Adalbert Czerny (1863-1941) war ein äußerst erfolgreicher Kinderarzt. Er lehrte an der Berliner Charité und gründete dort die internationale Pädiatrieschule. Er hat sich um die moderne Kinderheilkunde so verdient gemacht, dass er als einer ihrer Begründer angesehen wird. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), deren Vorsitzender Czerny 1923 war, vergibt seit 1963 den Adalbert-Czerny-Preis für besondere wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Kinderheilkunde. Zu seinem 150. Geburtstag wurde Czerny mit einem Google Doodle geehrt. Mit seinem Schüler und Mitarbeiter Arthur Keller (1868–1934) verfasste er ein Standard-Werk zur Ernährungslehre in der Kinderheilkunde.

Adalbert Czerny war außerdem ein Kinderhasser. 

Überdeutlich wird das in seinem Erziehungsratgeber "Der Arzt als Erzieher des Kindes".  Das Buch beruht auf einer Reihe an Vorlesungen und wurde zwischen 1908 und 1946 in 11 unveränderten Auflagen herausgegeben. Wie der Titel schon andeutet, ist Czerny der Meinung, dass der Kinderarzt ein Wegweiser in Sachen Kindererziehung sein solle. Die Eltern seien ja nur Laien und oft viel zu weich und willensschwach. Der Arzt hingegen weiß, was gut für das Kind ist, und es ist seine Aufgabe, das den Eltern beizubringen. Die Vorlesungen richteten sich an Medizinstudierende, um sie auf diese Aufgabe vorzubereiten.

"Wer soll Eltern auf die große Bedeutung dieser ersten Erziehungseinflüsse auf ein Kind aufmerksam machen, wer soll solchen Vorurteilen, wie dem, daß das Kind alles nur mit der Milch einsaugt, entgegentreten? Dies kann nur Aufgabe eines Arztes sein, denn nur er vermag die Konsequenzen einer fehlerhaften Erziehung eines Kindes in den ersten Anfängen objektiv zu beurteilen, und ihm fällt die Aufgabe zu, später aus Erziehungsfehlern resultierende Mängel der Kinder zu behandeln."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946, S. 4f

In der Klinik und auch zuhause kann es laut Czerny einem Arzt nicht egal sein, wer die Kinder pflegt, da diese bei den ärztlichen Untersuchungen keinen Widerstand leisten sollen, und das bei der Pflege berücksichtig werden müsse. Das Kind hat den Willen der Erwachsenen immer über sich ergehen zu lassen.

"Der Arzt, der nicht nach dem Wunsche des Kindes fragen kann, sondern es anfassen und in Lagen bringen muß, welche die Untersuchung erfordert, ist dem verwöhnten Kinde ein Feind, gegen den es sich mit allem wehrt, was ihm zur Verfügung steht. Der Arzt hat somit Interesse, sich darum zu kümmern, wer ein Kind pflegt, und ist genötigt, darauf aufmerksam zu machen, daß eine liebevolle Behandlung, wie sie manchmal Säuglingen durch ältere Personen zuteil wird, unterlassen werden soll."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946, S. 21

Natürlich ist es besser, wenn es gar nicht erst so weit kommt, dass das Kind Widerstand leistet. Der Arzt muss also den Eltern Vorschriften zur Erziehung machen und "Erziehungsfehler" korrigieren lassen.

"Am härtesten straft sich die fehlerhafte Erziehung eines Kindes, wenn es krank wird. Hatten die Eltern bereits keine Gewalt über ihr gesundes Kind, so verlieren sie diese vollends beim kranken. Derartige Patienten erschweren aber nicht nur dem Pflegepersonal und dem Arzt die Ausübung ihrer Pflichten, sondern sie haben selbst am meisten unter dem Zwang zu leiden, der bei ihnen häufiger zur Anwendung kommen muß, als bei richtig erzogenen Kindern. Kommt ein Arzt erst gelegentlich eines Erkrankungsfalles in die Lage, solche Erziehungsfehler erkennen zu können, so ist es seine Pflicht, während oder nach Ablauf der Krankheit für deren Korrektur zu sorgen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946, S. 96

Die wichtigsten Erziehungsziele sind für Czerny: Selbstbeherrschung, Triebbeherrschung, Subordination, Pflichtbewusstsein, Ausdauer und Leistungsfähigkeit. Wenn ein Kind sich im Trotzanfall auf den Boden wirft, so ist das laut Czerny "ein Resultat grober Erziehungsfehler." (S. 29) Kleinkinder sollen sich hauptsächlich im Laufstall aufhalten. Sie lernen darin Selbstbeherrschung, weil sie nicht alles haben können, was sie wollen.

"Bei Kindern des ersten Lebensjahres ist es die Hauptaufgabe der psychischen Erziehung so wenig wie möglich Ansprüche wachzurufen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946, S. 27f

Babys sollen außerhalb der Fütterungszeiten möglichst "in Ruhe gelassen" werden. Dies ist eine Forderung, die wir speziell in der NS-Erziehung wiederfinden. Czerny verlangt, dass Kinder und insbesondere Babys nicht geistig gefördert werden. Er hält nicht damit hinterm Berg, dass dies dazu dient, die Kinder leichter manipulieren zu können. Es macht die Erziehung einfacher, wenn das Kind nicht besonders klug ist. 

"Die artigsten Säuglinge, bei körperlicher Gesundheit, sind die Idioten. Leicht zu erziehen sind Kinder, deren geistige Entwicklung im ersten Lebensjahre innerhalb normaler Grenzen, aber langsam vor sich geht, und schwer zu erziehen sind diejenigen, welche rapide Fortschritte der geistigen Entwicklung zeigen, und bei denen die Entwicklung des Nervensystems oft auffallend mit der Zartheit des Körpers kontrastiert."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 7

In der Nacht sollten Kinder von Anfang an alleine durchschlafen. Schreienlassen solle man sie aber nicht zu lange, da sie sonst einen Nabelbruch erleiden könnten. Andere Einwände gegen das Schreienlassen hatte Czerny nicht.

Dementsprechend bevorzugt Czerny im beruflichen Umfeld Pflegerinnen, die die Kinder "in Ruhe lassen".

"Für alle ungeschulten, aber leider auch für einen Teil der vorgebildeten Pflegerinnen gilt die Ansicht, daß alle Kinder gleich sind und alle nach einem einzigen Prinzip groß gezogen werden können. Sie haben zumeist nur den einen Vorteil, daß sie sich nur um die körperliche Pflege des Kindes kümmern und die psychische Entwicklung vernachlässigen. Ich sage mit Absicht, daß dies ein Vorteil ist. Die Pflegerinnen sind froh, wenn sie das Kind körperlich versorgt haben und lassen es in Ruhe, um selbst Ruhe zu haben. Die geistige Entwicklung der Kinder wird dabei nicht gefördert, und dies ist für viele Kinder im ersten Lebensjahre nur wünschenswert." S. 22f

Es gab bereits um die Jahrhundertwende erste Ansätze der Forschung zu Hospitalismus. Czerny erklärt, dass die vernachlässigten, willenlosen Kinder keineswegs einen Schaden hätten, sondern viel mehr musterhaft erzogen worden seien.

"Bedeutende Ärzte, wie z. b. Parrot, haben aus ihren Erfahrungen in Findelhäusern und Kinderkrankenanstalten geschlossen, daß die Entwicklung der Kinder daselbt zu wünschen übrig lasse, weil den Kindern die richtige und zweckmäßige Anregung durch die Umgebung fehlt. Dies läßt sich tatsächlich nicht in Abrede stellen, aber es ist in keiner Weise erwiesen, daß den Kindern Nachteile durch den Mangel an psychischer Anregung erwachsen. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß dieselben in anderen Umständen der Hospitalpflege zu suchen sind. Die Erfahrungen in Säuglingshospitälern sind aber dadurch wertvoll, daß man in diesen Anstalten sehen und lernen kann, wie weit sich sie Säuglinge durch Erziehung beeinflussen lassen. In der Privatpraxis hört man von Kindern, bei denen die Durchführung einer bestimmten Ernährung nicht erreichbar ist, denen eine vom Arzt verordnete Nahrung nicht beizubringen ist, welche nicht liegen, sondern permanent getragen sein wollen, von Kindern, welche sich vor Männern fürchten oder umgekehrt vor jeder Frau mit Ausnahme der Pflegerin u. dgl. m. Solche Beobachtungen fehlen dem Anstaltsarzt, auch wenn er über das größere Beobachtungsmaterial verfügt. Sie fehlen, weil sie unter dem Einflusse der Anstaltserziehung nicht vorkommen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 5f

Einzelkinder und Nachzügler sind laut Czerny zu viel mit Erwachsenen zusammen und zeigen "rapide Fortschritte in der geistigen Entwicklung" (S. 86). Das ist schlecht, weil sie zu schnell zu viel lernen. Sie würden dadurch altklug und niemand mag altkluge Kinder. Lieber sollen sie mit anderen Kindern spielen, denn dann ist ihr Spiel "harmlos und naiv" (S. 88). Im Kindergarten jedoch ist es mit der "Ruhe" und dem freien Spiel vorbei. Kinder sollen beschäftigt und angeleitet werden, damit sie etwas lernen.

"Wenn ein Kind beispielsweise Bausteine einer Vorlage entsprechend aufbauen soll, so wird es veranlaßt, diese Vorlage genau zu betrachten. Dadurch wird das Spielen mit den Bausteinen zu einem Unterrichtsmittel. Überläßt man dem Kinde die Bausteine, so daß es mit denselben machen kann, was es will, so lernt es nichts anderes, als mit nutzlosem Spiel die Zeit zu verbringen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 44

Und wenn es in der Entwicklung mal einen kleinen Rückschritt gibt, dann liegt das an der "krankhaften Willensschwäche des Kindes".

"Kinder, die zuverlässig sauber waren, machen sich bei Tag oder bei Nacht wiederholt naß, und alle Ermahnungen und Strafen erweisen sich als wirkungslos. Der verlorengegangene Erziehungserfolg läßt sich nicht mehr auf pädagogischem Wege wieder herstellen. Hier muß der Arzt mit einer suggestiven Therapie einschreiten, um die krankhafte Willensschwäche des Kindes, denn nur um eine solche handelt es sich, zu korrigieren."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 30

Von Belohnungen als Erziehungsmittel hält Adalbert Czerny überhaupt nichts. Körperliche Strafen hingegen hält Czerny für unentbehrlich besonders "wenn die Methode der Belohnung erschöpft" (S. 39) ist und betont, dass diese auf jeden Fall weh tun müssen. Nicht zu strafen sei eine "pathologische Willensschwäche der Eltern."

"Die Strafmittel, über die wir für Kinder der ersten Lebensjahre verfügen, bestehen entweder in der Ablehnung eines Wunsches oder einer Bitte des Kindes oder in der körperlichen Züchtigung. Die ersteren Strafen sind für alle Kinder anwendbar, und es verrät immer ein vollständiges Verkennen der wichtigsten Erziehungsmaßregeln oder eine pathologische Willensschwäche von seiten der Eltern oder Erzieher, wenn von ihnen kein Gebrauch gemacht wird. Keinem Beobachter kann es entgehen, daß es aber auch Kinder gibt, welche damit allein nicht zum Gehorsam und zur Subordination zu bringen sind. Für diese ist und bleibt die körperliche Strafe als Erziehungsmittel unentbehrlich. Sie soll als die strengste Strafe aufgefaßt und deshalb nur relativ selten in Anwendung gezogen werden. Der Effekt der körperlichen Strafe wird nur dann erreicht, wenn sie mit einer tatsächlichen Schmerzempfindung verknüpft ist. Bei vielen geistig minderwertigen und imbezilen Kindern ist die Empfindung für Schmerz stark herabgesetzt, (...) Es ist leicht verständlich, daß bei derartig anormalen Kindern eine körperliche Strafe die beabsichtigte Wirkung nicht haben kann. (...)
Die körperliche Strafe darf aber auch bei normalen Kindern nur so lange angewendet werden, als die Schmerzempfindung das wirksame Prinzip darstellt. Kommen Kinder in ein Alter, wo sie sich durch solche Strafen in ihrem Ehrgefühl verletzt glauben, dann darf von diesen nicht mehr Gebrauch gemacht werden, da sonst nur Trotz und Haß gegen die Erzieher die Folge ist."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 39ff

Angst vor Strafe ist also so lange ein prima Erziehungsmittel bis die Strafe nicht mehr nur körperlich, sondern auch seelisch weh tut. Czerny versäumt zu erklären, woran diese seelische Verletzung erkannt werden kann. Aber er erkennt sie auch nicht wirklich an. Die Kinder glauben für ihn nur, ihr Ehrgefühl sei verletzt. 

Angst vor Schmerzen ist für Czerny also völlig okay. Ironischerweise sollen Kindern aber keine Gruselgeschichten erzählt werden, damit sie keine "Angst und Furcht" bekommen, "da diese nachhaltig und ungünstig auf ihre Psyche einwirken." (S. 49)

Czerny hasste geistig behinderte Kinder besonders 

Falls es durch seine Wortwahl (die ja durchaus zeitgemäß war) noch nicht deutlich wurde, sehen wir an folgenden Zitaten über geistig behinderte Kinder, dass er diese ganz besonders hasste. Sie sollten den anderen Kindern nicht im Weg sein.

"Für geistig minderwertige Kinder müssen besondere Schulen eingerichtet werden."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 62

Ferien auf dem Land haben für Stadtkinder viele Vorteile, sagt Czerny. Für behinderte Kinder findet er noch einen weiteren Vorteil: die gute Erziehung außer Haus. Wie wir gesehen haben, bedeutet das institutionelle Vernachlässigung.

"Die [Kur auf dem Land] kann bei psychopathischen Kindern vorteilhaft dazu genutzt werden, sie vorübergehend in ein fremdes Milieu zu versetzen. Die guten Erfolge, welche in Seehospizen und in Kinderpensionaten verschiedener Kurorte erreicht werden, erklären sich hauptsächlich aus der Trennung der Kinder von ihren Angehörigen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 75

Wir erinnern uns, dass das Spiel im Kindergarten immer unter Anleitung geschehen soll. Außer für behinderte Kinder. Bei denen lohnt es sich wohl nicht.

"Ich verweise hier absichtlich auf die Kindergärten nach Fröbelschem System. Das Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der Kinder im Montessori-Kindergarten kann ich für geistig normale Kinder nicht als zweckmäßig anerkennen."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 41

Adalbert Czerny war ein Frauenhasser.

Czerny war ein nicht nur ein Kinder- sondern auch ein Frauenhasser. Frauen mit eigener Meinung waren ihm unbequem.

"Alte Kinderfrauen erfreuen sich bei Ärzten keiner Beliebtheit, weil sie als unbelehrbar gelten."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 16

Am liebsten sind ihm junge Eltern, denn die hören am ehesten auf den Arzt.

"Die meisten Erziehungsfehler betreffen das erstgeborene Kind, besonders, wenn es erst nach mehrjähriger Ehe zur Welt kommt. Noch mehr Erziehungsfehler kann man aber beobachten bei Erstgeborenen sehr alter Eltern oder bei Nachzüglern, welche nach einer Pause von 10 bis 20 Jahren folgen. Dagegen lehrt die Erfahrung, daß die Kinder am besten davonkommen, deren Eltern relativ jung sind. Ältere Menschen sind immer weichherziger, nachsichtiger gegen Kinder, und ihre Milde nimmt Formen an, welche sie zur Erziehung von Kindern ungeeignet machen. Aus diesem Grunde sind auch Großmütter und alte Tanten für Kinder, denen sie ihre Gunst zuwenden, oft kein Vorteil."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 17

Auch zu Ammen hatte er eine eindeutige Meinung. Ammen waren oft unverheiratete Mütter. Und unverheiratet schwanger zu werden, war in Czernys Augen einfach nur dumm.

"Intelligenz kann man von einer Amme nicht erwarten, denn die intelligenten Mädchen kommen nicht in die Situation, Ammen zu werden."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 22

Ammen kamen außerdem meist aus den niedrigeren Ständen, so wie viele im Privathaushalt angestellte Frauen. Adalbert Czerny aber war elitär. Wenn schon eine Frau, dann wenigstens eine, die was besseres ist als der gemeine Pöbel.

"Auch alle übrigen Kindermädchen und Kinderfrauen rekrutieren sich bisher in Deutschland aus den niedrigeren Volksschichten. Die meisten von ihnen haben gar keine Vorbildung, sondern kommen gleich in die Zwangslage, ein Kind pflegen zu müssen. (...)
Es ist erfreulich, daß man in den letzten Dezennien in Deutschland an zahlreichen Stellen den Versuch macht, Kinderpflegerinnen in Anstalten sachgemäß auszubilden. Dieser Zweck könnte am besten erreicht werden, wenn sich Töchter der besseren Stände diesem Berufe widmen würden."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 22f

Adalbert Czerny war Nationalist.

Zur Jahrhundertwende war es in gehobenen Kreisen modern, französische oder englische Kindermädchen einzustellen. Dadurch sollten die Kinder von klein auf zwei Sprachen lernen. Das war Adalbert Czerny die Bilingualität ein Dorn im Auge.

"Mit dem Unterricht in einer zweiten Sprache soll erst eingesetzt werden, wenn das Kind die erste gut beherrscht. Die Erziehung eines Kindes in [nur] einer Sprache hat außerdem noch den Vorteil, daß dadurch zeitig sein Nationalbewußtsein geweckt wird. Die meisten Überläufer von einer Nation zur anderen beobachtet man dort, wo von Anfang an die Kinder an zwei Sprachen gleichmäßig gewöhnt werden. Solchen Kindern fehlt der Begriff der Muttersprache, weil sie von der Mutter stets zwei Sprachen gehört haben."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1946,  S. 34

Kurz: Adalbert Czerny war ein fürchterlicher Mensch

Czerny verhielt sich nur gegenüber seinesgleichen anständig. Außerhalb seines elitären Kreises war er ein garstiger Zeitgenosse.

"Als Chef war er liebenswürdig und gutmütig, als Gegner gefährlich durch eine scharfe Zunge und eine spitze Feder, sowie durch grimmigen Humor."
Quelle: deutsche-biographie.de/sfz9131.html

Ein garstiger Zeitgenosse mit viel Einfluss. Czerny war Professor. Er bildete Kinderärzte aus. Krankenschwestern wurden nach seinen Lehren ausgebildet. Czerny war auch als Kinderarzt tätig und hat seine Erziehungsanweisungen (es waren weder Tipps, noch Ratschläge) direkt an Eltern weitergegeben. Er verbreitete seine menschenverachtenden Ansichten sehr erfolgreich, wie er in dem Vorwort zur achten Auflage von "Der Arzt als Erzieher des Kindes" 1934 selber feststellt:

"Die Vorlesungen hatten den Zweck, die Ärzte aufmerksam zu machen, daß es ihre Aufgabe ist, sich mit der Erziehung der Kinder zu befassen. Die Aufgabe ist gegenwärtig erfüllt."

1934 war das Jahr, in dem "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer erstmals erschien. In Sachen Erziehung lässt sich zusammenfassen: Adalbert Czerny forderte alles, was Johanna Haarer forderte, schon ein Vierteljahrhundert vor ihr und wesentlich härter und energischer als sie. Johanna Haarer hat ihr Buch immer wieder überarbeitet. Insbesondere nach 1945. Die späten Auflagen hatten kaum etwas mit den früheren gemein. Czerny hat sein Werk in über 30 Jahren kein Stück verändert. Nicht ein Wort wurde aktualisiert.

Czerny hat sich um die Kinderheilkunde verdient gemacht, keine Frage. Aber er hat auch nachhaltig Schwarze Pädagogik verbreitet. Ich behaupte daher, dass Adalbert Czerny einen viel größeren Einfluss auf die Kindererziehung hatte als Johanna Haarer. Ohne seine Vorarbeit wäre ihre nicht möglich gewesen. 

Es ist ja auch bequem, Czernys Schwarze Pädagogik unter den Teppich zu kehren, und sich nur auf seine medizinischen Errungenschaften zu konzentrieren. Das ist besonders einfach, wenn man doch schon die Haarer als Sündenbock für die NS-Erziehung hat. Darum ist es so wichtig, darauf hinzuweisen, dass es #mehrAlsHaarer war. Johanna Haarer alleine hätte die Erziehungslandschaft nicht so nachhaltig verändern können. Sie war Trittbrettfahrerin.

Bei Haarer ist die Verurteilung einfach. Sie war Nazi; daran besteht kein Zweifel. Noch dazu war sie eine Frau und Frauen sollen doch von Natur aus fürsorglich sein! Bei einer Frau schockt es viel mehr, wenn sie Härte predigt, als wenn ein Mann das tut. Dem Halbgott in Weiß wird hingegen schnell verziehen, dass er so "grimmig" war. Er war halt ein Genie und vielleicht etwas exzentrisch. Das muss man schon verstehen, nicht wahr? Seine nationalistischen Äußerungen werden auch geflissentlich übersehen oder verziehen. War halt damals die Zeit, hm?

Aber es wirkt nach. Bis heute. Weiße, alte Männer wie Czerny, Osiander oder Klencke sind lange genug mit zu vielen Dingen durchgekommen. Es ist Zeit, sie zu entlarven, um den von ihnen verbreiteten Dreck, der sich festgesetzt hat, wieder los zu werden.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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