Die Erstausstattung fürs Baby zur Wende zum letzten Jahrhundert war umfangreich und meist selbstgemacht. Die Kleidung war so gefertigt, dass der Saum ausgelassen werden konnte, um dem Wachstum des Kindes zu folgen.

"Babyausstattung.    Was bedarf ein kleines Wesen für das erste Jahr an Kleidung?
    Die junge Frau kennt in den vielen Stunden der freiwilligen Zurückgezogenheit, welche dem Erscheinen Babys vorangehen, keine schönere Beschäftigung, als alles so schön und zierlich als möglich für das ersehnte Kleinod herzurichten. Daß es aber nicht nur für das Auge geschaffen sein möge, sondern vor allem für den praktischen Gebrauch, dafür möchte ich mit folgenden Vorschlägen Sorge tragen.
    Meist wird darin gefehlt, daß eine Anzahl eleganter Dinge angefertigt wird, welche in den seltensten Fällen getragen werden. Bestellt man eine Babyausstattung in einem Geschäft, so nimmt man viele Dinge mit in den Kauf, die eigentlich unnütz sind, und bezahlt außerdem viel mehr, als wenn man die Kleinigkeiten im Hause arbeiten ließe. Das Anfertigen im Hause ist auch eine gute Ablenkung für die junge Frau.
    Der Hauptgrundsatz für Babywäsche ist: weich, einfach, damit Waschen und Plätten nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen, und viel. Ich habe Ausstattungen gesehen mit Spitzenkleidchen und hocheleganten Steckkissen und nur 3 Dutzend Windeln! Wie bald wird die junge Mutter da über die Unzulänglichkeit geseufzt haben.
    Also, was braucht unser Kleinchen?
    1. 12 aus ganz feinem alten Leinen (z. B. von altmodischen Taschentüchern aus Großmutters Truhe) hergestellte Erstlingshemdchen, hinten offen, am Halse mit nicht zu schmalem Saum mit Zugvorrichtung. Einzige Verzierung ist ein getragenes Leinenspitzchen am Halse. Die Hemdchen sind mit der Hand zu nähen, da Maschinennaht zu hart und rauh ist. Halblange Aermel. Weites Armloch.
    2. 9 baumwollene Jäckchen, gestrickt oder gehäkelt, mit langen Aermeln und hinten offen. Dieselben werden mit durchgeleitetem Bändchen geschlossen.
    3. 12 vierfach gefaltete Kompressen zu Nabelläppchen.
    4. 12 Mundläppchen aus altem Leinen, etwa 12 cm im Geviert, einfach nur umstochen, nicht gesäumt.
    5. 6 Nabelbinden aus Leinwand, 6 cm breit und 1 m lang, ebenfalls zur Sicherung der Schnittfläche nur umstochen. An einem Ende zwei weiche baumwollene Bänder von 36-35 cm Länge und 1 cm Breite.
    6. 6 gestrickte Wickelbänder von 10 cm Breite und 1 1/2 - 1 3/4 m Länge. An einem Ende zwei Bänder wie oben.
    7. 18 Lätzchen aus Pique, um einer Durchnässung der Brust und somit öfteren Wäschewechsel vorzubeugen. Stickereien stören und reizen die feine Haut. Je einfacher desto besser.
    8. 5-6 Dutzend leinene Windeln von 80-85 cm im Geviert, welche vor dem Gebrauch mehrfach gewaschen und durchaus weich geworden sein müssen. Am besten ist es, man gebraucht sie bereits ein Vierteljahr vor ihrer eigentlichen Bestimmung als Zudecktücher bei Handarbeiten, zum Abtrocknen von feinem Glas oder derartigem, um ihnen durch den Gebrauch den Vorzug getragener Wäsche und Weichheit zu verleihen. Man erstaune nicht über die Forderung von 6 Dutzend Windeln. Fast überall wird die Zahl unterschätzt. Ein gesundes Kind durchnäßt in vierundzwanzig Stunden mindestens 5 Windeln. Aus Gründen der Reinlichkeit sollen Windeln nie aufgetrocknet, sondern ausgewaschen werden. Nun bedenke man die Zeit, die diese Wäsche samt Trocknen, Plätten und Austrocknenlassen erfordert. Vielleicht sind die Trockenverhältnisse noch dazu schwierig, oder die Witterung hindert ein rasches Trocknen. Auch soll Baby doch nur Wäsche bekommen, die mindestens einen Tag ausgedünstet hat. Glaube mir, liebe Leserin, Windeln kannst du nie zu viel haben! Als mein Aeltester zur Welt kam, hatte ich nur 36 Windeln zurecht gemacht. ich ertappte die Pflegerin darauf, daß sie die halbfeuchten Windeln vom Boden holte und unter die Wärmeflasche legen wollte. Da habe ich eingesehen, daß mit einer geringen Zahl nicht auszukommen ist.
    9. 18 Flanellwindeln, welche um die Leinenwindeln geschlagen werden, von 90 cm im Geviert, einfach mit Wolle umstochen, nicht languettiert.
    10. 12 Moltondeckchen, 30 cm lang und 20 cm breit, mit Band eingefaßt. Dieselben werden zwischen die leinene und Flanellwindel unter den After des Kindes gelegt und schützen die Flanellwindel bei Entleerungen des Darmes. Sehr praktisch, weil Wäsche und Hartwerden der Flanellwindel ersparend.
    11. 2 Badetücher aus Kräuselstoff 1 1/2 m im Geviert.
    12. 2 Flanelldecken von 1 1/4 m im Geviert, um das Kind nach dem Bade oder während des Trinkens, beim Tragen über den Korridor einzuschlagen, oder
    13. 2 Bademäntel aus Baumwollflanell zu gleichem Zweck.
    14. 4 Oeltuchstücke als Einlage in Bett und Wagen, 50 cm im Geviert.
    15. 8-12 Betttücher für das Bettchen.
    16. 12 Kissenbezüge.
    17. 8 Bezüge für das Oberbett.
    18. 8 Bezüge für die Steppdecke.
    19. 6 Steckkissenbezüge mit Einlagen, 1 davon elegant.
Hierzu treten nach den ersten vier Monaten:
    20. 12 größere Hemdchen mit längeren Aermeln, die Baby bis zum Ablauf des ersten Jahres trägt,
    21. 6 größere Jäckchen,
    22. 6 Flanellwindelhöschen,
    23. 3 Tragkleidchen aus hellfarbigem Baumwollflanell, hinten geschlossen, mit wenig Verzierung, und, ist es Sommer, 3 Tragkleidchen aus hellen Waschstoffen. Im strengen Winter nehme man Flanell statt Barchent und verziere durch Ausbogen alle Schnittflächen mit feiner Wolle. Knöpfe sollen möglichst vermieden werden, ebenso Haken, Oesen und Gummiband. Dem Wachsen des Kindes trage man dadurch Rechnung, daß man breite Säume in die Kleidchen macht und den hinteren Verschluß mit Längsfältchen verziert, welche ein Erweitern gestatten."

"Mutter und Kind - Ein Lexikon der Kinderstube", J. von Wedell, 1898

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