Der Mediziner Adolph Henke behauptet in seinem Taschenbuch für Mütter von 1832, dass Stillprobleme in erster Linie an der modernen Gesellschaft lägen.

 

"Wären alle Mütter von gesunden Aeltern gezeugt, frei von Fehlern in ihrer Körperbildung, wäre unsre Lebensweise die naturgemäße unserer Vorfahren, und die innige Liebe der Mutter für das Kind das sie unter ihrem Herzen trug, nicht so häufig durch Verhältnisse des Standes, Modethorheiten, Vorurtheile, Leidenschaften, Laster, beschränkt, erkältet, gefesselt, ja oft vernichtet; so würde, wie bei den meisten uncultivirten Völkern, die Ernährung des Säuglings die leichte und wohlthätige Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses für Mutter und Kind, und nicht die häufige Quelle des Schmerzes, der Quaal und der Krankheit für beide seyn. Aber es ist, und kann leider nicht mehr seyn, wie bei unsern Vorfahren, von denen vor achtzehn Jahrhunderten, der römische Geschichtsschreiber als eine schöne Eigenthümlichkeit deutscher Weiber rühmte: 'jede Mutter nährt ihr Kind an ihrer Brust, und verweist es nicht zu Ammen und Mägden'. - Bei nicht wenigen Müttern ist der Nahrungsquell für das Kind versiegt, und bei andern, denen es an Milch nicht fehlt, muß der Arzt das Selbststillen aus wichtigen Gründen untersagen."

In der Tat war das Stillen meist standesabhängig, wobei regionale Unterschiede nicht zu vernachlässigen sind. In den oberen Ständen kümmerten sich meist Bedienstete um die Kinder. Der Vorwurf des Mangels an Liebe ist daher auf eine emotional distanzierte Erziehung zurückzuführen. Sehen wir hier die Ursprünge der Bindungsunfähigkeit, die sich von den oberen Schichten in die unteren ausgebreitet hat?

"Wenn das Kind aus dem ersten Schlafe erwacht, in welchen es nach der Geburt sinkt, so verlangt es bald nach Nahrung. Bei gesunden Müttern steht der Eintritt der ersten Milch in die Brüste mit dem Bedürfniß des Kindes im Verhältniß, und es ist daher der Gang, den die Natur anweiset, wenn man sechs, acht, bis zwölf Stunden nach der Geburt das Kind zuerst an die Brust legt. So lange kann das Kind, das meistens schläft, sich recht gut ohne Nahrung behelfen."

Da es üblich war, das Baby nach der Geburt einzuwickeln, und in den höheren Ständen den Bediensteten zu übergeben, ist den Menschen gar nicht aufgefallen, dass Babys schon wenige Minuten nach der Geburt nach der Brust suchen. Nach circa einer Stunde schlafen die meisten Babys dann so oder so ein. Immerhin rät Henke, das Baby nach diesem ersten Schlaf anzulegen. 100 Jahre später gab es nichts außer vielleicht Tee in den ersten 24 Stunden.

"Die erste wäßrige dünne Milch, welche sich in der Brust der Mutter absondert, ist in Hinsicht der Farbe, des Geschmackes, der Dichtigkeit von der späterhin abgesonderten Muttermilch verschieden, auch an sich nicht immer von gleicher Beschaffenheit."

Es stimmt, dass Colostrum anders aussieht, als spätere Milch, aber als wässrig würde ich es nun nicht bezeichnen. Im Gegenteil ist es eher dicklich.

"Die erste Milch hat in frühern Zeiten in dem üblen Rufe gestanden, als sey sie von schädlicher Beschaffenheit und der Gesundheit des Kindes nachtheilig. Selbst Aerzte standen in diesem Glauben, der noch hin und wieder auch in Deutschland herrschend ist. Die einzige Betrachtung, daß die Natur, welche bei allen Säugethieren dem neugebornen Jungen die erste Milch als wohlthätige Nahrung bestimmte, nicht bei dem Menschen eine Ausnahme werde gemacht haben, hätte allein schon diesen widersinnigen Gedanken niederschlagen können, aber chemische Untersuchungen, wie die häufigen täglich sich wiederholenden Erfahrungen, haben gezeigt, daß der Genuß dieser ersten Milch für das Kind sehr heilsam ist, indem ausser der Ernährung noch ein besonderer Zweck dadurch erfüllt wird."

Ist das nicht wie heute? Dinge, die logisch, leicht nachvollziehbar und intuitiv sind, müssen erst durch Studien bewiesen werden, weil der Status Quo ja nicht falsch sein kann.

"Es sind nämlich die Gedärme des neugebornen Kindes mit dem sogenannten Mutter- oder Kindespech, einer zähen dunkelgrünen, bräunlichen oder schwärzlichen, gleichsam pechartigen Masse angefüllt, und nach derselben als eine unnütze und die jetzt nothwendige Verdauung behindernde Bürde, ausgeleert werden muß.
Die erste wässerige Milch der Mutter hat nun aber gerade diese gelindreizende und abführende Kraft für den Darmkanal, und befördert die Ausleerung des das Kind belästigenden Unrathes, und ist also auch in dieser Hinsicht eine wohlthätige Nahrung für das Kind."

Dies ist völlig richtig. Das Colostrum fördert die Ausscheidung des Kindspechs.

"Die gesunde Mutter, welche ihr Kind selbst stillen will und kann, bei der die Milchabsonderung mit oder nach der Geburt eintritt, folge also nicht der nachtheiligen Gewohnheit, das Kind in den ersten Tagen gar nicht an die Brust zu legen, sondern reiche dem Kinde die Brust, sechs, acht, bis zwölf Stunden nach der Geburt."

Für eine lange Zeit war es tatsächlich üblich, den Neugeborenen in den ersten Tagen, solange die Mutter Colostrum hatte, andere Nahrung zu geben. Man nannte diese Mannasäfte oder Kindersäfte. Milch war da meist nicht dabei. Diese Säfte waren Abführmittel, um das Kindspech loszuwerden.

"Es hat nicht selten, besonders bei noch jungen und unerfahrenen Müttern mancherlei Schwierigkeiten ehe das Geschäft des Stillens recht in Gang kommt.
Für diese, die sich oft ohne Noth ängstigen und abmühen, wird es nicht überflüssig seyn, einige aus der Erfahrung genommene Bemerkungen über die beste Behandlungsweise hier vorzutragen."

Stillberater*innen machen auch heute noch die Erfahrung, dass das Stillen beim ersten Kind oft schwieriger in Gang kommt, als bei folgenden Kindern. Das mag daran liegen, dass die Stillende - aber vielleicht auch ihr Körper - das Stillen erst mal lernen muss.

"Fehlt es der Mutter nicht an Milch, ist die Warze gehörig gebauet, das Kind stark und munter, so lernt es sehr bald die Brust nehmen, und das Geschäft des Säugens ist in Ordnung. Will das Kind nicht an der Brust trinken, so muß eine sorgsame Untersuchung der Hebamme, das Hinderniß, welches sehr verschiedenartig seyn kann, ausfindig zu machen suchen. Manchmal ist die Warze zu klein und tiefliegend, als daß das Kind sie fassen könnte, in seltern Fällen ist sie für den Mund des Kindes zu groß. Zuweilen ist das Kind zu schwach und ermattet, um schon saugen zu können. In manchen Fällen liegt die Schuld am Zungenbändchen. Ein andermal weiß die Mutter aus Mangel an Uebung dem Kinde noch nicht die rechte Lage und Stellung zu geben, daher das Kind auch manchmal nur an einer Brust trinkt, und die andere nicht nimmt, wobei es dann nicht selten hilft, wenn man dem Kinde, bis es sich allmählig gewöhnt, die zweite Brust in derselben Stellung reicht, wie die andere, an der es trinkt. In andern Fällen kann das Kind nicht saugen, weil die noch unerfahrene Mutter es solchergestalt, gegen die volle Brust drückt, daß ihm die Nase verschlossen und das Athmen erschwert oder unmöglich gemacht wird; oder das Kind hat Schmerzen von Blähungen, ist zu fest eingewickelt, oder wird von einer Nadel gerizt, u.s.f. wo denn genaues Nachsehen, Loswickeln des Kindes, Trockenlegen, Erwärmung des Unterleibes, einige Löffelchen von Aniss oder Fenchelthee, ein einfaches Klystier Hülfe leisten. Sind fremdartige Stoffe, rother Wein, Branntwein, Galläpfel, oder Oel, fette Salben an die Brust gebacht, um die Warze vorzubereiten, so versteht sich, daß bevor das Kind angelegt wird, dieselbe mit warmen Wasser sorgsam gereinigt werden muß, weil das Kind sonst die Brust nicht nimmt. Zuweilen fühlt das Kind noch kein Bedürfniß zum Trinken, und die zu besorgte Mutter ängstigt sich ohne Noth. Gar nicht selten ist aber der Fall auch umgekehrt; das hungernde Kind findet in der Brust noch keine Nahrung, und das unbefriedigte Bedürfniß bringt das Kind zum Schreien."

Steht zwar viel gutes in diesem Absatz, aber ja, damals wurden schon Neugeborenen Klystiere gegeben. *grusel* Und Brüste/Brustwarzen müssen auf das Stillen nicht vorbereitet werden. Das wissen wir heute besser.

"Ruhiges Verfahren, Aufmerksamkeit, Geduld und einige Geschicklichkeit in der Handhabung des Kindes, welche bald die Uebung erwirbt, reichen da, wo sich keine unabänderliche Hindernisse vorfinden, meistens hin, um die anfänglich vorhandene Schwierigkeiten zu entfernen. Eine leichte aber nicht unwichtige Hülfe verschafft sich die Mutter, wenn das Kind die Brust nicht nehmen will dadurch, daß sie es beim Anlegen recht fest nach innen zu an die Brust drückt, wobei jedoch die Nase frei bleiben muß."

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie dieses "fest nach innen zu an die Brust drücken" gemeint ist, aber ja, Anlegen will geübt sein. Und insbesondere für Breast-Crawling (das Baby legt sich selber an) braucht es Geduld. (Natürlich war Breast-Crawling dem Henke nicht bekannt)

"Nachtheilig ist es immer, wenn man, was nur zu oft geschieht, das Kind bald nach der Geburt zum Trinken zwingen will, wo meistens noch nicht einmal Milch in der Brust vorhanden ist. Man ermüdet Mutter und Kind ohne Noth, und schmerzhafte, wunde, durchgesogne Warzen sind gewöhnlich die Folge davon."

Babys an die Brust zu zwingen, funktioniert nicht und kann tatsächlich zu wunden Warzen führen.

"Sind Mutter und Kind gesund, so daß die erste hinlängliche Fülle an Milch, und das Kind Bedürfniß und Kraft zum Trinken hat, so kommt das Geschäft des Stillens leicht in die gehörige Ordnung, die Mutter richtet sich nach dem natürlichen Bedürfniß des Kindes, und läßt es, so oft es will, sich satt trinken."

Aaawwww. *hachz* Ja, so ist's richtig.

"An eine bestimmte Ordnung ist daher in den ersten Wochen nach der Geburt noch nicht zu denken. Das Kind kann nicht viel Nahrung auf einmal nehmen, bedarf aber eben deswegen, und um zu der naturgemäßen schnellen Ausbildung seines Körpers Stoff und Kräfte zu erlangen, eines öftern und schnellen Ersatzes. Die Mutter reiche daher dem Kinde die Brust so oft es erwacht, und durch Unruhe und Greifen nach der Brust sein Bedürfniß zu erkennen gibt. Nie muß aber das Kind durch zu häufiges Anlegen zum Trinken gezwungen, oder das Darreichen der Brust bei schreienden Kindern, auch wenn sie eben gesättigt sind, als Beruhigungsmittel angewendet werden, weil dadurch nur Ueberladung des Magens, Erbrechen, gestörte Verdauung und Kränklichkeit des Kindes veranlaßt wird."

Manche Babys wollen gerne, wenn sie satt sind, noch ein wenig an der Brust nuckeln. Das beruhigt ja schließlich. Dafür müssen sie aber erst lernen zu nuckeln ohne den Milchfluss auszulösen. Wenn das nicht gelingt, weinen sie. Bei diesem Kreislauf kann es natürlich vorkommen, dass der Magen überladen wird. Das ist nicht schlimm; kommt dann halt oben wieder raus. Das ist kein Erbrechen. Aber kann es sein, dass solches Verhalten der Kinder fehlinterpretiert wurde und daher in späteren Jahren von Seiten der Ärzte eine Begrenzung der Milchmenge empfohlen wurde? Denn 100 Jahre nach Henke war genau das eingetreten. 

Alle Zitate aus:

Taschenbuch für Mütter über die physische Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren und über die Verhütung, Erkenntniß und Behandlung der gewöhnlichen Kinderkrankheiten, Adolph Henke, K. Bayer. Hofrath u. Professor der Medicin in Erlangen, 2. Auflage, Friedrich Wilmans Verlagshandlung, Frankfurt am Main, 1832

Zum Weiterlesen:

Der Abschnitt Eine kurze Geschichte des Stillens in unserem Buch "Bei meinem Kind mache ich das anders", Beltz 2022.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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