Das Baby und Kleinkind zu erziehen, war im NS-Staat alleine die Aufgabe der Mutter.

Neulich erschien Nora Imlaus neues Buch "In guten Händen". Darin geht es um Kinderbetreuung außerhalb der Kernfamilie. Nora Imlau beschreibt auf ihre gewohnt unaufdringliche und offene Art, wie Eltern die Betreuung ihrer Kinder auf eine für sie stimmige Art finden und gestalten können. Sie räumt außerdem mit alten Glaubenssätzen auf, wie damit, dass Babys ausschließlich zur Mutter gehörten oder dass es eine Patentlösung für alle gebe. Ich kann das Buch nur empfehlen. [Unbezahlte Werbung.]

Im Zuge dessen sind mir in den Social Media jedoch mehrere Kommentare aufgefallen, in denen behauptet wurde, die Nazis und speziell Johanna Haarer hätten frühkindliche Betreuung außer Haus propagiert. Ich habe mich sehr über diese Kommentare gewundert, denn das Gegenteil ist der Fall.

Ich kann nur vermuten, dass diese Fehleinschätzung daher kommt, dass ja Organisationen wie der BDM (Bund Deutscher Mädel) eine große Rolle im NS-Staat spielten. Es stimmt, dass der Staat Einfluss auf die Erziehung nehmen wollte, doch im Kleinkindalter geschah dies primär über die Beeinflussung der Mütter durch Mütterschulen, Ärzt:innen, ihre eigene Zeit im BDM und so weiter.

Zwar lesen wir immer wieder Sätze wie diese:

"Die Aufgabe, ein Kind zu erziehen, wird von den Eltern nur selten vollkommen gelöst. Und zwar in erster Linie deswegen, weil Vater und Mutter naturgemäß ihrem eigenen Fleisch und Blut gegenüber nicht die für eine Erziehungsaufgabe nötige objektive Einstellung besitzen. Ihnen fehlt in vielen Fällen der klare Blick für die Schwächen, oft aber auch für die Vorzüge ihrer Kinder. Weiterhin wird durch den Mangel an Distanz, der sich fast immer als Folge ständigen Beisammenseins zwischen den einzelnen Familienmitgliedern entwickelt, die Autorität der Eltern gewöhnlich derart geschwächt, daß ihre Anordnungen einfach überhört und nicht befolgt werden."
Kinder - Glück und Sorge der Mutter, Dr. med. Luise von Seht, 1939

Derartige Ausführungen beziehen sich aber auf Kinder jenseits des Kleinkindalters. Es war klare Aufgabe der Mutter - und nur der Mutter - das Baby und Kleinkind zu versorgen. Die gute Mutter war Hausfrau, stillte, bekam viele Kinder und ließ sich das Heft in der Erziehung nicht aus der Hand nehmen.

"Ihr Kind zu erziehen, ist für die Mutter eine ebenso selbstverständliche und naturgewollte Aufgabe, wie seine Ernährung und seine Pflege. Sie steht dem Kinde durch stärkste blutmäßigste Bindungen am nächsten und ist deshalb seine ihm vorbestimmte Erzieherin. Sie muß immer danach trachten, die Führung zu behalten, wenn außer ihr noch andere Personen das Kind betreuen."
Die deutsche Mutter und ihre erstes Kind, Johanna Haarer, 1938

Diese "anderen Personen", von denen Haarer hier spricht, sind Verwandte oder angestellte Haushaltshilfen. Auch diese Betreuung fand in der Regel im Elternhaus statt. Doch Haarer warnt die Mütter, dass diese Hilfe bei der Kinderbetreuung auch störend sein könne.

"Sobald mehrere Menschen sich mit dem Kind beschäftigen, ist die Regelmäßigkeit seines Tagesablaufes und die Einhaltung der nötigen Pflegegrundsätze nur zu leicht gefährdet. Es erheben sich alle möglichen Meinungsverschiedenheiten.
Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Johanna Haarer, 1938

Bei den Angestellten ist das ja noch relativ einfach. Ihnen werden Anweisungen zum Umgang mit dem Kind gegeben, an die sie sich zu halten haben. Bei den Verwandten und insbesondere bei den Großmüttern ist das schon schwieriger. Die Konflikte, die Eltern damals mit den Großeltern hatten, waren dieselben wie heute - nur mit umgedrehten Vorzeichen.

"Die Großmütter sind z. B. mit Vorliebe der Meinung, das Kind sei nicht warm genug angezogen, es bekomme zu wenig und zu selten zu essen, in der Auswahl der Speisen werde seinem Geschmack zu wenig Rechnung getragen, und es bekomme überhaupt nicht die richtige Nahrung. Sie sehen es als Herzlosigkeit von Seiten der Mutter an, wenn das Kind eine Zeitlang sich selbst überlassen ist, und reden häufig viel zuviel auf das Kind ein."
Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Johanna Haarer, 1938

Nichtmal die Oma sollte also der Mutter helfen. Omas waren nicht streng genug für die moderne Erziehung des "neuen Deutschlands" (Haarer) Die Mutter wurde so von ihrer Familie isoliert und von ihr entfremdet. Damit wurde sicher gestellt, dass sie auch ja die von den Nazis propagieret Erziehung aufs genaueste durchführte und nicht von anderen beeinflusst wurde.

"Nur eine pflichtbewußte, charakterfeste Frau mit gesundem Menschenverstand, die Sinn hat für Ordnung, Regelmäßigkeit und Sauberkeit, wird ihr Kind richtig erziehen können."
Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Johanna Haarer, 1938

Ratschläge für die Pflege und Erziehung sollte die Mutter sich explizit nur von Ärzten holen. Höchstens noch von einer Freundin, die dieselben Ansichten vertrat. Nicht umsonst schrieb Adalbert Czerny 1934 im Vorwort zur 8. Auflage seines Bestsellers "Der Arzt als Erzieher des Kindes":

"Die Vorlesungen hatten den Zweck, die Ärzte aufmerksam zu machen, daß es ihre Aufgabe ist, sich mit der Erziehung der Kinder zu befassen. Die Aufgabe ist gegenwärtig erfüllt."

Das Ablehnen von mehr als einer Bezugsperson wurde nach 1945 nicht etwa aufgegeben. Das Bild von der braven Hausfrau, die sich um die Kinder kümmert, wurde vielmehr in den 1950ern zementiert. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren viele Frauen berufstätig gewesen; zu Kriegszeiten nochmal besonders viele. Auch Haarer trägt der Berufstätigkeit der Frau immer wieder Rechnung. Es gefällt Haarer zwar nicht, aber die Lebensrealität der meisten Mütter war nicht, das Heimchen am Herd zu sein. In den 1950ern jedoch erfuhr das Idealbild der Ein-Verdiener-Ehe eine Hochzeit und mit ihm die weitere Isolation der Mütter.

"Miterzieher, besonders dann, wenn sie mit dem Haupterzieher nicht einig sind, lehnen wir entschieden ab."
Mutter und Säugling in gesunden und kranken Tagen, Helene Howad, 1954

Das Kind hingegen sollte von Geburt an lernen, sich dem Willen der Eltern unterzuordnen und sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Doch wenn es nicht das Haus verlassen soll, muss die Gemeinschaft halt zu ihm kommen - in Form von Geschwistern. Die Vorstellung, dass Geschwister so ungeheuer wichtig für ein Kind seien, hält sich bis heute und ist wahre NS-Propaganda.

"Die erste Gemeinschaft, in die das Kind lernen muß sich einzuordnen, ist die der Geschwister."
Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, Johanna Haarer, 1938

In Wirklichkeit brauchen Kinder eine Vielzahl authentischer Bezugspersonen unterschiedlichen Alters. Sie profitieren davon, Freundschaften schließen zu können. Sie werden toleranter, verständiger und emphatischer, wenn sie viele verschiedene Menschen kennen lernen dürfen. Intoleranz entsteht durch Isolation.

Wie wir damit umgehen können, wenn uns die Erziehungsvorstellungen der anderen Bezugspersonen unseres Kindes gegen den Strich gehen, haben Anna Hofer und ich in unserem Buch "Bei meinem Kind mache ich das anders" beschrieben. Es geht darin zwar vordergründig um Großeltern, aber das meiste ist auch auf andere Personen anwendbar.

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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