Bemerkungen über Geburt und Wochenbett aus "Natürliche Geburtshülfe", Band 1, Dr. Lukas Johann Boer, 1817, S.197 ff.

XXV.

Wenn eine Entbundene von anhaltendem Schmerz des Unterleibes geheilet worden, so muß sie Erkältung und alles übrige vermeiden, was ihr diesen Zustand zum zweytenmale zuziehen könnte. Denn der erste Anfall ist gefährlich, der zweyte fast immer tödtlich.

XXVI.

Die kalten Umschläge und Einspritzungen in Blutflüssen aus der Gebährmutter, sind ein mächtiges Mittel dagegen; aber eben deßwegen muß man nicht zu voreilig damit seyn, und sie mit Mäßigung gebrauchen, weil sie sonst Entzündungen und andere Krankheiten hervorbringen, welche gefährlicher sind, als oft das Uebel gewesen seyn würde, wider welches sie vor der Zeit angewendet worden.

XXVII.

Der Vortheil der erweichenden warmen Umschläge auf den Unterleib der Wöchnerinnen ist bey weitem nicht so groß, als der Gebrauch derselben frequent ist. Vernunft, Physik und erfahrung stimmen überein, daß dergleichen Cataplasmen in vielen Kindbett- wie in manchen Gall- und Faulfiebern öfters zum Nachtheil aufgelegt werden.

XXVIII.

Bey Kreißenden und Entbundenen, wo wegen großer Schwäche Zuckungen, oder Rückfälle in solche zu befürchten sind, wenn dergleichen Kranke nicht sinnenlos liegen; so ist es zur Verhütung der Fraisen ungemein gut, ihren Geist durch Fragen, und ihnen interessante Ansprachen zu beschäftigen und in Spannung zu halten.

XXIX.

Wenn Personen, welche wegen erlittenen Blutverlustes oder sonstiger Schwäche in Gefahr sind, in Zuckungen zu verfallen, ein Schlaf anwandelt, so muß man sehr vorsichtig um sie seyn, und ihnen denselben nicht leicht vergönnen. Die Hoffnung, daß sie sich darunter erholen werden, ist betrügerisch; denn die Zuckung bricht in solchen Kranken leichter aus, wenn sie schlafen, als wenn sie wachen.

XXX.

Wenn Kindbetterinnen in den Schultern und am Oberarme heftige und ziehende Schmerzen bekommen, so, daß sie den Arm nicht bewegen können; so lege man ihnen ein Vestikans wie ein Bracelet vorne um den Vorderarm. Leiden sie solche Schmerzen im Kniegelenke; so lege man das Fliegenpflester am Fuße oberhalb den Knöcheln um.

XXXI.

Unter den Feuchtigkeitsabsätzen bey Kindbetterinnen, die an äußerlichen Theilen sich ereignen, sind diejenigen am wenigsten gefährlich, welche in den Weichen und an der gegend über den Schooßbeinen vorkommen. Alle übrige nehmen meistens ein schlimmes, tödtliches Ende.

XXXII.

Bey jungen, gesunden Weibern, die selten schwanger, oder ganz unfruchtbar sind, senkt sich gegen die Zeit des Monatlichen die Gebährmutter so tief in's Becken, und Mutterhals und Mund leiden eine solche Veränderung dabey, daß man leicht irre geführt wird, sie für schwanger zu halten; dieß geschieht besonders, wenn sich vorher dergleichen Umstände einfanden, oder noch zugegen sind, die es vermuthen lassen, und noch dazu die Ueberredung der Frau selbst kömmt, die es wünscht.

XXXIII.

Die meisten Krankheiten bey Frauenzimmern, hauptsächlich langwierige und solche, die sie vor der Zeit altern machen: Blutflüsse, das Abgehen vom Weißen, Erosionen, Geschwüre, Anschwellungen, krebshafte und andere Uebel der Geburtsorgane kommen öfter als von jeder anderen Ursache: wie übler Nahrung und Lebensweise, oder unmäßiger Lüsternheit - davon her, daß sie ihre Kinder nicht säugen, und zu geschwinde nach einander schwanger werden.

XXXIV.

Es ist besser für Mutter und Kind, für das Wachsthum der Familien an Zahl und Stärke ihrer Sprossen, und überhaupt für die Bevölkerung, daß eine Mutter eine bestimmte Anzahl Kinder in länger ausgesetzten Zeiten, als so viele in kurzer Zeit nacheinander, auf die Welt bringe.

XXXV.

Anfrage und Vorschlag.
Wenn bey einer Kindbetterinn einmal im Unterleibe ein Absetzung sich gemacht hat; so ist bekanntlich der Tod meistens nicht mehr abzuhalten. Es gibt Zeichen, wodurch man sicher erkennen kann, daß dieser Depot geschehen sey. Auch besteht mancmal die Anhäufung von ausgetretener Feuchtigkeit, ohne daß noch eine beträchtliche und nicht mehr heilbare Abartung irgendwo im Unterleibe vorgegangen ist. Sollt' es in einem solchen Falle nicht besser seyn, ein ungewisses Mittel zu versuchen, als den herannahenden gewissen Tod gelassen abzuwarten? Wie, wenn man zu rechter Zeit mittelst eines krummen Troicarts die Mutterscheide, da wo sie sich um den Uterus legt, irgendwo durchbohrte, und die Feuchtigkeit abzapfte? Daß sie auf solche Art herausbefördert werde, weiß ich aus Versuchen, welche ich an Leichen von Personen angestellt habe, die am Kindbettfieber gestorben sind. Hat sich der Depot zum Theil in eine häutige Substanz gestaltet, so bleibt diese vielleicht unschädllich im Bause, außer daß sie etwa einige Theile ungewöhnlich aneinander klebt. Zudem bildet sich diese Substanz erst in der Folge nach mehreren Stunden und zuweilen erst nach Tagen. Auf jeden Fall ist durch den Versuch nichts zu verlieren, vielleicht aber viel zu gewinnen. Bey Gelegenheit werde ich ihn also an Lebendigen machen.

"Aphorismen vermischten Inhalts", Teil 1
"Aphorismen vermischten Inhalts", Teil 2

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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