"Elternschule" - Der Diskurs um die Doku zeigt, dass die Vergangenheit die Kindererziehung noch immer fest im Griff hat.

Am Mittwoch, den 3.7.2019, läuft zum ersten Mal die Dokumentation "Elternschule" im deutschen Fernsehen. Der Film war letztes Jahr für den Deutschen Filmpreis nominiert. Der Titel und die Berichterstattung in den Medien suggerieren, hier würden Eltern lernen, ihre Kinder richtig zu erziehen. Das Gegenteil ist der Fall.

Disclaimer: Ich habe den Film selber nicht gesehen. Da ich mich mit anderen Menschen ausgetauscht habe, die ihn gesehen haben, möchte ich mir den Film auch nicht antun. Ich denke, er würde mich triggern.

Nicht nur handelt es sich bei der Klinik in Gelsenkirchen um eine Einrichtung, an die sich Eltern wenden, die in Ausnahmesituationen stecken, die also nicht einfach Unterstützung für den stinknormalen Alltag suchen. Sondern die Methoden, mit denen die Klinik arbeitet, sind gelinde gesagt zweifelhaft. Hier werden anscheinend die Kinder dazu gebracht, so zu funktionieren, dass sie ihren Eltern keine Scherereien mehr machen, statt der Familie als Ganzes zu helfen. Das kann eigentlich nur zu Lasten der Kinder und ihrer psychischen Gesundheit gehen.

Die Arbeitsweise der Gelsenkirchener Elternschule beruht auf Literatur, die in dem Kind einen Tyrannen sieht. Es wird beispielsweise behauptet, Kinder würden Krankheiten wie Neurodermitis benutzen, um ihre Eltern zu manipulieren. Wenn die Eltern sich nicht mehr manipulieren ließen, würde auch die Neurodermitis verschwinden.

Es ist bestürzend, dass derartige Methoden, die den Willen des Kindes brechen sollen, heute noch angewendet werden. Dass sie in der Bevölkerung noch benutzt werden (siehe z.B. Schlaflernprogramme), ist schlimm genug. Aber hier handelt es sich um Fachleute. Um Fachleute! Es ist doch längst bekannt, welche Folgen diese Methoden haben können! Als Historikerin bin ich entsetzt. Als Privatperson, als Mutter und als Betroffene bin ich fassungslos. Darum widme ich in dieser Woche meine Beiträge dem Thema "Kinder im Krankenhaus".

Morgen erscheint hier mein eigener Erfahrungsbericht. Mein Wille wurde in einem Krankenhaus gebrochen. In der Folge war ich ein pflegeleichtes Kind und bei solchen denkt man nicht daran, dass etwas nicht stimmen könne. Ich war selber schon Mutter als ich begann, die wahren Ausmaße und Folgen meiner Tortur zu erkennen. Also selbst wenn Eltern nach dem Besuch der Elternschule keine Probleme mehr mit ihrem Kind haben, heißt das noch lange nicht, dass das Kind keine Probleme mehr hat. Es hat sie vielleicht nur tief im Inneren vergraben, wo sie nun schwelen.

Wie diese Dokumentation in den Mainstream-Medien gefeiert wird, zeigt, wie kinderfeindlich unsere Gesellschaft noch immer ist. Es zeigt, wie verwurzelt die Idee vom kindlichen Tyrannen noch immer ist, dem gezeigt werden müsse, wo sein Platz in der Rangordnung sei. Und es zeigt mir persönlich, wie wichtig meine Arbeit ist. Der Bedarf an Aufklärung über die Ursprünge und Folgen derartiger Sichtweisen und Erziehungsmethoden ist nach wie vor riesig.

Lesenswert zum Thema Elternschule sind folgende Beiträge:

Die Kinder-Dressur von Johannes Mölkenberg auf dem Blog rubikon.news

Elternschule: Bitte nicht nachmachen! von Nora Imlau bei eltern.com

Die Tweets des Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. med. Oliver Dierssen (@KJPGehrden), z.B. hier und hier.

"Elternschule": Wenn Therapeuten zu weit gehen von Michaela Skott auf dem Blog women-at.work

Edit: Herbert Renz-Polster hat einen weiteren wichtigen Beitrag verfasst: „Elternschule“ jetzt im Fernsehen - Roter Teppich für eine umstrittene Therapie?

Außerdem möchte ich noch einmal auf einen Link hinweisen, den ich letzte Woche schon gepostet hatte: Es wurde nachgewiesen, dass Eltern, die aufgrund von Ratgebern ihre Kinder nach strikten Mustern erziehen, häufiger unter geringem Selbstwertgefühl und Depressionen leiden. [edit: 1.7.2022: Link entfernt, da Seite nicht mehr vorhanden. Es ging um dieses Paper der Uni Swansea: Harries, V., & Brown, A. (2017) The association between use of infant parenting books that promote strict routines, and maternal depression, self-efficacy, and parenting confidence.]

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