin einnehmen soll. Mama muß zuweilen ein sehr ernstes Gesicht machen und sagen: „Karl, sei folgsam, Mama will es!“ ehe er das thut, was er thun soll. Einmal, als Mama auf einen Augenblick das Zimmer verlassen, und Trina bei Elisabeth zu thun hat, da steigt der böse Karl ganz leise aus dem Bette, läuft mit seinen kleinen nackten Beinen zur Wiege und ruft: „Piep! Elisabeth!“ Trina erschrickt sehr, ebenso Mama, die gerade wieder ins Zimmer tritt. Sie straft Karl, steckt ihn ins Bett und sagt: „Karl, der liebe Gott wird Dich noch lange krank lassen, weil Du nicht folgen willst!“ Mama sieht dabei so traurig aus, daß Karl bitterlich darüber weinen muß, und verspricht, nie wieder so unfolgsam zu sein. Abends thut ihm sein Kopf weh und sein Leib, und er ist ganz blaß, und alle Röthe von seinem Körper ist ganz weg. Papa und Mama sind sehr betrübt. Der Doctor wird wieder geholt, und Karl muß nun braune, bittere Medicin einnehmen. Er thut es auch ganz freundlich und sieht nur immer nach Mama's Augen, und wenn er Thränen drin erblickt, dann bittet er: „Mama, du mußt nicht weinen, ich kann das nicht aushalten, ich will auch gewiß immer in gutes Kind sein!“ Karl ist nun acht Tage lang sehr krank; er denkt nicht an Aufstehen, kann nicht spielen, nicht singen. Die beiden kleinen Mädchen sitzen schon im Bette und spielen mit Puppen und kleinen Stühlen, Tischen, Betten, Häuschen und Thieren, die Mama ihnen von Papier ausgeschnitten und auf ein Theebret gestellt hat, welches die Kinder auf ihrer Bettdecke stehen haben. Ja, zwei Tage später dürfen sie sogar schon eine Stunde aus dem Bette sein, und können an ihrem kleinen Tische spielen; Karl muß aber noch immer im Bette sein, und Mama erinnert ihn oft daran, daß das nicht würde nöthig sein, wenn er folgsam gewesen wäre; er verspricht auch immer aufs Neue, er wolle von nun an sehr gehorsam sein.

Nach vierzehn Tagen endlich darf Karl mit den Schwestern wieder in die Wohnstube gebracht werden, und acht Tage später, als die Sonne einmal recht warm ins Zimmer scheint, da erlaubt der Doctor ihnen, in den Garten zu gehen, erst nur eine halbe Stunde, den andern Tag eine ganze, und acht Tage später, da spielen die Kinder wieder im Garten, als wären sie gar nicht krank gewesen, und singen Abends:

Wir danken Dir, Du lieber Gott,
Du hast uns errettet von Krankheit und Tod,
Und schneller, als wir es selbst gedacht,
Hast du uns wieder gesund gemacht.
Wir spielen und essen und trinken dazu
Und schlafen des Nachts in süßer Ruh;
Wir sind nicht mehr krank, nicht im Bette mehr,
Das danken wir Dir und freuen uns sehr.

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Die Brombeeren.

„Es ist heut' so schönes Wetter, uns ich habe Zeit, wollt ihr mit mir ins Gehölz gehen?“ fragt der Vater eines Morgens, als die Sonne freundlich ims Fenster scheint. „Ja gern, sehr gern!“ rufen beide Kinder. „Geht Mama auch mit?“ „Ihr müsst sie drum bitten,“ antwortet der Vater. Mama nickt freundlich, packt ihr Nähzeug zusammen, klingelt, damit Trina die kleine Elisabeth nehme, und macht sich fertig. Lisbeth zeigt freilich ein etwas traurig Gesichtchen und sagt: „Mi auch mit.“ Als Mama aber den bunten Hampelmann aus dem Schrank nimmt und sagt: „Sieh, Lisbeth! der will mit Dir tanzen!“ da lacht die Kleine, greift nach dem Hampelmann und Trina singt: „Es tanzt ein bunter Hampelmann in unserer Stube rum, und dreht sich mit Lisbethchen im Kreise.“ Die ist ganz föhlich und wirft Papa und Mama und den Geschwistern freundlich Kußhändchen zu als sie aus der Hausthür und gen Gehölze zugehen. O, wie hoch sind da die Bäume! Karl und Marie springen, aber sie können nicht an die Blätter kommen, nicht einmal Papa. Auf der Erde liegen schon viele Blätter, die der Wind abgeweht hat, die sind ganz gelb und es raschelt: rusch, rusch, rusch, wenn man drin geht. Die Bäume sehen jetzt gar nicht so grün aus, wie im Frühling: einige haben gelbe Blätter, einige braune, andere ganz brennend rothe und noch andere grüne. Das kommt, weil die Sonne so lange darauf geschienen hat, den ganzen Sommer lang; die hat die grünen Blätter so bunt gemalt; es ist wunderhübsch anzusehen. „Ich suche Erdbeeren!“ ruft Karl, läuft zwischen die Büsche und sieht auf den Boden, wie er im Sommer so oft gethan, aber er findet keine. „Es ist ja keine Erdbeerenzeit,“ sagt Mama, „aber such mal an den kleinen Büschen, vielleicht findest Du schwarze Brombeeren, die schmecken auch süß und schön. Aber eßt Nichts, was ihr mir nicht gezeigt habt, denn hier im Gehölz wachsen auch Giftbeeren und wer die ißt bekommt davon viel Schmerzen im Leibe und wird sehr krank.“ Bald finden Karl und Marie Brombeeren, dier einige und dort einige und immer noch mehr. Sie legen alle in Mariens Körbchen, um sie nachher mit Papa und Mama aufzuessen. - „Hör einmal!“ sagt Marie, „ich glaubem, da weint ein Kind.“ Sie gehen dahin und richtig: da steht ein kleines Mädchen und weint, und ihr Kleid und ihre Schürze sind ganz voll rother Flecken. Zu ihren Füßen liegt ein Korb, und die Erde ist bedeckt mit einer Menge Brombeeren. „Was fehlt Dir?“ fragt Karl. „Ach,“ sagt das Mädchen, „ich hab' den ganzen Morgen Brombeeren gesucht, die wollte ich in der Stadt verkaufen, damit ich meiner kranken Mutter Geld bringen könnte; nun bin ich über die Baumwurzel gefallen; alle Brombeeren sind schmutzig, und wie sieht mein Zeug aus! Ach, ach, nun kann ich gar nicht in die Stadt gehen!“ - So klagt das arme Kind und weint noch lauter. „Weine nicht,“ sagt Marie, „wir wollen Dir unsere Brombeeren alle schenken und wollen mit Dir suchen, bis Dein Korb wieder voll ist.“

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Der Jahrmarkt.

Nach einigen Wochen wird das Wetter sehr rauh und unfreundlich. Die liebe Sonne verkriecht sich, und Wind und Regen schlagen an die Fenster, daß es gar nicht mehr angenehm auf dem Lande ist. Darum schickt der Vater einen großen Blockwagen aus der Stadt, auf den werden alle Sachen gepackt, die im Hause sind; dann setzt Mama sich mit den Kindern in eine große Kutsche und alle fahren zur Stadt, um den Winter über in dem Hause zu bleiben, wo des Vaters Comptoir ist. Das Haus hat dicke Mauern, doppelte Fenster und Oefen, darin man tüchtig einheizen kann, daß die Zimmer gut warm werden. Die Kinder freuen sich an dem vielen Neuen, was sie hier zu sehen bekommen und an dem vielen Fahren und Gehen auf der Straße, was sie vom Fenster aus sehen können. Nach vierzehn Tagen wird es noch viel unruhiger, als es bisher gewesen ist. Da fahren mehrere beladene Wagen vorbei. Frauen gehen dahin mit Körben, Männer mit Trachten. Alles zieht nach dem großen Marktplatz, der an dem einen Ende der Straße ist. Mariechen und Karl sind viel am Fenster und freuen sich über die vielen Spielsachen, die auch vorbei getragen werden. Sie wollen auch gern zur Hausthüre hinaus, um Alles genauer besehen zu können; aber Mama leidet es nicht, sie sagt: „Es geht nicht, es ist draußen zu voll, da könnte euch leicht ein Unglück begegnen. Wenn Ihr artige Kinder seid, will ich morgen mit Euch hingehen, da sollt Ihr die Herrlichkeiten recht nahe besehen.“

Karl und Mariechen gehen natürlich recht früh zu Bett, damit bald morgen kommt. Wie nun morgen da ist, da arbeiten sie ganz fleißig und sehen immer zwischen durch einander an und lächeln. Als sie fertig sind, sehen sie die Mama freundlich an, und die fragt: „Na? Was wollen wir nun?“
Karl. Nun gehen wir mit Dir aus!
Mutter. Ja, wirklich?
Marie. Ja wirklich, Mama, Du hast es uns versprochen!
Mutter. Nun wenn ich es Euch versprochen habe, da muß ich wohl Wort halten. So geht und holt Eure Hüte, und dann geht unten ins Schreibzimmer und sagt Eurem Papa, daß Mama mit Euch nach dem Jahrmarkt gehen will. Eins, zwei, drei, laufen die Kinder fort, machen sich fertig und gehen zum Papa. Der ruft ihnen entgegen: Sieh da! wollt ihr aus? Wo soll die Reise denn hingehen?
Karl. Mit Mama nach dem Jahrmarkt.
Vater. Ei, das ist ja eine freundliche Mama! Was wollt Ihr denn da?
Karl. Alle die schönen Sachen sehen.
Vater. Da muß ich der Marie wohl vier Schillinge schenken, damit sie auch etwas von den schönen Sachen kaufen kann.
Marie. Ja gern! aber Karl bekommt doch auch Schillinge?
Vater. Der Karl ist ja noch so klein, der braucht wohl noch keine.
Marie. Ach ja doch, Papa, wenn er sich auf die Zehen stellt, ist er beinahe eben so groß wie ich.
Ja gewiß, sagt Karl, faßt sich am Schreibpult an und hebt sich so hoch er kann, ich kann auch sogar schon reiten auf meinem Schaukelpferd, das kann Marie nicht.
Marie. Ach, ich könnte das auch wohl, ich thue es nur nicht, weil ich ein Mädchen bin.
Vater. Nun, wenn der Karl schon so ein großer Held ist, da muß ich ihm wohl auch zwei Schillinge geben.
Marie. Dann geb' ich Dir noch einen von meinen, dann haben wir jeder drei, das ist am besten. Die Kinder küssen darauf den Vater, bedanken sich und springen jubelnd zur Thür, an der Mama schon steht und sie erwartet.

Nun gehen sie hin nach dem Marktplatz. O, wie viele Buden stehen da, eine bei der andern, die Kinder können sie gar nicht zählen, und es ist ein Spektakel! Der Eine ruft, der Andre schreit, der Dritte schnurrt, der Vierte pfeift, der Fünfte trompetet. Die Kinder sind erst ganz verstummt und wissen nicht, wohin sie zuerst sehen sollen.

Da ist eine Bude ganz voll Schuh und Stiefel, dann eine mit Kuchenwerk, in der nächsten werden Bilderbücher verkauft, hier Spielsachen, da hölzerne Eimer, Butten, Tonnen, kleine Wasserwagen, Schiebkarren und hölzerne Pferde, da lauter blanke Zinnsachen, ein Bischen weiter kleine Thiere: Ochsen, Kühe, Pferde, Schafe, Schweine, auch Rehe, Hirsche und Hasen, sogar ein großer Elephant steht dazwischen und ein Kameel mit zwei Höckern und dem sitzt ein Aeffchen auf dem Hals. Daneben ist eine Bude mit Bildern. Dabei steht wieder ein Tischchen mit lauter kleinen Hähnen und Hühnern, viel kleiner als die Sperlinge, ganz ordentlich mit Klauen und einem Schnabel und einem rothen Kamm auf dem Kopf und mit wirklichen Federn, wie die lebendigen Hühner haben, nur krähen und gackern können sie nicht. Ein Tisch ist auch da mit Schafen, die ein wirkliches weißes Fellchen haben und ein bintes Band um den Hals. Ach, es ist Alles gar zu niedlich! Die Kinder müssen immerwährend Ach! und Oh! rufen.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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