Erinnerungsstücke an die Babyzeit behalten wohl die meisten Mütter gerne. J. von Wedell bevorzugt für die Aufbewahrung Ende des 19. Jahrhunderts eine "Babytruhe".

Eine wunderhübsche Sitte, liebe junge Mutter, muß ich dir zur Nachahmung ans Herz legen. Es ist die Besorgung oder Herstellung einer Babytruhe. Dieselbe ist dazu bestimmt, allerhand kleine Andenken aus dem Kindesalter bis zur Reife des Kindes aufzunehmen und somit eine Illustration zu den schriftlichen Aufzeichnungen, die du als stolze Mutter doch gewiß machst, darzustellen. Da hinein legst du das erste blonde Löckchen, das der Schere zum Opfer fällt, ein Sträußchen von dem Blumenschmuck des Tauftisches, ein Verzeichnis der Taufgäste und dergl., später die ersten Schuhchen, das erste Zähnchen, die erste Zeichnung Babys mit dem Buntstift, das erste arg zerrissene Bilderbuch. Es folgen kleine Andenken an bedeutungsvolle Momente, Reisen, später das erste Heft mit den ungefügen Buchstaben, der erste deutsche Aufsatz u. s. w. Natürlich dürfen Photographien, die den Liebling in den verschiedenen Lebensaltern darstellen, nicht fehlen. Da der Inhalt der Truhe doch dazu bestimmt ist, in dem Kinde dereinst liebevolle Erinnerungen an seine Kindheit zurückzurufen, so habe ich auch Bilder von mir, von Bubis Papa und Geschwistern hineingelegt, auch Zeitungsausschnitte über bedeutende Zeitereignisse, Anzeigen aus dem Familienkreise, Autographien und Andenken an bekannte Zeitgenossen, wie sie mir das Leben des öfteren freundlich bot. Ich glaube, Baby wird gar gern in dieser Truhe kramen, und wenn er dereinst verheiratet ist und seiner Frau Eheliebsten die Zeichen aus seiner Jugend liebevoll vorweist, so wird sie mir, auch wenn ich eine recht böse Schwiegermutter bin - wozu ich alle Anlage habe -, wohl doch dankbar gerührt einen Moment des Gedenkens weihen.

Die eigene Herstellung der Truhe hängt davon ab, ob du, liebe Leserin, in Liebhaberkünsten bewandert bist oder nicht. In unserer allen Künsten holden Zeit nehme ich dies an und mache dir daher folgende Vorschläge.

Brennst du, so bestellst du dir in einem Kunstmaterialiengeschäft eine Truhe aus Ahorn oder Lindenholz von 25 cm Tiefe, 50 cm Länge und 30-35 cm Höhe. Dieselbe kostet etwa 16 Mark. Du kannst auch eine kleinere Sorte, 30 cm tief, 40 cm lang und 30 cm hoch, wählen, jedoch ist es nicht ratsam eine allzu kleine Truhe anzuschaffen, da man sonst die Aufnahme der betreffenden von uns für wichtig angesehenen Dinge allzu sehr beschränken, ja sich fortgesetzt verweigern muß. Die Verzierung in Brandmalerei geschieht am besten derart, daß man helles Muster zu dunklem Grunde wählt. Stilisierte Blumen, ornamentale Borten, für geübtere Hände auch Kinderscenen in Medaillonform sind ein hübscher Schmuck. Bei ornamentaler Zeichnung läßt sich auch ein Band oder Schild anbringen, auf dem man Babys Namen und Datum der Geburt anbringt.

Wer in Oel malt, der überziehe die Truhe zunächst zweimal mit Aspinals Emailfarbe in einem hellen modernen Ton, also z. B. lichtgrün, weiß, hellrosa, gelblich-grau oder ähnl. Alsdann bemalt man die ganze Truhe mit unregelmäßig verstreuten graziösen Blumenranken, und zwar sucht man die Blume aus, die dem Monat, in dem Baby auf der Welt erschien, entspricht; also etwa für Januar: Stechpalme, Tanne, Lorbeer, italienische Anemonen, Rivierarosen; Februar: Schneeglöckchen; März: Veilchen; April: Primeln, Himmelsschlüsselchen, Kätzchen, junges Grün; Mai: Maiblumen; Juni: Flieder Heckenrosen, Schneeball; Juli: Rosen, Jasmin; August: Feld- und Wiesenblumen; September: Chrysanthemen; Oktober: Georginen, Dahlien, Stockrosen; November: rote Ebereschen, buntes Laub; Dezember: Christrosen.

Für den Schmuck der Truhe in Kerbschnitt, der als der gediegenste betrachtet ewrden darf, empfehlen sich nur ornamentale Muster. Man kann den Kerbschnitt auch mit Beize in verschiedenen Tönen oder mit Oelfarben ausmalen. So sieht z. B. russisch Grün und Tiefrot sehr wirkungsvoll aus.

Weniger Schwierigkeit macht die Ausstattung in Nagelarbeit, welche durch die Abwechslung der metallenen Nägel sehr dekorativ wirkt.

Zuletzt wollen wir noch dem Ueberziehen mit Stoff das Wort reden. Vielleicht existiert da irgend ein schöner alter Brokatstoff in der Familie, ein prunkendes Staatskleid, in dem Urgroßmutter zu Hofe ging. Das wäre ein wundervoller Fund für unsern Zweck und beziehungsreich dazu. Aber auch durch Stickerei verschönte gediegene Stoffe lassen sich gut verwenden.

Mühsamer, aber von wunderschöner Wirkung ist die gesamte Ausstattung der Truhe durch Intarsiaimitation. Man umrändert zu diesem Zweck die Zeichnung - am geeignetsten stilisierte Blumen oder Ornamente, eventuell Borte mir Figürlichem - mit spitzer Feder in schwarzer Aquarellfarbe, füllt den Grund schwarz aus und firnißt die ganze Holzoberfläche.

Auch russische Lackarbeit ist von guter Wirkung. Man füllt hierbei die einzelnen Teile der Zeichnung mit Emailfarben in beliebigem Ton aus, eine feine harmonische Gesamtwirkung vorausgesetzt, und hat genau darauf zu achten, daß nirgends die Kontur überschritten wird.

Ich glaube beinahe, liebe Mama, du bist nicht abgeneigt, die Babytruhe in Angriff zu nehmen, wie? Denn während der langen Jahre, bis der rechtmäßige Besitzer in seine Rechte eintritt, verspricht sie dir einen recht hübschen Zimmerschmuck für dein Wohnzimmer. Solltest du in unserer Zeit, wo auf die Ausschmückung der Wohnung durch eigenen Hausfleiß so viel Wert gelegt wird, nicht hierfür empfänglich sein?

"Mutter und Kind - Ein Lexikon der Kinderstube", J. von Wedell, 1871 oder 1898

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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