Kann ja nicht wahr sein! In zehn Jahren Säuglingspflege-Blog habe ich noch nichts über Schnuller geschrieben? Na, dann wird es aber höchste Zeit. Lassen wir Dr. Friedrich Böhm erstmal erklären, was ein Schnuller überhaupt ist.

"Den größten Unfug, der besonders auf dem Lande noch häufig vorkommt und dazu angetan erscheint, die Gesundheit des Säuglings empfindlich zu schädigen, bildet das Darreichen des sogenannten "Schnullers."
Mütter, die zu bequem sind, beim Schreien des Kindes nach der Ursache zu forschen, helfen sich oft damit, daß sie dem Säugling einen dicken Schnuller, in welchem in der Regel Semmelmehl und Zucker eingebunden sind, in den Mund stecken und so denselben zustopfen.
Diese Unsitte ist höchst schädlich. Der Zucker setzt sich im Körper zum Teil in Milchsäure um, und diese besitzt die Fähigkeit, dem Knochen Kalksalze zu entziehen. (...)
Will man den Kindern etwas in der Zwischenzeit in den Mund geben, so ist immer noch der Gummischnuller, der aber keine Öffnung vorn haben darf und über einem Stöpsel festgezogen ist, vorzuziehen! (...) Ein gut gepflegtes und ernährtes Kind braucht überhaupt keinen solchen Zeitvertreib!"
Das Kind im ersten Lebensjahre - dessen Pflege und Krankheiten, Dr. Friedrich Böhm, 6. Auflage, 1904

Klar, Mütter geben Schnuller, weil sie zu faul sind, sich anständig um ihre Kinder zu kümmern. Natürlich. Der Schnuller wird den Kindern auch nur als Zeitvertreib gegeben. Saugbedürfnis? Ein Fremdwort.

Schnuller gibt es schon ewig. Von Philipp Biedert erfahren wir, dass es sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit durchaus Ärzte gab, die für den Schnuller waren.

"Schläft das Kind wie gewöhnlich an der Brust ein, so wird es entfernt; das Auswaschen des Mundes nach jedem Trinken gehört wegen dieses Einschlafens zu den Gesetzen, die nicht gehalten werden. Das aber kann man verlangen, dass wenigstens mehrmals am Tag der Mund des Kindes mit einem nassen Läppchen gut gereinigt werde. Daran schliesst sich die Forderung, dass der Mund nicht künstlich verunreinigt werde durch sog. Schnuller, Schlutzer oder Strutzel. Zwar gründet sich die erste Anwendung derselben auf ärztliche Autorität, indem Metlinger (12) und dann Rösslin (10), wenn auch nur für die Zeit des Entwöhnens, riethen, ein „Zepflin mit Brod und Zucker“ dem Kind in den Mund zu stecken; noch ein neuerer Autor, Vogel (123), bricht eine Lanze für seine Unschädlichkeit, „falls er stets frisch gemacht werde“, und für seine Nothwendigkeit bei armen Leuten, welche sich damit die nöthige Ruhe nach den Anstrengungen des Tages verschaffen. Es scheint aber sicher, dass die meisten Schnuller alt und schmutzig werden, Säure und Pilze in den Mund einführen, ich habe Kinder gesehen, denen sie sogar die Zähne völlig weggeschliffen haben; andererseits scheint mir bei einer vernünftigen Ernährung und Gewöhnung des Kindes ein aussergewöhnliches Beruhigungsmittel nicht nothwendig. Darum, weil ich jene will und dem Schmutz keinen Vorschub leisten mag, schliesse ich mich denen an, welche den Schlutzer unbedingt verwerfen."
(12) 1473. Metlinger, Barth., Ein Regiment der jungen Kinder, Augsburg (Strassburg 1510 u 150, hier Mötlinger genannt)
(15) 1522. Rösslin, Euchar., Der Swangern Frawen und Hebammen Rosengarten. Strassburg (1528, Augsb. bei Hein. Steiner)
(123) 1877. Vogel, Lehrbuch der Kinderkrankheiten. Erlangen u. Stuttgart
Die Kinderernährung um Säuglingsalter, Philipp Biedert, 1880, S.159f

Die meisten Ärzte waren jedoch gegen den Schnuller - aus den bereits genannten Gründen. Die mit Lebensmitteln gefüllten Tücher waren in vielerlei Hinsicht ungesund. Da waren moderne Schnuller aus Kautschuk tatsächlich ein großer Fortschritt.

"Der Zulp oder Schnuller, in Süddeutschland fast allgemein in Gebrauch, wird nicht mit Unrecht von den meisten Aerzten aus der Kinderstube ganz verbannt. Gewöhnlich wird er aus gestossenem Zwieback oder Semmel mit Kuhmilch bereitet, der Brei in einen leinenen Lappen gebracht und zugebunden. Dem Kinde in den Mund gesteckt, soll er sein Schreien etc. beruhigen. Die Gefahr besteht aber darin, dass der Inhalt sehr leicht in saure Gährung übergeht und durch den verschluckten Speichel die Verdauung stört und die Pilzbildung auf der Mucosa des Mundes befördert, die oft ein trauriges Ende nimmt. Er erzeugt fermentähnliche Wirkungen im Munde; in Familien, wo sich derselbe gar nicht beseitigen lassen sollte, kann man als Ersatz ein Kautschuckhütchen, das diese schädlichen Wirkungen nicht äussert, geben. Die Kinder verhalten sich auch dabei ruhig."
Über die Ernährung der Neugeborenen, Inaugural-Dissertation, Jul Erhard, 1877

Die folgende Anekdote lässt vermuten, dass es gar nicht so unüblich war, dass Eltern ihre Kinder mit dem Schnuller unbeaufsichtigt ließen, was voe allem die Gefahr des Erstickens mit sich brachte. Die geschilderte Begebenheit dürfte jedoch eine Ausnahme gewesen sein ...

"Ein Kind kommt durch einen Zulp in Gefahr von einer Katze erdrosselt zu werden.
Vor noch nicht allzulanger Zeit, legte eine Frau ihren kleinen Säugling mit einem Zulp im Mund in die Wiege und gieng auf den Wochenmarkt. Während ihrer Abwesenheit fieng das Kind wacker an zu zulpen, verursachte aber dabei mit den Lippen und der Zunge einen Laut, wodurch die junge Katze, die nicht weit entfernt lag, eine Maus vermuthete. Kaum hatte die Katze den Ort, wo das Geräusch herkam und den Zulp des Kindes bemerkt, so springt sie in die Wiege, haut sich in den Hals des Kindes ein, und ist bemüht den Zulp zu zerbeißen. Zum Glück hört die neben an wohnende Nachbarin das Stöhnen des Kindes, und befreit solches durch schnelle Herbeirufung eines Arztes vom Tod."
M. Geyer
Museum des Wundervollen, 7. Band, 1807

Da Mütter sich aber nun nicht den Gebrauch des Schnullers von den Ärzten verbieten ließen, gab Christian August Struve wenigstens ein paar Sciherheitstipps. Bemerkenswert ist hier, dass der Lappen wohl auch genutzt wurde, um den kleinen Kindern Wasser zu trinken zu geben.

"Leider hat man, in vielen Gegenden Teutschlands diese abscheuliche Gewohnheit nicht abgelegt, und die Wärterinnen glauben durchaus nicht ohne Zulp das Kind aufziehen zu können. Alles Zureden des Arztes heilt sie nicht von ihrer Unvernunft. Nun so bitte ich alle Mütter, und alle die sich mit der Pflege der Kinder beschäftigen, wenigstens den Sauglappen dem Kind nicht länger als die ersten acht Wochen zu laßen, oder besser, ihn überhaupt nur dann zu geben, wenn es trinkt, denn manche Wärterinnen glauben, sie könnten dem Kinde nicht wohl zu trinken geben, ohne Sauglappen, weil es sich sonst verschluckt; (freilich wenn man ihm aus einem weiten Gefäße zu trinken giebt, aber wenn man ihm aus einem Glase mit langen Halse zu trinken giebt, darf man das nicht befürchten); ferner die Läpchen gut auszuwaschen, und niemals das Brod, Zwieback oder Semmel, womit man ihn füllt, zu lange darinn zu laßen, wenn es das Kind nicht in einigen Stunden aussaugt, wieder frisches zu nehmen, damit die Speise nicht sauer wird; endlich darf der Sauglappen nicht zu oft eingetaucht werden, denn mit dem Wasser zieht das Kind zugleich eine Menge Luft ein, welche ihm Blähungen und Leibschmerzen verursacht."
Ueber die Erziehung und Behandlung der Kinder in den ersten Lebensjaren, Christian August Struve, 1798

Der folgende Text legt nahe, dass es vor allem nicht-gestillte Kinder waren, die einen Schnuller bekamen. Das liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Regionale Unterschiede dürften auch mal wieder eine Rolle gespielt haben. Womit der Autor aber völlig daneben liegt, ist, dass das Gewöhnen an einen Schnuller das spätere Rauchen nach sich ziehe. Vielmehr wissen wir heute, dass ein nicht gestilltes Saugbedürfnis einen EInfluss auf späteres orales Suchtverhalten haben kann. Indirekt wird in dem Text auch eine Saugpräferenz (oder "Saugverwirrung") erwähnt.

"Bei der künstlichen Auffütterung spielt das Zuckerbeutelchen, der Suzel, Zulp, Schnuller eine wichtige Rolle.
Man hält es für unausführbar, ein Kind ohne denselben aufzuziehen. Dieß ist ein großes Unglück und die Quelle vieler Leiden! Ich gebe zu, daß es leichter ist, gegen den Zulp zu schreiben, als mit einem nach Nahrung lechzenden Würmchen Tag und Nacht herumzutänzeln. Ich weiß, daß ein Wasserkind viel schreit, weil es viel zu leiden hat, daß dieses Geschrei das Herz angreift, obleich es dem Kinde nicht immer schadet, ja bis zu einem gewissen Grade zur Uebung, Stärkung und Entwicklung der Athemwerkzeuge beiträgt. Ich weiß endlich, daß, wer einmal auf einem Abwege ist, und ein solcher ist ja die künstliche Auffütterung, immer weiter vom rechten Wege abkommt. - Wenn nun das Kind immerfort schreit, wenn es bald links, bald rechts schnappt, das Fäustchen in den Mund steckt, und man sich gar nicht mehr zu helfen weiß, ist es am Ende da nicht verzeihlich, wenn man froh ist, das Kind auf eine so unschuldige Weise zur Ruhe bringen zu können. Das aufhördende Schreien ist aber noch keine Ruhe, und der Suzel ist kein unschuldiges Besänftigungsmittel. So wenig, wie Jemand, der eine Cigarre schmaucht, ruhig ist, da Lippen, Gesichtsmuskeln, Luftwege, Lunge und die Schlingorgane dabei thätig sind; eben so wenig ist ein Kind ruhig, das den Zulp im Munde hat. Er schläft nicht und es saugt immer gieriger an dem unseligen Lappen. 
Ein Kind, das wegen irgend eines Unbehagens, oder aus Bedürfniß schreit, wird leicht zu beruhigen sein, wenn man ihm ein Löffelchen Wasser oder wenn es schon größer ist, ein in Wasser getunktes Brodrindchen gibt. In all den Fällen, wo man behauptet, es wäre ohne Zulp mit dem Kinde nicht auszuhalten, ist es krank, und gegen dieses Kranksein wendet man ein Mittel an, das weit schädlicher ist, als das Schreien. Ueberläßt man ein derart leidendes Wsen sich selbst, so steckt es sich die Händchen in den Mund, und indem es daran saugt, wird es eine Weile hindurch ruhiger. Es verbeißt damit gleichsam den Schmerz, wie dieß auch Erwachsene zu thun pflegen. Statt dieses unschuldigen Mittels steckt ihm nun der Unverstand einen Lappen in den Mund, den thörichte Weiber, um seine beruhigende Wirkung zu steigern, noch mit Branntwein vorher tränken.
Wie schlecht sieht es beim Suzelgebrauch mit der so wichtigen Reinhaltung des Mundes aus, der bekanntlich der Zugang zu den Athmungs- und Ernährungs-Gebilden ist, und in dem Alles, was man genießt, verdaut zu werden beginnt?
Durch das immerwährende Saugen verleirt die Gesichtsbildung des Kindes ihre schöne Form. Faltig, mit zwei Backentaschen, mit schlaffen, verkümmerten, nicht selten geschwürigen Lippen*); dieß ist das Gepräge des Suzelkindes, ja ich behaupte, daß man beim ersten Anblick eines Kindes erkennen kann, ob es einen Suzel bekommt oder nicht.
Durch das längere Verweilen im Munde wird der Zucker und der Zwieback, woraus der Zulp besteht, sauer, und so die Ursache der sogenannten Schwämmchen. - Da das Kind diesen Saft hinabschluckt, ist er auch die Quelle einer Magenverderbniß, die sich durch Aufstoßen, Erbrechen, Kolik, grünen Durchfall oder Stuhlverstopfung kund giebt. - Die Verdauung eines solchen Kindes ist zerrüttet; denn wie das stete Saugen an der Cigarre so zur Gewohnheit wird, daß man daüber den Appetit verliert, so verschmäht das Kind zuletzt Alles, selbst die Brust, und der Zummel wird ihm das Liebste. Durch die verkehrten Mittel, die man überdieß gegen diese Appetitlosigkeit anwendet und durch den Wahn, daß das Alles vom Sinken des Wassers herrühre, wird das Uebel meist so verschlimmert, daß das Kind dadurch ein Opfer wird. Auch das Zahnen wird durch den Zulp erschwert und verspätet, weil das Zahnfleisch von der Säure im Munde wie gegerbt wird. Von derselben werden sogar die bereits durchgebrochenen Zähne zerstört, und sowohl deshalb, als auch weil das Kind mit dem Zulp im Munde nie ordentlich trinkt, lernt es später den gehörigen Gebrauch seiner Kauwerkzeuge kennen. Wie die Lippen, so wird auch das Zäpfchen durch das beständige Saugen erschlafft, die Mandeln und die Zunge sind angeschwollen, daher Schnarchen und Vorstrecken der Zunge. **)
Nicht selten ist endlich der Unglücksfall, daß ein Kind durch den Schnuller erstickt, wenn er zu tief hinabrutscht, oder wenn das Kind sich damit den Mund ganz voll stopft.
Wie ist es aber möglich, ein Kind beim Wasser ohne Zulp aufzuziehen, werden altkluge Frauen mir zurufen? Daß es sein kann, davon habe ich mich oft überzeugt, ich habe es in vielen Familien durchgesetzt, daß dieser Lappen beseitigt wurde zum Heilde eds früher immer kränkelnden Kindes, wie es auch in den hiesigen Säuglingsbewahranstalten verboten ist, dieses unselige Ding einem Kinde zu geben; denn ist es gesund, so schreit es nicht leicht so anhaltend, und saugt, wenn es Langeweile oder Schmerz hat, an seinem eigenen Daumen. Leider kennt und würdigt man noch zu wenig die Schädlichkeit solcher Einflüsse, an die sich das Kind allmälig und durch jahrelangen Mißbrauch gewöhnt, wodurch zwar langsam aber sicher sein Leben verkürzt, und es kränklich und siech gemacht wird. Ich sah fünfjährige Knaben, die nicht einschlafen konnten, wenn sie nicht den Zulp im Munde hatten, und die dann ein Paar Jahre darauf denselben mit dem Glimmstängel verwechselten!
*) Diese Geschwüre sind manchmal die ersten Zeichen einer durch den Zulp geschehenen venerischen Ansteckung. - Ein schauderhaftes Ereigniß, das entstehen kann, wenn eine derart Kranke denselben vorher in den Mund nimmt und dann dem Kinde gibt.
**) Ich habe zwei Fälle von monströser Anschwellung der Zunge und des Zäpfchens bei Kindern gesehen, welche Tag und Nacht gewöhnt waren an einem großen Zulp zu saugen."
Kinder-Diätetik, Ludwig Wilhelm Mauthner Ritter von Mautstein, 3. Auflage, Wien 1857

Dass ausgerechnet Adalbert Czerny ein Befürworter des Schnullers war, hat mich dann doch überrascht. Dass ausgerechnet er - der schon Neugeborenen durch einen starren Zeitplan beibringen will, wo sie in der Hackordnung stehen - schreibt: "Neugeborene zeigen ausgeprägte individuelle Unterschiede, und diese erfordern differente Hilfsmittel in der Erziehung", ist blanker Hohn. Dass er allerdings alle, die nicht seiner Meinung sind, als vorurteilsbehaftet abkanzelt, und die Unruhe von Säuglingen auf kranke Eltern schiebt, ist hingegen absolut typisch. 

Natürlich ist Czerny der Schnuller, der weggenommen werden kann, lieber als das Daumenlutschen. Und natürlich verwehrt er sich der wissenschaftlichen Hinweise auf die Schädlichkeit des Schnullers für den kindlichen Kiefer. Erkenntnisse anderer anzunehmen, die nicht seiner vorgefertigten Meinung entsprachen, war nicht gerade Czernys Stärke.

"Eine andere Art von Beruhigungsmitteln bilden die Schnuller oder Lutscher. Die Empfindung des Saugens, insbesondere in Belgeitung eines süßen Geschmackes ist imstande, einen Säugling von anderen Reizwahrnehmungen abzulenken und auf diese Weise zu beruhigen. Für diese Tatsache läßt sich jederzeit leicht durch Versuche der Beweis erbringen. Hilft man den Kindern nicht mit einem Schnuller oder Lutscher nach, so hellfen sie sich selbst, indem sie die Finger in den Mund stecken und daran saugen. Dabei tritt ebenfalls Beruhigung des Kindes ein. Die Beobachtung des Saugens der Säuglinge an den Fingern oder an allen leicht erreichbaren Gegenständen gab offenbar die Veranlassung, nach Ersatzobjekten der Finger zu suchen und führte bei den verschiedenen Völkern und in verschiedenen Gegenden zu Entwicklung mannigfaltiger Gebräuche. Ein Teil derselben geht dahin den Kindern Gegenstände zum Saugen zu geben welche sich leicht säubern lassen und für due Kinder dadurch unschädlich sind, daß nichts von ihnen abgelöst und verschluckt werden kann. Eine zweite Gruppe bilden Maßnahmen, welche den Kindern die Geschmacksempfindung des Süßen vermitteln. Diese können nicht als unschädlich betrachtet werden und sind deshalb als Mißbräuche aufzufassen. Modernen Forderungen Rechnung tragend, gab Escherich den sogenannten Borsäureschnuller an, bei dem das Antiseptikum gleichzeitig als Heilmittel in der Mundhöhle Verwendung finden kann.
Die Schnuller und Lutscher werden von vielen Ärzten als etwas Schädliches betrachtet und verworfen. Nach meiner Ansicht ist die Schädlichkeit bisher in keiner Weise erwiesen. Insbesondere möchte ich darauf hinweisen, wie irrtümlich die Meinung ist, daß durch das Lutschen die Kieferbildung und die Zahnstellung beeinflußt werden kann. Würde dies der Fall sein, so müßten diese Kiefer- und Zahnstellungsanomalien bei den meisten Menschen vorhanden sein. Da wir zurzeit über genügend exakte Untersuchungen verfügen, aus denen hervorgeht, daß anhaltende Unruhe eines Kindes für dasselbe nachteilig ist, und da wir kein harmloseres Beruhigungsmittel als Ersatz für die Schnuller und Lutscher haben, so haben wir auch kein Recht, diese zu verbieten. Aufgabe des Arztes ist es nur, dafür zu sorgen, daß die Lutscher stets tadellos sauber sind un daß sie aus einem Material bestehen, welches selbst nicht zersetzungsfähig ist. Wenn wir gefragt werden, ob das Lutschen an den Fingern dem Gebrauch eines Lutschers vorzuziehen ist, so müssen wir dies verneinen, denn es ist im späteren Alter leichter, einem Kinde einen Lutscher zu entziehen als ihm das Saugen an dem Daumen oder an den Fingern abzugewöhnen. Außerdem leiden bei manchen Kindern durch das Saugen an den Fingern die Nägel. Mit Vorliebe weist man auf eine nicht unbeträchtliche Zahl von Kindern hin, bei denen kein Lutscher notwendig war und welche auch niemals an den Fingern gesaugt haben. Von solchen Kindern den Grundsatz abzuleiten, daß somit bei keinem Kinde der Gebrauch des genannten Beruhigungsmittels notwendig ist, entspringt der falschen Voraussetzung, daß alle neugeborenen Kinder gleichartig sind und daß man es in der Gewalt hat, bei jedem Kinde das zu erreichen, was man beabsichtigt. Diese Voraussetzung ist, wie wir nicht genug betonen können, falsch. Neugeborene zeigen ausgeprägte individuelle Unterschiede, und diese erfordern differente Hilfsmittel in der Erziehung. Die ruhigen Kinder bedürfen keiner Beruhigungsmittel, für die unruhigen wird aber die Forderung nach solchen immer bestehen bleiben, und deswegen wird auch trotz des Einspruches dagegen eifernder Ärzte das Lutschen aus der Kinderstube nicht verschwinden.
Wer sich aus irgendeinem Vorurteil nicht unserer Ansicht anschließt, der wird die Erfahrung machen, daß man bei unruhigen Kindern zu Hilfsmitteln greifen muß, welche nicht gleichwertig, sondern bedenklicher sind. Man ist genötigt, die Kinder von den bei ihnen das Unlustgefühl hervorrufenden Empfindungen durch andere Sinneswahrnehmungen abzulenken. Zu diesem Zwecke stehen optische und akustische Reize zur Verfügung. Man versucht die Aufmerksamkeit der Kinder mit stark leuchtenden, bunten oder sich bewegenden Gegenständen zu erregen und kombiniert diese Manipulationen noch gerne mit Schallreizen von Klingeln und Klappern. Selbstverständlich gelingt es auch bei genügender Variation dieser Reize, welche oft an die Erfindungskunst des Pflegepersonals große Anforderungen stellt, die Kinder zu beruhigen, insbesondere, wenn diese Prozeduren noch mit einem Lagewechsel des Kindes, Herumtragen oder fahren verbunden werden. Viele tun sich seher viel darauf zugute, daß es ihnen in der Art gelingt, das Lutschen zu vermeiden. Dies ist aber ein Irrtum. Durch die optischen und akustischen Reize werden die psychischen Funktionen des Säuglings mehr in Anspruch genommen, als es dem Entwicklungsstadium seines Gehirns entspricht. Die Kinder werden überdies künstlich durch dieses Vorgehen wach erhalten. Ein Säugling schläft viel leichter und schneller beim Lutschen ein, als wenn man sich bemüht, mit allen zur Verfügung stehenden Reizmitteln seine Aufmerksamkeit wachzuerhalten. Nach dem, was wir bereits angeführt haben, sind gerade die Abkömmlinge psychopathischer Eltern diejenigen, aus denen sich die unruhigen Kinder rekrutieren, und bei diesen ist Schlaf und eine möglichst geringe Inanspruchnahme ihrer psychischen Funktionen dringend indiziert, wenn nicht im frühen Alter eine Überreizung des Nervensystems stattfinden soll. Mir erscheint deshalb das Verfahren der Beruhigung der Kinder durch das Lutschen, Schaukeln oder Wiegen unschädlicher als das durch die Ablenkung mittels optischer oder akustischer Reize."
Der Arzt als Erzieher des Kindes, Adalbert Czerny, 1908

Einige abstruse Vorstellungen über die Funktionsweisen des menschlichen Körpers zeigt hier Thomas Joseph Lauda. Nicht nur, dass er denkt, durch das Saugen am Schnuller könne das Zahnfleisch quasi eine Hornhaut bekommen und so den Zahndurchbruch erschweren. Er hat auch überhaupt keine Ahnung, wofür Speichel da ist, und dass vermehrter Speichelfluss ein Symptom einer Krankheit sein kann, aber keine Krankheit an sich - und schon gar keine tödliche.

"Aber auch die Schnuller, Zuzeln oder Zummeln (wie man sie in meiner Umgebung nennt) sind oft Ursache, daß Kinder wegen Krankheit des Mundes die Brust nicht nehmen können Das Wärzchen der weiblichen Brust ist viel zarter und weicher, als die feinste Leinwand. Da also das Oberhäutchen in der Mundhöhle des Kindes nur durch das Saugen an der Brustwarze schon bedeutend anschwellt: so muß der Mund bei Weitem stärker beleidiget werden, wenn das Kind, wie es gewöhnlich der Fall ist, bei Tag und Nacht ununterbrochen an den Leinwandlappen saugt. Die Schnuller müssen um so schädlicher sein, wenn man sie aus dicker, grober Leinwand verfertigt; sie müssen um so nachtheiliger wirken, wenn ihre übrigen Bestandtheile, wie z.B. Zwieback, Zucker, Fenchelsamen, altgebackene Semmelrinde u. dgl. nicht hinlänglich fein gerieben oder zerstoßen worden sind. Berücksichtigt man ferner, daß diese Schnuller größtentheils sehr unrein gehalten werden, daß man sie oft dann erst erneuert, wenn sie bereits sauer oder gar schimmelig geworden sind: so liegt es wohl klar am Tage, warum viele neugeborne Kinder an Schwämmchen leiden.
Es gibt bei der Kindererziehung gewiß keine schädliche Gewohnheit, welche so allgemein verbreitet wäre, als die Anwendung dieser ekelhaften Sauglappen. Auf allen Spaziergängen, wo man nur hinsieht, findet man die Kinder mit derlei Dingen von verschiedener Größe. Mit diesen Sauglappen werden, wie ich gesehen, den Kindern oft auch ganz fremdartige Stoffe, wie z. B. Staub, Erde und Sand in den Mund gebracht; denn bei der Unachtsamkeit der Kinderwärterinnen ereignet es sich gar nicht selten, daß die Schnuller aus dem Munde der Kinder auf die Erde fallen. Die Kindermädchen, welche gewöhnlich selbst die Reinlichkeit ihres eigenen Körpers sehr vernachlässigen, reinigen dann diese Lappen entweder gar nicht, oder nur oberflächlich, indem sie mit denselben auf der meistentheils beschmutzten Schürze höchstens einigemal hin- und herfahren. Oft sind auch die Kinder durch das ununterbrochene Saugen so verwöhnt, daß sie sogleich heftig zu schreien anfangen, wenn ihnen der Schnuller aus dem Munde fällt; das Geschrei der Kinder erlaubt daher in vielen Fällen nicht, auf die Reinigung des Schnullers die nöthige Zeit zu verwenden, die Wärterin muß sich vielmehr beeilen, den Schnuller so schnell als möglich in den Mund des Kindes zu bringen, um es zu beruhigen. Was können aber auf diese Art nicht für gefährliche Krankheiten in der Mundhöhle des Kindes erzeugt werden?
Allein wenn die Schnuller oder Zummeln auch noch so vorsichtig verfertiget und sehr rein gehalten werden, so verursachen sie den Kindern dennoch auf eine andere Weise bedeutenden Schaden.
Durch das ununterbrochene Saugen werden die Drüsen im Munde dergestalt gereizt, daß sie beständig eine größere Menge Speichel absondern. Daher verlieren Kinder, welche an die Sauglappen gewöhnt sind, sehr viel Speichel aus dem Munde. Der Speichelfluß ist gewöhnlich so bedeutend, daß hiedurch in kurzer Zeit die Kleidungsstücke an der Brust des Kindes ganz durchnäßt werden.
Abgesehen davon, daß diese Nässe an der Brust, wenn die Kinder nicht öfter des Tages umkleidet werden, verschiedene, und darunter gefährliche Ausschlagskrankheiten erzeugt, so muß die Ausbildung des Körpers durch den beträchtlichen Speichelverlust auf jeden Fall gewaltsam unterbrochen werden. Aus den Säften des menschlichen Körpers werden seine festen Bestandtheilde gebildet. Der Speichel, welcher durch die Kraft der Speicheldrüsen aus dem Blute erzeugt wird, und sehr viele nährende Stoffe enthält, dient also ebenfalls zur Erhaltung und Ernährung unseres Körpers.
Wir können an erwachsenen Menschen bemerken, wie sie durch einen Speichelfluß, der längere Zeit dauert, am ganzen Leibe abmagern, und ungemein matt werden. Diese Nachtheile müssen aber bei Kindern, wo sich der Körper erst zu entwickeln hat, viel schneller erscheinen. Es ist gar nicht zu wundern, daß Kinder, welche täglich eine bedeutende Menge Speichel aus dem Munde verlieren, in der Ausbildung und dem Wachsthume ihres Körpers auffallend zurück bleiben. In vielen Fällen ist der durch die Schnuller erzeugte Speichelfluß allein Ursache, daß Kinder die Abzehrung bekommen, und daß sie wegen mangelnder Festigkeit und Härte der Knochen und hiedurch entstandener Verkrümmung der Glieder erst im dritten oder vierten Jahre ihres Alters, und manchmal sogar noch später, zu stehen und zu gehen im Stande sind.
Durch die Sauglappen entsteht endlich noch der Nachtheil, daß das Zahnfleisch an den Stellen des Ober- und Unterkiefers, wo in der Folge die Zähne erscheinen, von dem ununterbrochnen Saugen dicker und härter wird. Denn so wie sich die Oberhaut in der hohlen Hand durch schwere Handarbeiten verdickt und erhärtet, ebenso verliert das Häutchen im Munde durch das anhaltende Saugen an den Leinwandlappen seine Zartheit.
Wie sehr aber diese Veränderung des Zahnfleisches den Kindern zur Zeit des Zahnens schaden müsse, kann daraus entnommen werden, daß die Zähne durch die harte Haut viel schwerer durchbrechen, und dadurch Fieber und häufig sogar Fraisen erzeugen, an welchen schon viele Kinder zu Grunde gegangen sind."
Die körperliche Kindererziehung, Thomas Joseph Lauda, 1864

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