Papa und Mama haben nun keine Marie mehr, die bei ihnen umherläuft und Lottchen und Karl und Elisabeth haben kein Mariechen mehr, die mit ihnen spielt. Darüber sind alle sehr traurig und weinen viel. Am Sonntag ist ein schöner, heller warmer Wintertag. Da legen sie früh, als die Sonne aufgeht, die kleine Marie in ihr letztes Bett. Karl schneidet alle Blumen von den Gewächsen ab, die vor den Fenstern blühen, und schmückt die liebe Schwester damit. Elisabeth zieht ihrer Puppe das beste Kleid an und legt sie Marien in den Arm, daß sie immer bei ihr schlafen solle, und nun soll Marie hingetragen werden in den schönen Garten, wo Bruder Edmund auch schläft. Während der Sarg hinausgetragen wird, singen alle:

Fahr' hin, du theures Kind, fahr' hin
In deine kühle Gruft!
Das Sterben ist dir nur Gewinn,
Weil dich dein Heiland ruft.

Weil er dich führt zum Himmel schön,
Zu ew'ger Freud und Lust.
Da werden wir uns wiedersehn,
An unsers Heilands Brust!

und folgen dann der lieben Leiche. Als der Sarg auf der Bahre steht, fliegt Mariechens weißes Täubchen herzu und setzt sich darauf, mitten in den schönen Blumenkranz, den Mama und Lottchen gewunden und darüber gehängt haben. Es wird freilich zweimal weggejagt, aber das Täubchen kommt immer wieder und läßt sich mit hintragen nach dem Kirchhof. Viele Kinder gehen mit, streuen Blumen in die Gruft und singen schöne Lieder vom Sterben und Auferstehn als der Sarg hinabgesenkt wird. Das Täubchen fliegt nun scheu aufwärts, und bleibt oben im Baum über dem Grabe sitzen. Es kommt auch nicht wieder herab, als alle Leute nach Hause gehen. Karl ruft es einige Mal, aber es kommt doch nicht.

Im Hause ist es nun recht leer - Mariechen ist ja nicht mehr da! Im Uebrigen ist Alles, wie es früher war. Aeltern und Kinder sind zusammen, sie essen, sie trinken, sie schlafen; die Kinder gehen zur Schule und kommen wieder nach Hause. Mama näht und strickt und sorgt für die Kinder, spielt viel mit ihnen, und ist sehr freundlich, wenn sie auch oft Thränen in den Augen hat. Aber Mariechen ist nicht mehr da! Sie kommt nicht, wenn Elisabeth und Roland nach ihr rufen, Lottchen kann ihr keine Geschichten mehr erzählen, und Karl hat seine liebe sanfte Spielgefährtin mit ihr verloren. Das macht die Kinder still und traurig und mit dem Spielen will es anfangs gar nicht recht gehen. Karl sitzt oftmals allein in einer Ecke auf der Treppe, oder hinter dem großen Schrank und weint, weil er so gern will, daß Mariechen wieder kommen solle. Sie ist auch immer so lieb und freundlich gewesen und hat gefällig nachgegeben, wenn der Bruder anders gewollt hat, als sie. Die Mutter tröstet ihn dann und erzählt ihm, wie selig und fröhlich Marie im schönen Himmel sei, und ermahnt ihn auch, so freundlich, fleißig und folgsam zu werden, wie das selige Schwesterchen. Das verspricht Karl und hält Wort.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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