Mit viel Empörung wird in den Social Media gerne behauptet, Johanna Haarers Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" sei nach 1945 nur von der Nazi-Propaganda bereinigt und ansonsten mit denselben Erziehungsinhalten weiter vertrieben worden.  Diverse Artikel in der Presse stützen diese Behauptung. In diesem Artikel beschäftige ich mich mit der Frage, ob diese Empörung berechtigt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Buch unter dem Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" 1949 neu aufgelegt. Die letzte Auflage des Buches erschien 1987. Über 600.000 Exemplare wurden zwischen 1949 und 1987 verkauft. Wäre dieser Erfolg überhaupt möglich gewesen, wenn das Buch nicht grundlegend überarbeitet worden wäre?

Johanna Haarer durfte nach 1945 nicht mehr als Ärztin praktizieren. Sie arbeitete im öffentlichen Dienst und der Buchverkauf war eine wichtige Einnahmequelle für sie. Neben "Die Mutter und ihr erstes Kind" erfuhr auch Haarers Werk "Unsere kleinen Kinder" mehrere Neuauflagen. Sie schreib zudem neue Bücher wie "Unsere Schulkinder" und "Frau sein und gesund bleiben".

Doch ihr mit Abstand erfolgreichstes Buch blieb "Die Mutter und ihr erstes Kind". Es war Johanna Haarer also daran gelegen, dieses Buch immer wieder zu aktualisieren, damit es sich weiter verkaufte. 

1987 gab es Rooming-In, Wegwerfwindeln und Tragehilfen. In der Schwangerschaftsvorsorge gab es Ultraschall und Blutuntersuchungen. Es gab Beikost im Gläschen und die Bauchlage wurde empfohlen. All das soll Haarer ignoriert haben? Und trotzdem soll ihr Buch ein Verkaufsschlager geblieben sein? Das ist doch eher unwahrscheinlich. Bliebe die Frage, wie Haarer diese Änderungen umgesetzt hat und ob sie sich auf die Erziehung ausgewirkt haben.

Ich habe mir eine Vor- und eine Nachkriegsausgabe besorgt (beide wurden mir geschenkt - vielen Dank dafür!) und die beiden in wochenlanger Arbeit detailliert miteinander verglichen - finanziert durch Eure Unterstützung auf Steady und Patreon. Die so entstandenen 11 Blogbeiträge können Mitglieder dort exklusiv lesen. Sie enthalten viele Zitate, direkte Gegenüberstellungen, kleine Analysen und Bezüge zur heutigen Zeit. Ich verlinke die einzelnen Beiträge unter den jeweiligen Abschnitten.

Wie unterscheiden sich also die Ausgaben von 1938 und 1979 von einander? Dies ist eine "kurze" Zusammenfassung der wichtigsten Änderungen. Mehr dazu und zu dem, was gleich geblieben ist, erfahrt Ihr in den verlinkten Beiträgen.

Inhalt

1. Erster Eindruck
2. Schwangerschaft
3. Vorbereitung auf das Baby
4. Geburt
5. Wochenbett
6. Das Stillen
7. Ernährung mit der Flasche
8. Beikost, Krankheiten, Impfungen
9. Säuglingspflege jenseits der Ernährung
10. Entwicklung des Kindes
11. Erziehung des Kindes
12. Fazit

1. Erster Eindruck

Das Impressum der jüngeren Ausgabe gibt keinerlei Hinweis auf den Ursprung des Buches im Dritten Reich. Das Copyright wird als 1951 angegeben (seitdem ist das Buch in demselben Verlag erschienen). 

Den ersten deutlichen Unterschied bietet das verschlankte Inhaltsverzeichnis. Die größere Anzahl an Seiten bei der neueren Ausgabe liegt an den Abbildungen, der größeren Schrift und dem großzügigeren Layout.

Die Themen und Kapitel wurden neu sortiert. In beiden Ausgaben nehmen Schwangerschaft, Geburt, Kleidung und Babyausstattung einen großen Teil ein.

1938: 262 Seiten (plus Inhaltsverzeichnis und Werbung), 58 Abbildungen, J. F. Lehmanns Verlag München, 131.-160. Tausend, Copyright 1934

1979: 329 Seiten (plus Inhaltsverzeichnis, Werbung und Entwicklungskalender), 58 (neue) Abbildungen, 28 Gymnastik-Zeichnungen und einem Schnittmusterbogen, Carl Gerber Verlag München, "Völlig neu überarbeitete Auflage", 1187.-1206. Tausend, Copyright 1951

mehr dazu: Teil 1 - Erster Eindruck

2. Schwangerschaft

In beiden Ausgaben nimmt die Schwangerschaft einen beträchtlichen Teil des Buches ein. 1938 sind es 28 von 260 Seiten. 1979 sind es 61 von 329 Seiten.

Schwangerschaftstest

1938: Etwa ab der 8. Woche kann der Arzt durch innere Untersuchung feststellen, ob eine Schwangerschaft vorliegt. Ist es aus medizinischen Gründen wichtig, möglichst früh von der Schwangerschaft zu erfahren, gibt es die Möglichkeit einer Laboruntersuchung, welche Haarer aber nicht genauer beschreibt.

1979: Das Erkennen einer Schwangerschaft ist 8-12 Tage nach dem Ausbleiben der Regel möglich. Die Urinprobe wird beim Arzt oder im Labor untersucht, aber es gibt auch schon Tests für den Hausgebrauch. Haarer rät, einen negativen Test nach zwei Wochen zu wiederholen, warnt aber vor falsch-positiven Ergebnissen beim Selbsttest.

Vorsorgeuntersuchungen

1938: Quasi nicht vorhanden. Es wird zwar die Wichtigkeit von Untersuchungen betont, aber mehr als Aufhänger, um das NS-Gesundheitswesen zu preisen, insbesondere die Müterschulen werden hervorgehoben. Gegen Ende der Schwangerschaft wird die Kindslage überprüft. (Kapitel 5, S. 74f)

1979: Haarer beschreibt, was beim ersten Arztbesuch passiert:

"Er wird fragen nach dem Lebensalter ihrer Eltern und nach deren Krankheiten, nach Ihrer Periode, früheren Krankheiten, Unfällen, Transfusionen und eventuellen Operationen. Dabei sollten Sie ihm berichten, ob Sie etwa überempfindlich sind gegen bestimmte Medikamente, Spritzen oder Nahrungsmittel; der Arzt fragt nach Ihren wirtschaftlichen Verhältnissen und danach, was sie arbeiten. Feststellen und untersuchen wird Ihr Arzt das Körpergewicht, den Blutdruck, den Urin, das Blut." 1979, S. 17

Haarer erklärt, was im Laufe der Schwangerschaft alles untersucht wird und wie die Dauer der Schwangerschaft berechnet wird. Sie erläutert die verschiedenen Blutgruppen, den Rhesus-Faktor und in Verbindung damit die Neugeborenengelbsucht. Auch in welchen Fällen die Schwangere außerhalb der normalen Untersuchungen zum Arzt gehen sollte, wird aufgeführt. Die größte Neuerung ist der Ultraschall.

Geschlechtsverkehr

1938: Geschlechtsverkehr möchte Haarer in der gesamten Schwangerschaft verbieten. In den ersten Wochen könne er zu Fehlgeburten führen und gegen Ende der Schwangerschaft durch "Keimeinschleppung" zum Kindsbettfieber. (Beides ist falsch.)

Die Verantwortung dafür wälzt Haarer komplett auf die Frau ab. Der Mann wird so genommen, wie er ist. Schön, wenn er rücksichtsvoll ist, aber verlangen kann die Frau das sonst halt nicht von ihm. Sie kann ihn höchstens beeinflussen. Es liegt an ihr, nicht an ihm.

1979: "Wenn Ihr Mann rücksichtsvoll ist und Sie selbst gesund sind, so brauchen Sie während der Schwangerschaft keine Nachteile zu fürchten." (S. 31) In den ersten drei Monaten soll man besonders vorsichtig sein. Frauen, sie schon einmal eine Früh- oder Fehlgeburt hatten, sollen abstinent sein.

Abtreibung

1938: Haarer bespricht die "Unterbrechung der Schwangerschaft durch den Arzt". Wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht, muss die Schwangerschaft "unterbrochen" werden. Das erlaubt das Gesetz und die Entscheidung darüber, ob ein Grund vorliegt, unterliegt besonderen Ärztekommissionen. Ohne ärztliche Anordnung ist der Abbruch strafbar. Von diesem Abbruch unterscheidet Haarer die Abtreibung. So bezeichnet sie Schwangerschaftsabbrüche, die ohne ärztliche Indikation geschehen. 

1979: Haarer erläutert unter welchen Umständen der "Schwangerschaftsabbruch" erlaubt ist und was dabei beachtet werden muss. Zuletzt warnt sie vor den folgen eines illegalen Abbruchs.

Befinden der Schwangeren

1938: Die Schwangere soll keine "übertriebene Schonung" walten lassen. Das soll zu einer leichteren Entbindung führen.

"Nicht nachgeben! Die Zähne zusammenbeißen und weiterarbeiten!" S. 56

1979: Die Schwangere soll weiter arbeiten, wie gewohnt, aber nicht bis zu "körperlichen oder geistigen Erschöpfung" (S. 31). Haarers Sorge gilt jedoch viel mehr dem Mann.

"Schieben Sie alle Sorgen beiseite - es wird sich schon ein Weg finden. Und vor allem trachten Sie, sich weiterhin gut mit ihrem Mann zu verstehen. (...) Natürlich können Sie erwarten, daß er rücksichtsvoll und liebevoll ist, daß er Ihnen anstrengende Arbeiten abnimmt und Ihnen manches erleichtert. Aber bitte stellen Sie keine übertriebenen Forderungen." S. 31

mehr dazu: Teil 2 - Schwangerschaft 

3. Vorbereitung auf das Baby

Hierunter fallen die Anschaffungen für das Baby, Kleidung für die Schwangere aber auch die Vorbereitung auf die Geburt.

1938: Kapitel 2 - Die Aussteuer für das Kind (22 Seiten) Kapitel 3 - Kleidung und äußere Erscheinung in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft (9 Seiten) Kapitel 5 - Kurz vor der Entbindung (13 Seiten)

1979: 2.5 Entbindung in der Klinik oder daheim? (6 Seiten) 2.6 Wie soll es heißen? (7 Seiten, davon 4 mit Nameslisten) 12 Ihre Kleidung in den späteren Monaten (5 Seiten) 13 Babyaussteuer (19 Seiten) 14 Anleitungen zum Handarbeiten 18 Seiten, davon 8 mit Fotos) 16 Gymnastik vor der Entbindung (13 Seiten)

Kleidung für das Kind selber machen

1938: Die Mutter soll früh anfangen, Sachen anzufertigen. Ab 4. Monat gäbe es kaum noch die Gefahr eines "Abgangs". Bis zum 7. Monat soll alles fertig sein, da das Kind ja zu früh kommen könnte. Selber machen ist kostengünstiger schon in der Anschaffung und die Sachen wachsen mit.

Wieder legt Haarer großen Wert darauf, dass Frauen sich nicht zu viel schonen. Das ist für sie ein Zeichen von Faulheit.

"Wir sollten wieder zurückfinden zu den Begriffen früherer Zeiten, wo es für eine Schande galt, wenn eine Frau müßig dasaß und etwa nur ihre Zunge, nicht auch gleichzeitig ihre Hände rührte." 1938, S. 30

Natürlich ist für Haarer als überzeugter NS-Anhängerin nicht nur die Mutterschaft der Lebenszweck ein jeder Frau, auch sonst werden Frauen sehr eindimensional dargestellt. Alle Frauen seien doch im Innersten gleich, meint Haarer.

"In allen Frauen steckt Freude an Putz und Schmuck." 1938, S.30

Doch Bescheidenheit ist eine Tugend und Kinder zu einem einfachen Leben zu erziehen, ist im NS wichtig. Selbstbeherrschung und Mäßigkeit sind auch für Haarer höchste Erziehungsziele. Das zeigt sich neben den praktischen Aspekten auch bei der Kleidung.

"Alles, was wir für das Kind brauchen, soll ganz einfach und ohne viel Zierat sein. Das Kind wird dabei nichts entbehren. Je einfacher die ganze Kinderaussteuer beschaffen ist, desto leichter ist sie rein und in Ordnung zu halten. Für das Kind ist es nur gut, von Anfang an Schlichtheit gewöhnt zu werden." 1938, S. 30

1979: Nähen und Stricken sind immernoch billiger als Kleidung zu kaufen. Haarer möchte die Mütter gerne zum Selbermachen animieren, aber ihr ist klar, dass die meisten eher kaufen werden. Die Anleitungen sind zwar "absichtlich sehr einfach gehalten" (S. 258), aber nur, damit auch Ungebübte sie befolgen können. Schlichtheit scheint nicht mehr wichtig zu sein.

"Sind sie wirtschaftlich gut gestellt? Dann können Sie die entzückendsten Sachen kaufen - vom prachtvollen Luxuskinderbettchen bis zum spitzenbesetzten Windelhöschen. Es gibt ja heute schon fürs Baby eine eigene Mode" 1979, S. 258

Windeln und Wickeln

1938: Haarer erklärt verschiedene Wickeltechniken sehr genau und führt auf, was dafür benötigt wird. Sie beschreibt auch die sogenannte "Trockenbettung". Dabei wird das Kinderbett zu einer Art Katzenklo umfunktioniert.

1979: Die Mutter hat die Wahl zwischen Stoffwindeln und Wegwerfwindeln. Auch die Möglichkeit, beides je nach Situation zu kombinieren wird erwähnt. Eine Anleitung, wie die Stoffwindeln anzulegen sind, fehlt an dieser Stelle jedoch völlig. (Sie kommt später in Teil 9, ist aber wesentlich kürzer.)

Das Kinderbett

1938: Das Bett soll möglichst einfach sein. Am Anfang reicht ein Waschkorb oder Stubenwagen. Im Hinblick darauf, dass von der Frau erwartet wird, viele Kinder zu bekommen, rät Haarer zu einem Bett, dass leicht auf- und abgebaut und so aufbewahrt werden kann. Sie erwähnt die Firma Paidi namentlich.

1979: Zu der Frage des Kinderbettes wird nur auf die Vielfalt der Möglichkeiten verwiesen. Einige wenige Hinweise zu Vor- und Nachteilen gibt es, ansonsten bleibt die Wahl, ob es ein Bett, ein Korb oder eine Wiege sein soll und wie diese auszusehen haben, dem Geschmack der Eltern überlassen. Auch der Seitenhieb auf die Kinderzahl fehlt hier. Vielmehr wird die geplante Kinderzahl als ein Kriterium angeführt, das es bei der Anschaffung eines Bettes zu beachten gäbe.

Auch wo das Bettchen stehen soll, wird erläutert. Hier merken wir besonders, welche Veränderungen in der Säuglingspflege es seit Kriegsende gegeben hatte. Haarer gibt die aktuellen Empfehlungen weiter, kann ihre Skepsis aber nicht verbergen.

"Ein eigenes Zimmer für das ganz kleine Baby halten die Kinderärzte und die Psychologen heute nicht für wünschenswert. Das Kind soll in seiner ersten Lebenszeit nahe bei der Mutter bleiben, es sollte sich niemals allein und verlassen fühlen. Nun fragt es sich, ob in Ihrem Schlafzimmer der nötige Platz vorhanden ist, und ob Sie (und ebenso Ihr Mann!) imstande sind, die dann unvermeidlichen Störungen der Nachtruhe durchzuhalten. Auf jeden Fall müssen Sie in einem Ihrer Räume einen Platz frei machen, wo das Bettchen und die übrigen Siebensachen untergebracht werden. Im Winter muß der Raum natürlich beheizbar sein." 1979, S. 270

Tragehilfen

1979: Buggy, Tragetuch und Tragerucksack werden besprochen. Das ist alles neu und Haarer ist skeptisch. Außerdem ist sie rassistisch.

"Alle Methoden, bei denen das Kind einen nahen Kontakt mit der Mutter hat, werden heute sehr empfohlen. Was man dabei nicht bedenkt: Ein Baby zu tragen bedeutet eine erhebliche Belastung für die Mutter. Wir sind ja das Tragen von Lasten von Jugend auf nicht so gewohnt wie Frauen anderer Völker und Erdteile." 1979, S. 275

Kleidung und äußere Erscheinung in der Schwangerschaft

1938: Das Erscheinungsbild ist enorm wichtig. Die deutsche Frau hat adrett, gepflegt und präsentabel zu sein. Schwangerschaft gilt allerdings als Tabu-Thema. Die "anderen Umstände" sollen möglichst nicht sichtbar sein. Das ist in christlich geprägten Gesellschaften dem Gedanken an die "fleischliche Sünde" geschuldet und weit verbreitet. Bis in die 1970er war Schwangerschaftskleidung möglichst kaschierend. Haarer stellt verschiedene Umstandskleider vor, Auch Mäntel, Hüte und Schuhe finden Erwähnung. Bemerkenswert finde ich noch den letzten Satz in folgendem Zitat:

"Die geschickte Frau wird auch mit bescheidenen Mitteln ihr Äußeres in den letzten Monaten vor der Entbindung so gestalten können, daß sie selbst und ihre Umgebung damit zufrieden ist. Kann sich aber eine junge Frau gar keine Ausgaben gestatten und sich selbst nicht helfen, so bleibt ihr ein Trost: Die Zeit, während der ihre Gestalt stark verändert ist, währt nur kurz. In diesen Wochen hat sie ohnehin nicht Lust, viel unter Menschen zu gehen. Bald ist der Zeitpunkt der Entbindung da, und damit auch der Tag, an dem sie, aus dem Wochenbett wieder aufstehend, in ihre frühere Kleidung ebenso hineinpaßt wie vorher." S.70

Anscheinend war auch damals schon der Druck auf Mütter enorm, möglichst schnell wieder so auszusehen, als wären sie nie schwanger gewesen.

1979: Das Kapitel über die Kleidung der Schwangeren ist viel kürzer als noch 1938. Sie wird nicht mehr selbst gemacht, sondern gekauft. Es gibt einige Ratschläge zum guten Sitz von Kleidung, zur Wahl von Mänteln, Hüten und Schuhen. Noch immer gilt das Kaschieren der Schwangerschaft als schicklich.

Schwangerschaftsgymnastik

1979: Die Gymnastik soll die Schwangere auf die Geburt vorbereiten. 

"Jeder Sportler, der etwas leisten will, trainiert vorher. Warum sollten Sie also Ihrer Entbindung unvorbereitet entgegen gehen?" 1979, S. 313

Und wieder einmal ist die Frau selber Schuld, wenn sie keine leichte Geburt hat!

"Durch Gymnastik verkürzen Sie die Dauer der Entbindung! Um das Jahr 1900 rechnete man bei Frauen, die ihr erstes Kind bekamen, mit einer Geburtsdauer von 18 Stunden. Heute kann eine gut vorbereitete Frau ihr erstes Baby in 4-6 Stunden bekommen (nach Prof. Bickenbach, München). Sie haben es selbst in der Hand, den Wehenschmerz zu vermindern. Sie erholen sich rascher und besser als eine Frau, die keine Gymnastik betrieben hat." 1979, S. 313

War es 1938 noch die körperliche Arbeit, die zu einer leichteren Geburt führen sollte (siehe Teil 2), ist es nun die Gymnastik. Um 1900 dürften die meisten Frauen körperlich sehr viel gearbeitet haben. Und nun soll gerade das zu langwierigen Geburten geführt haben?

Kurz vor der Entbindung

1938: Das Kapitel beginnt mit einer Lobpreisung des Arztes Ignaz Semmelweis, der die Ursache für das Kindsbettfieber entdeckt und für entsprechende Hygiene in Gebäranstalten gesorgt hat. Haarer betont, dass deshalb keine Schwangere mehr Angst vor der Geburt in einer Klinik haben müsse. Danach aber schwenkt sie um zu einer Lobpreisung der Hausgeburt. Vor allem betont sie, dass Frauen, die in der Klinik entbinden, häufig darauf verzichten würden, sich Hilfe für den Haushalt zu besorgen. Das sei ein Fehler, da die Mutter nach ihrer Entlassung aus der Klinik dann ein "etwas vernachlässigtes Hauswesen" vorfinden und sofort wieder viel arbeiten müsse. Von den Kosten her mache es keinen Unterschied, ob zuhause oder in der Klinik "entbunden" würde.

1979: Das Packen der Kliniktasche, die Organisation der Fahrt ins Krankenhaus, sowie die Frage, wer den Haushalt versorgt, während die Wöchnerin im Krankenhaus liegt, werden hier erörtert. Hausgeburt wird zwar erwähnt, aber nicht weiter darauf eingegangen.

Hilfe im Wochenbett

1938: Wenn genug Geld da sei, eine Haushaltshilfe einzustellen, solle diese ihren Dienst rechtzeitig vor der Geburt antreten, damit sie nicht vom Wochenbett aus eingewiesen werden müsse. Dann folgt mal wieder eine Lobpreisung des NS-Staates; diesmal in Form der Ausbeutung von Frauen durch unbezahlte Arbeit.

"Steht die Frau dem Manne in seinem Beruf zur Seite , wie z. B. im Geschäftshaus oder im landwirtschaftlichen Betrieb, so ist die Frage nach einer Hilfe im Haus besonders dringlich. Wo sie aus eigenen Kräften nicht gelöst werden kann, hilft der nationalsozialistische Staat mit den Kräften des weiblichen Arbeitsdienstes der NSV. Er versucht, den Gedanken der freiwilligen, nachbarlichen Hilfe wieder den Frauen nahezubringen, die sie leisten können." S. 82

1979: Zur Hilfe im Haushalt sagt Haarer lapidar:

"Die gewohnte Arbeit in Ihrem Haushalt sollten Sie nur ganz allmählich wieder aufnehmen. Hoffentlich haben Sie eine gute Hilfe und einen ritterlichen Mann! Sonst bleibt dieser Ratschlag graue Theorie." 1979, S. 116

Tja.

Namenswahl

1979: Haarer gefällt wohl die neumodische Namensgebung nicht. Jedenfalls hält sie es nun für notwendig, eine Namensliste in das Buch einzufügen, und einige deutliche Worte beizusteuern.

"Man sollte ausgefallene Namen meiden und ebenso solche Namen, mit denen bestimmte Vorstellungen verknüpft sind. So stellt man sich z. B. unter einem "Siegfried" nun einmal einen großen, stattlichen, kraftvollen Mann vor! Wird aus Ihrem Jungen ein kleiner, zierlicher, dunkelhaariger Mensch, dann kann er Ihnen einmal Vorwürfe wegen der Namenswahl machen! - Man muß auch bedenken, daß ein Kind wegen eines sonderbaren, ganz ungewohnten Namens später von anderen Kindern verspottet werden kann. Dem sollte man kein Kind aussetzen." 1979, S. 78

mehr dazu: Teil 3 - Vorbereitung auf das Baby 

4. Geburt

Obwohl das Thema Geburt 1938 nur 13 und 1979 nur 15 Seiten umfasst, musste ich die Arbeit hier mehrmals unterbrechen. Das Lesen dieser Texte, der misgyne Unterton und das Wissen darum, wie unsere Mütter und Großmütter unter der Geburt behandelt wurden, macht das Kapitel zu einer schweren Kost. 

Angst vor der Geburt

1938: Haarer sagt, es hängt vom Charakter ab, ob eine Frau der Geburt zuversichtlich oder ängstlich entgegen sieht.

"Die echte Frau ist im allgemeinen tapfer und vernünftig." 1938, S. 84

Wortwahl zur Geburt: aushalten, ertragen, überstehen, sich dem Walten der Naturkräfte überlassen, zu erfüllende Aufgabe, die Seele und der Körper der Frau sind dafür "recht eigentlich vorbestimmt und gerüstet".

1979: Haarer fragt suggestiv:

"Haben Sie Angst [vor der Geburt]? Wenn man einigermaßen Bescheid weiß, dann neigt man weniger dazu sich zu fürchten." 1979, S.85

Ob Haarer sich bewusst ist, dass derartige Formulierungen Ängste schüren können, bleibt ungewiss. Wir müssen ihr wohl glauben, dass die Erklärungen und Beschreibungen, die sie im folgenden gibt, die Leserin beruhigen sollen. In der Regel stimmt es ja, dass Aufklärung hilft, Ängste abzubauen.

Während der Geburt

1938: Eröffnungszeit. Dauert am längsten von allen Geburtsphasen. Das sei schwierig für "tatkräftige oder ungeduldige" Schwangere, da sie nichts anderes tun können als abzuwarten. Erklärung, was in der Eröffnungsphase geschieht. Danach kommt die Austreibungszeit. Beide Phasen sind durch den Blasensprung getrennt. Erklärung der Funktion des Fruchtwassers (Polster) und der Versorgung des Kindes durch Nabelschnur und Plazenta.

Austreibungszeit. Pressen geschieht unwillkürlich durch die Bauchmuskulatur, die Haarer als einen "mächtigen Bundesgenossen" bezeichnet. In einem Nebensatz wird erwähnt, dass Stuhl und Urin beim Pressen abgehen kann.

"Kein vernünftiger Mensch wird es ihr [der Gebärenden] übelnehmen, wenn sie sich gegen Ende der Entbindung durch Stöhnen, ja selbst Schreien Erleichterung verschafft. Zu früh aber dem Schmerz nachgeben und alle Zügel der Selbstzucht fahren zu lassen, ist unzweckmäßig. Klagen und Jammern erschöpft und ermüdet auch." 1938 S. 90

Der Dammschutz wird als der wichtigste Teil der Arbeit der Hebamme bezeichnet. Haarer betont die Wichtigkeit des ersten Schreies. Er sei der Beginn der Lungenatmung und ein Zeichen für: gesund und kräftig.

1979: Haarer erklärt wieder die verschiedenen Phasen der Geburt und wie sich die Frau dabei verhalten soll. Nicht nur im Bezug auf Atmung und Entspannung (es wird auf Übungen am Ende des Buches verwiesen), sondern vor allem:

"Hören Sie auf alles, was Ihnen Ihre Hebamme oder der Arzt sagen." 1979, S. 93

Auch diesmal fehlt nicht der Hinweis, dass das Pressen mit den Bauchmuskeln in der Austreibungsphase ganz unwillkürlich geschieht.  Haarer erwähnt den Dammschutz und den Dammschnitt. Das Kind wird geboren und "die Atmung kommt durch das Schreien richtig in Gang."

Nach der Geburt

1938: Nach dem Abnabeln wird das Kind, wenn es gut atmet, in ein Tuch gehüllt und beiseite gelegt bis die Nachgeburtsphase beendet ist. Keine Angst vor der Blutung, die dann einsetzt! Das ist natürlich und Frauen stecken den Blutverlust gut weg (besser als Männer!). Wenn die Blutung unnatürliche Ausmaße annehmen sollte, kann die Hebamme oder der Geburtshelfer helfen.

Versorgung des Neugeborenen. Baden, um "von den ihm anhaftenden vorgeburtliche Hautabschilfungen und den schleimigen Absonderungen der Geburtswege" zu säubern. Nabel mit keimfreier Nabelbinde schützen. In die Augen einen Tropfen 2prozentiger Silbernitratlösung einträufeln (gesetzlich vorgeschrieben, gegen Erblindung durch Tripperinfektion).

1979: Das Kind wird abgenabelt. Wieder wird es in ein Tuch gehüllt und "zunächst in Ruhe gelassen." Aber es kann der Mutter nun auch in den Arm oder auf den Bauch gelegt werden, während die Nachgeburt kommt und die Mutter versorgt wird. Auf das Baden des Kindes wird "meist verzichtet, damit keine Krankheitskeime in die Nabelwunde eindringen."

Dann zählt Haarer alle Untersuchungen auf, die bei dem Neugborenen vorgenommen werden. In die Augen wird "eine keimtötende Lösung" eingeträufelt, aber den Grund dafür veschweigt Haarer. 

Geburtsschmerzen

1938: Schmerzen werden von unterschiedlichen Frauen unterschiedlich wahrgenommen. Manche Frauen finden die Eröffnungsphase am schlimmsten, andere empfinden nur beim Kopfdurchtritt einen Schmerz. Da die Wehen meist langsam beginnen, könne die Gebärende sich an sie gewöhnen. Nach der Geburt seien sie sofort vergessen. Nach schmerzstillenden Mitteln verlangen nur "verweichlichte" Frauen - das sei eine "Abkehr von allem Heroismus". 

1979: Der Abschnitt über die Schmerzen ist noch sehr nahe an der Version von 1938. Auch hier wird davon gesprochen, dass die Gebärende sich an die Schmerzen gewöhnen würde und dass sie nach der Geburt sofort vergessen seien. Die besten Mittel gegen die Schmerzen seien Gymnastik in der Schwangerschaft, Entspannung und Atmung. Schmerzstillende und krampflösende Mittel in Form von Tropfen, Tabletten, Zäpfchen oder Gas können Arzt und Hebamme nach reiflicher Abwägung geben. Vorsicht ist dabei nötig, um die Wehen nicht zu schwächen und das Kind nicht zu gefährden. Aber vor allem gehört für Haarer Leiden und Ertragen zum Leben dazu.

"Es gehört nun einmal zu einem voll erfüllten Leben, daß man auch etwas durchmachen und ertragen muß. Dadurch erst reift man zu einer Persönlichkeit heran, dadurch erst werden Sie eine "Frau von Format". Überlegen Sie sich dies einmal in aller Ruhe - wir hoffen, daß Sie uns recht geben werden." 1979, S. 87

Der Vater

1938: Haarer hat mehr Mitleid mit dem Mann als mit der Gebärenden. Er kann ja nichts tun als abzuwarten und muss auch noch mit anhören, wie seine Frau leidet. Sie spricht sich dafür aus, dass der Mann bei der Geburt dabei ist - nicht zuletzt, damit dieser im Wochenbett mehr Verständnis für die Wöchnerin hat. 

1979: "Wo bleibt Ihr Mann?" fragt Haarer hier. Und irgendwie ist es, als sei es nie Sitte gewesen - nicht einmal regionale Sitte - dass der Mann bei der Geburt dabei ist, denn Haarer schreibt:

"Moderne junge Ehemänner nehmen heute von Anfang an teil an der Zeit der Erwartung. Zusammen mit ihrer Frau informieren sie sich über Schwangerschaft und Geburt und wollen dabei sein, wenn ihr Kind zur Welt kommt."

Der Tenor ist auch hier derselbe, wie 1938. Der arme, bemitleidenswerte Mann, der warten muss! Und das Dabeisein weckt Verständnis für den Zustand der Frau nach der Entbindung.

mehr dazu: Teil 4 - Geburt 

5. Wochenbett

1938: 12 Seiten.

1979: 15 Seiten. (Zur Erinnerung: die Seiten sind längst nicht so eng beschrieben. Inhaltlich ist es daher eher weniger als mehr gegenüber 1938. Die Abschnitte wirken auch viel kürzer und straffer.)

Seelische Verfassung nach der Geburt

1938 glich die Geburt einem Kampf.

"Die Entbindung ist vorüber - das Kind ist geboren. Aber nicht ohne Wunden ist die Frau aus dem Kampf hervorgegangen, und ebenso wie jeder andere Verwundete braucht sie völlige Schonung und aufmerksame Pflege." 1938 S. 97

1979 ist die Geburt eine Leistung.

"Die Entbindung ist vorbei. Ihr Baby ist da. Sie haben körperlich und seelisch eine große Leistung vollbracht." 1979 S. 106

In beiden Ausgaben weist Haarer darauf hin, dass sie Wöchnerin sehr emotional sein kann und nicht ganz "sie selbst" ist.

Besuch

1938: Besuch soll nicht vor dem dritten Tag empfangen werden. Während des Stillens darf kein Besuch kommen. Nach der Geburt sprechen Frauen über das Erlebte und Dinge, die sonst tabu sind. Dadurch wird diese Zeit zu etwas besonderem. Die junge Mutter soll sich nicht durch Ammenmärchen und Ratschläge beirren lassen. Sie soll lieber auf die Hebamme oder eine "vernünftige" Freundin hören.

1979: Die Geburt findet im Krankenhaus statt. (Wie ich in "Bei meinem Kind mache ich das anders" schreibe, blieben Wöchnerinnen zu dieser Zeit im Schnitt 11 Tage im Krankenhaus.) Durch vom Krankenhaus festgelegte Besuchszeiten erledigte sich wohl der Hinweis, beim Stillen keine Besuche zu empfangen. Er fehlt hier. Noch immer sollen aber in den ersten drei Tagen nur die nächsten Angehörigen zu Besuch kommen. Bei Ratschlägen soll die junge Mutter nur auf Arzt, Hebamme und "wirklich vernünftige und erfahrene Frauen" hören.

Periode und Geschlechtsverkehr

Haarer erläutert 1938, dass die Periode schon nach 4 Wochen wieder einsetzen könne, aber dass es bei Stillenden meist länger dauere. Geschlechtsverkehr soll in den ersten sechs Wochen "unterlassen werden."

"Rücksichtsvolle und vernünftige Ehemänner werden möglichst während der ganzen Stillzeit Enthaltsamkeit üben." 1938 S. 107

1979 sagt Haarer, dass bei vielen Stillenden bis zum Abstillen die Periode ausbliebe, und bei Nichtstillenden sie meist nach 6 Wochen wieder käme. Mit Geschlechtsverkehr sollte mindestens 5 Wochen gewartet werden.

Pflege der Wöchnerin

1938: "Peinlichste Reinlichkeit!" ist der oberste Grundsatz. Diverse Maßnahmen, diese zu erreichen, werden erklärt. Die Wöchnerin soll möglichst gar nichts tun. Vor allem aber soll sie mit dem Wochenfluss nicht in Berührung kommen. Das Wechseln der Vorlagen übernimmt eine Pflegerin.

Genitalbereich darf nur mit fließendem Wasser gereinigt werden. Keine Berührung mit den Händen oder gar einem Waschlappen ist erlaubt. Dafür werden ein Krug und eine Bettpfanne benutzt. Das verwendete Wasser soll 0,5% Sagrotan oder ein anders Desinfektionsmittel enthalten.

Baden ist erst nach drei Wochen erlaubt. Nach dem Bad müssen die Brüste mit Seife gewaschen werden, da es ansonsten angeblich durch die Keime im Badewasser zu einer Brustenzündung kommen könne.

1979: Noch immer gilt peinliche Reinlichkeit! Die Vorlagen werden von der Pflegerin nun nur noch mit einer Pinzette angefasst - und zwar je eine Pinzette für die alte und eine für die neue Vorlage. Die Spülung mit der Sagrotanlösung gibt es noch immer. Nach etwa 10 Tagen darf die Wöchnerin sich im Intimbereich wieder wie gewohnt selber waschen, wenn Arzt oder Hebamme es erlauben!

Duschen und "Kopfwaschen" darf die Wöchnerin, sobald sie sich kräftig genug fühlt. Baden erst nach 2-3 Wochen. Die Brüste dürfen wegen "Keimverschleppung" aber nicht ins Badewasser.

Wo ist das Kind?

1938: Nicht nur im Krankenhaus, auch im Privathaushalt soll das Baby von der Mutter getrennt werden.

"Wir haben uns bisher nur mit der Mutter beschäftigt. Wo aber bleibt das Kind? Ist Hilfe im Hause, die sich um das Neugeborene kümmern kann, und ist genügend Platz vorhanden, so raten wir ganz unbedingt dazu, es von der Mutter getrennt unterzubringen und es ihr nur zum Stillen zu reichen. Der Mutter wird auf diese Weise nicht nur viel Beunruhigung erspart - sie horcht nur zu gern ängstlich auf jede Lebensäußerung des kleinen Wesens und sorgt sich unnötig darum -, sondern auch für das Kind ist ein eigener Raum von größtem Vorteil. Dort ist es dem Ansturm der Besucher weniger ausgesetzt und läuft nicht so sehr Gefahr, von allen möglichen Händen angefaßt oder aus dem Bett genommen und immer wieder geräuschvoll begutachet zu werden. Indem wir dem Kinde dies ersparen, behüten wir es vor Beunruhigungen, vor Wärmeverlust und vor allem vor erkrankungen. (...) Außerdem hat die Trennung von Mutter und Kind für letzteres außerordentliche erzieherische Vorteile. Daß die Erziehung des Kindes unmittelbar nach der Geburt zu beginnen hat, darüber werden wir später noch ausführlich reden." 1938 S. 104

1979: Die Angst vor Krankheitskeimen, die Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt hatte, kann Haarer nicht abstreifen. Aber von Erziehung und Ruhe durch die Trennung spricht sie nicht mehr.

"Wo bleibt das Baby? Wenn Sie Ihr Baby in einer Klinik bekommen haben, müssen Sie sich in dieser Frage gewöhnlich einfach in die Hausordnung fügen. In vielen Kliniken werden die neugborenen Babys von den Müttern getrennt und kommen in eine ganz eigene Abteilung. Der junge Vater darf sein Kind nur durch eine Glaswand kurz bewundern. Es wird der Mutter zum Stillen gebracht und danach wieder abgenommen. Während der Nacht hört und sieht sie nichts von ihrem Kinde. An dieser Methode wird neuerdings heftig Kritik geübt. Sie ist ja auch wirklich ganz unnatürlich." 1979 S. 107

Johanna! Johanna! Bist du etwa ein Fähnchen im Winde?

Haarer wiegt Pro und Contra von Rooming-In ab. Dass sie es nicht vollumfänglich willkommen heißt, sei ihr zugestanden. Umzulernen fällt den meisten Menschen schwer. Die Frage, in wie weit sie an die Vorteile des Rooming-Ins wirklich glaubt, lässt sich nicht beantworten. Ein Buch, dass dieses vehement ablehnt, hätte es 1979 auf dem Markt aber sicher schwer gehabt.

"Die Psychologen haben betont, daß dem Neugeborenen trotz einwandfreier Pflege durch Schwestern das »Verlassensein« auf den Klinikstationen keineswegs gut tut, daß die Mütter keinen Kontakt zu ihren Kindern bekommen, daß das Stillen unter dieser unnatürlichen Trennung leidet. Das leuchtet alles ein. Andererseits darf man nicht vergessen, daß in der gleichen Epoche, in der die strenge Trennung der Mütter von den neugeborenen Babys durchgeführt wurde, viel weniger Kinder gestorben sind als in früheren Zeiten." 1979 S. 107

Hier irrt Haarer. Die Säuglingssterblichkeit war schon davor gesunken. Allerdings wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts und danach so viele Maßnahmen eingeführt, dass sich nur noch schwer erkennen ließ, welche davon nun erfolgreich waren. Wir können Haarer diese Fehleinschätzung also nicht vorhalten. Sie war weit verbreitet.

"Der Grund liegt auf der Hand: Sie wurden vor Infektionen geschützt, gegen die sie noch kaum Abwehrkräfte haben. Läßt man nämlich das Kind im gleichen Raum mit der Mutter (dies wird englisch als »rooming-in« bezeichnet), dann hat es natürlich Kontakt mit allen Besuchern! Dabei kann alles mögliche passieren. Schon ein einfacher Schnupfen kann einem Neugeborenen gefährlich werden. Beim »rooming-in« gibt es aber auch Probleme: Liegen mehr als zwei Frauen in einem Zimmer, so werden sie doch erheblich gestört, besonders nachts. Daß Mutter und Kind nach beieinander untergebracht werden, läßt sich also am leichtesten auf Privat-Stationen, in Kliniken mit kleinen Räumen durchführen. Man hat außerdem die Erfahrung gemacht, daß Mütter, die schon Kinder haben, auf das »rooming-in« nachts gern verzichten. Dabei besteht wiederum die Gefahr, daß das Kind nachts mit der Flasche gefüttert wird und das Stillen darunter leidet." 1979 S.109

Und ganz ohne Rooming-In besteht diese Gefahr nicht? Oder was?

"Man setzt sich deshalb heute in Deutschland für einen vernünftigen Mittelweg zwischen beiden Systemen ein und strebt beim Umbau und Neubau von Frauenkliniken an, daß immer zwischen zwei kleineren Wöchnerinnenzimmern mit 2-4 Betten ein Raum für die Neugeborenen eingeschaltet wird. Er soll nur durch Glaswände getrennt sein. Die Mütter können dann ihre Kinder jederzeit sehen, und sie können sie sehr bald mitpflegen bzw. die Pflege dabei richtig lernen. Der Vater, die Besucher können das Baby ebenfalls sehen, aber es wird doch vor Infektionen behütet. Es wäre schön, wenn dieses »Kontaktsystem« sich recht bald durchsetzen würde." 1979 S. 107f

Mehrere Fragen:  - Wer ist "man" im ersten Satz? Das ist doch Haarers Wunschdenken, oder? - Versteht Haarer nicht, dass es um mehr geht als nur das Anschauen? (Rhetorische Frage) - Gab es genug Personal für so viele kleine Neugeborenenzimmer? Oder lagen die Babys dort allein bis die Mutter nach der Schwester klingelte?

Wochenbettgymnastik und Sport

Bevor Haarer uns einige Gymnastikübungen für das Wochenbett vorstellt, gibt sie uns zur Einleitung 1938 noch folgendes misogynes "Juwel":

"Der Wunsch der Frau, durch die überstandene Entbindung möglicht gar nicht entstellt und verändert zu werden, ist durchaus natürlich, und ebenso ist er erfüllbar. Es ist Pflicht jeder Frau, ihr Äußeres so vorteilhaft wie möglich zu gestalten. Ebenso wie in der Schwangerschaft wird sie auch im Wochenbett darauf achten, auf ihre Umgebung in keiner Weise abstoßend zu wirken." 1938 S. 105

Ich habe immer mehr den Eindruck, dass Haarers Texte sehr viel Projektion enthalten. Sie scheint von sich selber ein sehr minderwertiges Bild zu haben. Dass sie nie eine Bindung zu ihren Kindern aufgebaut hat, ist ja aus deren Schilderungen bekannt.

Und wann darf die Wöchnerin aufstehen? Am 5. Tag darf sie sich für ein Viertelstündchen in einen Sessel setzen. Haarer weist darauf hin, dass die ersten Schritte meist "klapprig und unsicher" seien. Das ist ja kein Wunder, wenn tagelang nur gelegen wurde! Das hat dann schon nichts mehr mit der Geburt zu tun, aber Liegen wurde damals mit Ausruhen und Kraftschöpfen gleich gesetzt.

Ab dem 10. Tag sind dann "Ausgänge ins Freie" erlaubt und auch empfohlen. Auch die gewohnte Arbeit kann nun "langsam und schonend" wieder aufgenommen werden - "unter Einhaltung einer ausgiebigen Nachmittagsruhe". Schwere körperliche Arbeit sollte in den ersten 6-8 Wochen vermieden werden.

"Starkes Arbeiten mit den Armen und Hantieren im kalten Wasser beeinträgchtigt die Milchbildung. Das ist vielen Frauen unbekannt und sollte mehr beachtet werden." 1938 S. 107f

Sport darf die Frau aber frühestens nach drei Monaten wieder machen und auch nur, wenn der Arzt grünes Licht gibt. Angeblich würde der Flüssigkeitsverlust durch das Schwitzen das Stillen beeinträchtigen. Unsinn.

"Leider gibt es hie und da Frauen, die sich aus Liebe zum Sport vom Stillen abbringen lassen. Das kann nicht scharf genug verurteilt werden." 1938 S. 108

1979:Die Rückbildungsgymnastik hat - wie die Schwangerschaftsgymnastik (13 Seiten) - ein eigenes bebildertes Kapitel mit vier Seiten.

Hinsetzen darf sich die Wöchnerin nun schon am ersten Tag nach der Entbindung und aufstehen darf sie "recht bald". Mittlerweile wissen Ärzte um die Thrombosegefahr bei längerem Liegen und sorgen für Mobiliät.

Wenn Frauen ihren gewohnten Sport wieder aufnehmen möchten, sollen sie dies mit ihrem Arzt besprechen. Schwimmen ist erst nach 6-8 Wochen erlaubt.

Noch immer glaubt Haarer, starkes Schwitzen und starke körperliche Anstrengung würden die Milchmenge beeinträchtigen, weshalb sie zu Vorsicht mahnt. Haarer weiß aber, dass Frauen sich Ende der 1970er nicht mehr so viel vorschreiben lassen. Sie versucht es also mit Beschämen statt Verurteilen, wie sie es noch 1938 tat.

"Hoffentlich lassen Sie sich aber aus Liebe zum Sport nicht vom Stillen abhalten! Das könnten Sie gar nicht verantworten. " 1979 S. 117

Beruf

1979 erklärt Haarer das Mutterschutzgesetz und macht Müttern, die arbeiten wollen, ein schlechtes Gewissen. Ironischerweise tut sie dies mit der "unersetzlichen mütterlichen Nähe", die ein Baby bräuchte. Dabei ist Nähe doch genau das, was in der Schwarzen Pädagogik nicht vorkommen darf. Aber als echte Nationalsozialistin will Haarer die Mütter halt im Haus und am Herd sehen, und es scheint, dafür ist ihr jedes Argument recht.

Wir sehen das bis heute. Die Mittel ändern sich, das Ziel bleibt dasselbe. Darum ist es so wichtig, Texte aufmerksam zu lesen, wie ich hier schon einmal erläutert habe.

Familienplanung

1979 schließt Haarer das Kapitel zum Wochenbett mit einem langen Absatz zu Familienplanung und Empfängnisverhütung ab. Themen, um die Autor*innen nun nicht mehr herum kommen.

Haarer rät aus gesundheitlichen Gründen zu einem Altersabstand von 2 Jahren und stellt ansonsten diverse Verhütungsmethoden vor.

mehr dazu: Teil 5 - Wochenbett 

6. Stillen

Mit dem Stillen beginnt die Einführung einer Pflegeordnung in Form eines Stundenplans, von dem nicht abgewichen werden darf. Und somit beginnt auch die Erziehung des Kindes.

Die Regeln und Vorschriften rund ums Stillen in den Jahren 1938 und 1979 unterscheiden sich gar nicht so sehr von einander. Auch Ende der 70er gilt das Stillen nach der Uhr noch als Nonplusultra. Höchstens mit dem Durchsetzen ist man etwas lockerer geworden. 

In beiden Ausgaben nimmt das Thema Stillen einen großen Platz ein - jeweils 26 Seiten sind ihm gewidmet. Der Titel des Kapitels lautet: 1938: Die natürliche Ernährung an der Brust, das Stillen. 1979: Natürliche Ernährung - das Stillen

In beiden Ausgaben betont Haarer, dass es keinen gleichwertigen Ersatz für Muttermilch gäbe. Das ist richtig. Selbst Ende der 70er muss der Pulvermilch noch Saft hinzugefügt werden, um den Vitamingehalt zu erhöhen. Dennoch ist die Pulvermilch der 70er Jahre deutlich besser als die der 30er.

Für Haarer ist es die Pflicht jeder Mutter ihr Kind zu stillen. Haarer versucht auf unterschiedliche Weisen, Mütter zum stillen zu zwingen. 1938 versuchte sie es insbesondere mit völkischem Gedankengut.

Stillstart

1938: Nach 12-24 wird zum ersten Mal angelegt. Die ersten Stillversuche finden im Liegen statt, da die Mutter noch nicht sitzen darf. Mund des Kindes auf Höhe der Brustwarze, Brust wird gegriffen und in den Mund geschoben, die Nase des saugenden Kindes wird mit dem Daumen frei gehalten. (Alles daran ist falsch! Wurde aber damals allgemein so gemacht.) 

1979: Es hat sich nicht viel geändert. Lediglich der Stillstart ist jetzt früher.

"Bald nach der Geburt nehmen Sie das Kind zum ersten Mal an die Brust, in manchen Kliniken sogar sofort nach der Geburt. Man richtet dabei nach Ihrem Befinden, auch nach dem Ergehen des Babys. Früher hat man die Babys nach der Geburt viele Stunden fasten lassen. Heute bahnt sich auch in dieser Frage ein Wandel an. Es ist erwiesen, daß das Kind weniger abnimmt und daß die Milchbildung besser in Gang kommt, wenn das Kind möglichst bald an die Brust genommen wird. Dies ist so simpel und so einleuchtend, daß es eigentlich nicht erst eigens betont werden müßte." 1979, S. 157f

Faszinierend, wie Haarer immer so schreibt, als ob sie das ja immer schon gewusst hätte. Einerseits können wir nicht von ihr erwarten, dass sie in einem Ratgeber darlegt, dass sie es selber früher ganz anders propagiert hat, andererseits hinterlässt die wiederholte Betonung, dass es ja alles so einleuchtend sei, einen fahlen Nachgeschmack, wenn man um die Historie dieses Buches weiß.

Stilltechnik und Stillregeln

1938 stellt Haarer sechs Grundregeln auf, die sie noch erläutert. Ich gebe hier nur die Regeln wieder, nicht die Erläuterungen. Warum diese Regeln aufgestellt wurden, spielt bei diesem Buchvergleich keine Rolle. Im Blog habe ich schon einiges dazu geschrieben. Haarer gibt auch hier nur wieder, was gültige Sichtweise war.

1. "Das Kind bekommt zu jeder Mahlzeit nur eine Brust." 2. "Das Kind soll nie länger als 20 Minuten trinken." 3. "Zwischen den Stillmahlzeiten müssen unter allen Umständen regelmäßige und ausreichende Pausen eingehalten werden." 4. "Alle Tage wird zu denselben Zeiten gestillt." 5. "Außerhalb der regelmäßigen Trinkzeiten gibt es keinen Grund, das Kind an die Brust zu nehmen!" 6. "Nach dem Stillen wird das Kind einige Augenblicke aufrecht gehalten." (Für das Bäuerchen.)

Zusätzliche Pflegehinweise (ebenfalls alle nach heutigem Wissen falsch oder unnötig) sind: die Brust soll vor dem Stillen prall und danach leer sein; vor dem Stillen werden die Hände gewaschen; die Brust darf nicht hängen oder an der Kleidung scheuern; vor dem Stillen wird die Brust mit Watte und Borwasser gereinigt; wunde Brustwarzen werden mit reinem Lanolin oder einer Perubalsam-Salbe bestrichen. (Der Geschmack von Borwasser und Perubalsam dürfte so manches Baby vom Stillen abgehalten haben.)

1979 sind es dann nur noch Ratschläge, keine Regeln, die Haarer anführt. Diese Ratschläge sind zwar nicht besser als die alten Regeln, aber sie lassen der Mutter mehr Freiheiten.

"Jedes Baby und jede Mutter haben ihre Eigenarten. Deshalb gibt es heute Ärzte, die von den allgemein bekannten Stillregeln nichts mehr wissen wollen, und erklären, das Baby müsse immer dann gestillt werden, wenn es Hunger hat, d. h. schreit oder nuckelt." 1979, S. 159

Ob Haarer sich selber diesen Ärzten zählt? Die Formulierung lässt vermuten, sie tut es nicht. Aber wenn sie will, dass ihr Buch weiterhin gekauft wird, kann sie diese neuen Ansichten nicht unter den Tisch fallen lassen.

"Das gilt ganz bestimmt für die erste Lebenszeit, so lange, bis die Milchbildung richtig in Gang kommt. Lassen Sie sich also besonders am Anfang durch feste Regeln nicht irre machen, halten Sie sich frei von jeder Prinzipienreiterei, und trachten Sie nur danach, daß das Kind an der Brust satt wird und zunimmt. - Allmählich stellt sich aber doch ein gewisser Rhythmus, eine Regelmäßigkeit ein. Dies ist für Sie ja auch sehr erwünscht, da Sie daheim neben dem Stillen noch andere Pflichten haben. Aber vergessen Sie nie, daß das Stillen wichtiger ist, als alle Still-Regeln!" 1979, S. 159f

Die Details machen den Unterschied zwischen den alten Stillregeln und den neuen Ratschlägen. Insgesamt hat sich aber nicht viel getan. Noch immer gilt:

  • "Sauberkeit!"
  • "Das Kind soll bei jeder Mahlzeit nur auf einer Seite angelegt werden."
  • "Das Kind sollte nicht länger als 10-15 Minuten trinken."
  • "Das Kind sollte in regelmäßgen Abständen gestillt werden."
  • "Wenn die Milch ausreicht und das Kind gut gedeiht, wird eine etwa achtstündige Nachtpause eingehalten."
  • "Nach dem Trinken wird das Kind einige Augenblicke aufrecht gehalten, ehe es ins Bettchen kommt."

Wie ich eingangs bereits sagte, beginnt für die Nazis die Erziehung des Kindes mit dem Stillen. So schreibt Haarer an dieser Stelle 1938:

"Die Schwierigkeiten, von Anfang an eine 8stündige Nachtpause durchzuführen - und diese sind durchaus nicht selten - erörtern wir später. (...) Bedenke immer: Mit deinem richtigen Verhalten in dieser ganz entscheidenden Frage steht und fällt die richtige Pflege und Aufzucht deines Kindes! Die regelmäßig eingehaltenen, täglich gleich pünktlichen Mahlzeiten sind der entscheidende Beginn in der Erziehung deines Kindes." 1938, S. 144

1979 hingegen liest sich das schon ganz anders, auch wenn Haarer es streng an die Gewichtszunahme koppelt.

"Die Nachtpausen hat man früher sehr streng eingehalten, und bei manchen Kindern geht dies auch. Viele Babys halten aber anfangs nachts nicht durch. Sie schreien zu einer bestimmten Zeit und gedeihen nicht recht. Sie müssen den Unterschied zwischen Tag und Nacht ja erst lernen, davon war schon die Rede. - Wenn das Baby nicht recht zunimmt, dann stillen Sie ruhig auch nachts! Das ist viel weniger aufreibend, als wenn man wachliegt und das Geschrei anhören muß. Nachts ist man ungestört und man kann dann besonders gut stillen. Nachher schlafen Sie und das Baby rasch wieder ein. Wird das Baby älter und kräftiger, dann hält es immer länger durch, und schließlich haben auch Sie ungestörte Nächte. Fürchten Sie sich nicht davor, das Baby zu verwöhnen! Allszu starre Konsequenz und Härte sind bestimmt auch nicht gut. Die Psychologen betonen, daß dies zu langdauernden seelischen Schäden führen kann." 1979, S. 161

Stillpflicht vs Stillfanatismus

Im Abschnitt über Stillprobleme geht es auch um die Pflicht zu Stillen.

"Es soll nicht verschwiegen werden, daß es leider auch Mütter gibt, denen jede kleine Stillschwierigkeit zum willkommenen Anlaß wird, sich ihrer Stillpflicht ganz zu entziehen." 1938, S. 121

Die Ausgabe von 1979 unterscheidet sich hier in erster Linie durch die Sprache. Auffallend ist, dass die Ermahnung zum Schluß ersetzt wurde durch einen Absatz mit der Überschrift "Kein Stillfanatismus!".

"Wenn Sie wirklich alles versucht haben und Ihre Milch reicht nicht aus, dann dürfen Sie das Kind nicht hungern lassen. (...) Geben Sie zu jeder Mahlzeit erst die Brust und anschließend die Flasche. Auf diese Weise bleibt die Milchproduktion eher erhalten, als wenn man mehrere Brustmahlzeiten ganz durch die Flasche ersetzt." 1979, S. 168f

Die Verurteilung von Müttern, die in Haarers Augen etwas falsch machen, spricht sie 1938 deutlich aus. 1979 ist sie auch noch da, aber viel versteckter, unterschwelliger. Die Mutter soll "wirklich alles versucht haben," bevor sie aufhören darf zu stillen.

Empfohlene wöchentliche Gewichtszunahme 1938 vs 1979

  • Im ersten Vierteljahr 180g (1938) bzw 170g (1979).
  • Im zweiten Vierteljahr 120g (1938) bzw 150g (1979).
  • Im dritten Vierteljahr 120g (1938) bzw 110g (1979).
  • Im vierten Vierteljahr 80g (1938) bzw 80g (1979).

Wie lange soll gestillt werden?

1938: Wenn Haarer zu Beginn dieses Kapitels sagt:

"Deutsche Mutter, stille so lange du kannst!" 1938, S. 130

dann meint sie das nicht ernst. Denn sie meint, dass bis zum 9. bis 12. Monat abgestillt werden soll. Dass die meisten Mütter das nicht schaffen, liegt in erster Linie an den falschen Stillregeln. Doch wie alle Ärzt*innen zu ihrer Zeit, sieht Haarer das nicht. Für sie liegt es an der Unkenntnis, der Faulheit oder der Eitelkeit der Mütter

Beikost

1938: Schon ab dem 4. Monat soll das Baby wegen der Vitamine Obst- und Gemüsesäfte und -breie bekommen. Nach dem sechsten Monat werden in einem 5-Stufen-Plan die fünf Stillmahlzeiten durch Beikost ersetzt. Während der letzten beiden Stufen, kann die Mutter die Zahl der Mahlzeiten auf 4 reduzieren.

Für berufstätige Mütter empfiehlt Haarer eine andere Reihenfolge der zu ersetzenden Mahlzeiten. Auch für den Fall, dass plötzlich abgestillt werden muss, hat Haarer Ratschläge parat. Zu guter letzt verliert sie noch ein paar Worte zur Amme und zum Kauf von Ammenmilch in Kinderkliniken.

Auch 1979 hält Haarer sich an die dann gültigen Ernährungspläne. Selbst wenn sie ihren bisherigen, gesünderen (!) Ansichten widersprechen. Wir merken wieder: du kannst keinen Ratgeber verkaufen, der nicht dem Zeitgeist entspricht.

Die erste Mahlzeit wird nun schon im dritten Monat ersetzt! Zum sechsten Monat ist das Kind abgestillt.

Auch diesmal erwähnt Haarer noch das Stillen bei Berufstätigkeit ("Es wird ihnen wohl nicht lange möglich sein, Ihr Kind ausschließlich an der Brust zu ernähren." 1979, S. 182) und das plötzliche Abstillen.

mehr dazu: Teil 6 - Das Stillen 

7. Ernährung mit der Flasche

Die Ernährung des nicht oder teilgestillten Kindes hat sich in den 41 Jahren, die zwischen den beiden hier verglichenen Ausgaben vergangen sind, so drastisch geändert, dass es nicht sinnvoll ist, einzelne Abschnitte zu vergleichen. Das liegt vor allem daran, wie sehr sich die Pulvermilch verändert hat. 1938 weigert Haarer sich noch, diese überhaupt zu besprechen und erklärt lang und breit, wie Ersatznahrung zuhause selber hergestellt werden kann.

1938: Kapitel 10 - Die ausschließliche oder teilweise künstliche Ernährung im ersten Halbjahr. 24 Seiten.

1979: 7. Kapitel - Ernährung mit der Flasche. 15 Seiten.

Das Kapitel ist somit deutlich kürzer geworden. Entfallen sind vor allem die Ausführungen zur Überlegenheit des Stillens, viele Details zur Wahl der richtigen Zutaten, Herstellung des Obstbreies, nebensächliche Ausführungen (wie dass Obstflecken mitunter schwer zu entfernen sind) und Ausführungen über das Erkennen von ernährungsbedingten Krankheitserscheinungen.

1938: Wenn ihr euch wundert, warum Haarer keine fertige Pulvermilch erwähnt, die es ja bereits seit mehreren Jahrzehnten gibt, so erklärt sie es euch am besten selber:

"Die moderne Kinderheilkunde bemüht sich außer um die einwandfreie Pflege, sie Durchführung der natürlichen und der hier beschriebenen, alteingeführten künstlichen Ernährung unablässig darum, neue Wege zu finden, um die Nahrung des künstlichen genährten Kindes zu verbessern. All dieser Versuche bemächtigt sich dann sehr die Industrie. Sie nimmt sie zum Anlaß, neue Nährpräparate herzustellen und mit Hilfe ihrer Reklame den Müttern neue Ernährungsmethoden zu empfehlen. Dies birgt immer die Gefahr in sich, daß die Mütter die Möglichkeiten der künstlichen Ernährung in zu rosigem Lichte sehen und vom Stillen abgebracht anstatt zu ihm angeleitet zu werden. Wir verzichten deshalb im Rahmen dieses Buches bewußt darauf, neuere und noch nicht allgemein anerkannte Ernährungsweisen, besonders solche mit Fabrikpräparaten, zu beschreiben oder gar zu empfehlen." 1938, S. 181

Haarer hat hier völlig recht. Das Marketing rund um die Pulvermilch hat zu massiven Rückgängen in den Stillquoten gesorgt. Sie wird aber 1979 nicht mehr darum herum kommen, "Fabrikpräparate" zu besprechen, da diese in der Zwischenzeit wesentlich sicherer geworden sind, als das Selbermischen.

Als nächstes bespricht Haarer die "praktische Durchführung" von ausschließlicher Ernährung mit der Flasche und von Zwiemilchernährung. Über vier Seiten gibt es eine Fülle an Tabellen und Listen. Wieviel Uhr, wieviel Gramm, welches Mischverhältnis usw. usf. sind darin genau aufgeführt. Da die Nahrungsmenge an das Gewicht des Kindes gekoppelt ist, ist auch die Waage ein ständiger Begleiter.

Haarer behauptet auch hier wie beim Stillen, dass es "trinkfaule" Kinder gäbe. Bei Neugeborenen und sehr kleinen Babys müsse man hier geduldig sein und besonders auf die Füttertechnik achten. Bei größeren Kindern, die sich weigern, die Flasche zu nehmen, solle man die Mahlzeit ausfallen lassen, denn Hunger sei "der beste Koch."

"Man quäle sich mit einer Mahlzeit nicht zu lange ab und warte unerbittlich bis zur nächsten Fütterungszeit. Es gilt oft nur einen einmaligen Widerstand zu brechen. Auf diese Weise wird man kaum je in die Lage kommen, vorzeitig das dann außerordentlich mühsame Füttern mit dem Löffel anfangen zu müssen." 1938, S. 187

Zum ersten Mal lesen wir hier das Wort "unerbittlich." (Kapitel 9 haben wir übersprungen. Wir besprechen es in Teil 9.) Die Mutter soll nicht zu viel ihrer Zeit auf das Kind verwenden. Und der Stundenplan geht über alles!

1979: Zum Einstieg betont Haarer die Wichtigkeit der Lektüre dieses Kapitels.

"Wenn Sie nicht stillen können oder wenn die Muttermilch nicht ausreicht, dann müssen Sie Ihr Baby mit der Flasche ernähren. Auch dabei kann es gut gedeihen und gesund bleiben. Allerdings müssen Sie dann auch gut über Säuglingsernährung Bescheid wissen. Bitte lesen Sie deshalb unsere Ausführungen genau und wiederholt durch, damit Sie nichts übersehen. Es kommt auf jede Kleinigkeit an." 1979, S. 184

Kurz erwähnt Haarer, welche Bestandteile für unsere Ernährung generell wichtig sind. Bei Flaschennahrung soll die Mutter sich genau an die Packungsanweisungen halten. Zwiemilchernährung ist der reinen Ernährung mit Ersatz vorzuziehen.

"Bei der Flaschennahrung haben Sie verschiedene Möglichkeiten. Sie können die Nahrung selbst zubereiten. Dies ist die billigste Ernährung. (...) Allerdings ist die selbstgekochte Nahrung einer guten Büchsennahrung an Qualität unterlegen, das wollen wir nicht verschweigen. Sie enthält auch immer Bakterien. Trotzdem kann man ein gesundes Baby damit aufziehen." 1979, S. 184f

Haarer sagt, dass Pulvermilch 3-4mal so teuer sei, wie selbst gemachte Ersatzmilch. Der hohe Preis biete "Sicherheit, Qualität und Bequemlichkeit." Für mich klingt da wieder der Vorwurf der Faulheit mit.

Der nächste Abschnitt macht deutlich, warum Firmen mit allen Möglichen Angeboten und Tricks bis heute versuchen, die einzige Marke zu sein, die in einer Klinik angeboten wird. Der Ratschlag, den Haarer hier gibt, war weit verbreitet.

"Kam Ihr Baby in einer Klinik zur Welt, dann wurde vielleicht dort schon aus der Flasche zugefüttert. Bleiben Sie zunächst bei dem Präparat, das in der Klinik gegeben wurde. Überhaupt wechseln Sie die Nahrung nicht, solange das Kind gut gedeiht und seine Verdauung in Ordnung ist." 1979, S. 185

Als nächstes führt Haarer verschiedene Milchnahrungen auf - sowohl die Art als auch die Marken. Dennoch liefert sie auch ein Rezept für selbstgemachte ersatzmilch. Dieses ist jedoch gegenüber 1938 deutlich vereinfacht.

Randbemerkung: So viele Arten wie heute gab es damals noch nicht. Folgenahrung usw. wurde erst entwickelt, nachdem es gesetzlich verboten wurde für Anfangsnahrung Werbung zu machen.

Die "Trinkfaulheit" ist verschwunden. Vielmehr liegt es an der falschen Sauglochgröße, wenn das Füttern zu schnell, zu langsam oder zu mühsam ist.

Wie ich auch in »Bei meinem Kind mache ich das anders« erkläre, wird den im Krankenhaus geborenen Babys schon dort ein Rhythmus angewöhnt (anerzogen?). Haarer sagt, das sei nötig, da der Tageslauf einer Klinik ohne feste Ordnung nicht funktionieren würde. Doch wenn das Kind nach Hause kommt, schreie es dann oft - vor allem zu den Trinkzeiten.

"Genau festgesetzte und täglich gleiche Trinkzeiten sind offenbar unnatürlich. Man ist in dieser Frage heute weniger streng als früher, und die modernen jungen Mütter haben dabei nicht selten Meinungsverschiedenheiten mit der Oma, denn als sie kleine Kinder hatte, war man sehr für Disziplin." 1979, S. 194f

Und wieder die Oma! 1938 war sie nicht streng genug und unmodern. (Das werden wir noch an anderer Stelle sehen.) 1979 war sie zu streng und unmodern. Und 2022 gibt es dafür unser Buch. ;-)

mehr dazu: Teil 7 - Ernährung mit der Flasche 

8. Beikost, Krankheiten, Impfungen

1938 Kapitel XI. Die Ernährung im zweiten Halbjahr. 23 Seiten. Dieses Kapitel beinhaltet auch Krankheiten und die Pockenimpfung (6 Seiten zusammen).

1979 Der Inhalt von Kapitel XI wurde auf drei Kapitel aufgespalten. Kapitel 8 "Kost ohne Milch" 7 1/2 Seiten; Kapitel 9 "Beschwerden bei Flaschenkost" 6 1/2 Seiten; Kapitel 10 "Krankheiten und Impfungen" 9 1/2 Seiten.

Wir sehen schon, dass der Anteil über die Ernährung geschrumpft ist. Bei den Krankheiten wurden einige ergänzt und mittlerweile gibt es deutlich mehr als nur die Pockenimpfung.

Ernährung

1938: Einführung von Beikost ab 6 Monaten. Babys und Kinder dürfen nie mehr als 600g Milch pro Tag bekommen - egal ob Tiermilch oder Menschenmilch. Alle Kinder sollen nun 2/3-Milch bekommen. Das ist Kuhmilch, die im Verhältnis 2:1 verdünnt wurde. Ab 9 Monaten gibt es Vollmilch aus der Flasche. Die Zahl der Mahlzeiten soll im Laufe des 2. Halbjahres von 5 auf 4 gesenkt werden. Nahrungsmengen werden ganz genau berechnet in Abhängigkeit des Körpergewichts. Dementsprechend soll das Kind weiterhin wöchentlich gewogen werden.

"Nochmals soll hier betont werden, daß es viel gefährlicher ist, das Kind zu überfüttern, als wenn es eine Zeitlang etwas zu knapp gehalten wird." 1938, S. 204

Dass das Kind keinerlei Mitspracherecht bekommt, in dem, was und wieviel es essen möchte, ist schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts so. Instinkt galt als minderwertig gegenüber erworbenem Wissen. Erwachsene wissen besser, was gut für das Kind ist, als es selber. Und der Wille des Kindes muss dem untergeordnet werden.

Bis zum Alter von 9 Monaten soll das Gemüse als feiner Brei verfüttert werden, um "dem Gaumen und dem Magen des Kindes die Gewöhnung an die neue Kost zu erleichtern."

"Gut erzogene" Kinder essen, was auf den Tisch kommt. Breie sollen "nach Möglichkeit" mit dem Löffel gegeben werden. Doch bis zum Alter von 9 Monaten ist es auch in Ordnung, den Brei mit der Flasche zu geben. (Andere Autor'innen empfahlen damals, den Brei hinten am Gaumen abzustreichen, damit das Kind ihn nicht ausspucken kann.) Um die Gewöhnung an den Löffel (Wir erinnern uns: zu der Zeit war alles eine Frage der Gewöhnung.) zu erleichtern soll dem Kind ein Brei gefüttert werden, den es besonders gerne isst.

Tischsitten sollen dem Kind von Anfang an beigebracht werden. Insbesondere soll es nicht ins Essen und an seinen Mund fassen. Dafür wird es beim Füttern in ein Tuch eingewickelt, das die Arme des Kindes festhält. Haarer behauptet, dass sich das Kind auf diese Art dazu erzogen würde, sich füttern zu lassen, ohne selber aktiv zu werden.

"Ist das Kind so erzogen, dann ist auch die Fütterung von Brot mit Aufstrich und Gebäck sehr leicht. Es wartet geduldig, bis ihm Stückchen auf Stückchen in den Mund gesteckt wird. Breie werden im allgemeinen von den Kindern ohne weiteres genommen. Bei der Verabreichung von Gemüse können sich dagegen ähnliche Schwierigkeiten ergeben wie bei der Darreichung der rohen Obstbeikost im ersten Halbjahr, sie können sogar größer sein. Hier aber darf es keine Nachgiebigkeit geben - Gemüse muß im zweiten Halbjahr gegessen werden!" 1938, S. 209f

Das Essen soll dem Kind aber niemals aufgezwungen werden. Es wird versucht, ein Gemüse zu finden, das es mag, oder der Gemüsebrei wird durch Beigaben schmackhaft gemacht. Haarer warnt ausdrücklich davor, dem Kind den Löffel in den Mund zu schieben, wenn es nicht will. Dadurch würde man sich einen "schlechten Esser" heranziehen, da das Kind dann Essen an sich schon verabscheut.

Wenn das Kind trotz allem das Gemüse nicht essen will, so wird ihm keine Alternative gegeben. Es muss hungern und bei der nächsten Mahlzeit wird das Gemüse wieder serviert. Haarer ist bewusst, dass das nicht gut ist, aber die Angst vor Mangelernährung sitzt zu tief. Der Zweck heiligt die Mittel.

"Diese Maßnahme mag grausam erscheinen, ist aber das einzige Mittel, um das Kind vor Ernährungsstörung und Krankheit zu bewahren, die als Folge einer einseitigen Ernährung zu erwarten sind." 1938, S. 210

1979: Karottensaft bekommt das Baby von der sechsten Woche an und auch Obstsäfte sollen bald eingeführt werden. Dann kommt der erste große Unterschied zu 1938: Haarer lobt die Beikost aus dem Gläschen in höchsten Tönen!

"Wenn man einmal Gelegenheit hat, die Herstellung von Babykost in einem großen Fabrikbetrieb zu sehen, ist man sehr angenehm berührt von der gründlichen Hygiene, mit der sie durchgeführt wird. Das alles ist nicht so ideal, wenn Sie das übliche Obst und Gemüse kaufen, das oft lange lagert und weite Transporte hinter sich hat, ehe Sie es in die Küche bekommen." 1979, S. 202f

Hygiene ist ja in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Wichtigste überhaupt gewesen. Da wundert es nicht, dass Haarer "angenehm berührt" ist. Das schlägt sogar die vermeintliche Faulheit der Mütter, die Gläschen kaufen statt selber zu kochen. 

Im 3. - 4. Monat wird dann die erste Mahlzeit durch eine "Gemüsemahlzeit" ersetzt. Zuerst gibt es nur ein paar Löffel vor der Mittagsflasche, doch schon bald soll diese wegfallen. 

Das erste Gemüse soll Karotte sein. Das zweite Gemüse ist Spinat, der nicht vor dem 6. Monat gegeben werden soll. Tiefkühlprodukte findet Haarer hier genauso prima wie die Gläschen.

"Das größere Baby kann im 2. Halbjahr dann noch andere Gemüsesorten essen: Blumenkohl, Rosenkohl, Grünkohl, Schwarzwurzeln, Tomaten usw. Mit den Krautsorten wartet man noch, sie blähen leicht." 1979, S. 204

Haarer freut sich, dass es mittlerweile üblich ist, dem Kind früh Obst und Gemüse zu geben. Sie sagt aber auch, dass man aufpassen solle, dass das Kind dadurch in den ersten 3-6 Monaten nicht zu wenig Milch bekommt. Die tägliche Milchmenge solle im gesamten ersten Lebensjahr 500-600g betragen.

Wenn das Kind den Löffel ablehnt, soll es den Brei nicht mit der Flasche bekommen. Es "muß essen lernen und darf nicht immer nur saugen." Wie das bewerkstelligt werden soll, lässt Haarer offen. Keine Ratschläge mehr, das Kind hungern zu lassen. Aber auch keine Alternativen, außer kurzzeitig ein wenig Zucker beizumischen.

"Schluß mit der Babykost Bleiben Sie nicht zu lange bei der 'Babykost'! Wenn die Zähnchen kommen oder das Kind mit den Kiefern gern kaut, können Sie es immer gemischter ernähren. Das erspart Ihnen Arbeit und ist fürs Kind gesund." 1979, S. 207

Vom Berechnen der Nahrungsmengen ist überhaupt keine Rede mehr. Seitenweise hatte Haarer sich 1938 damit beschäftigt. Hier fehlt jeder Hinweis darauf. (Bei der Flaschennahrung gab es das noch - siehe Teil 7

"Begehen Sie nie den Fehler, Ihr Baby zum Essen zu zwingen!" 1979, S. 207

Wieder betont Haarer, dass 'schlechte Esser' zu solchen erzogen werden, indem man jede Mahlzeit zu einer "kleinen Tragödie" macht. Dieser Abschnitt ist der einzige, der noch nah an der älteren Ausgabe dran ist. Ich zitiere beide komplett in Teil 8.

Krankheiten und Impfungen

1938: Haarer beschreibt die Besonderheiten des Stuhlgangs bei Einführung der Beikost. Sie erklärt, worauf geachtet werden muss, und wo der Unterschied zwischen Still- und Flaschenkindern liegt. Im Sommer sind Durchfälle noch immer ein gefährliches Problem für Babys. Die Verhütung von Durchfällen und die Ursachen dafür werden ausführlich besprochen. In jedem Fall soll das Kind dem Arzt vorgestellt werden, wenn es Durchfall hat.

Wenn ein Kind trotz bester Ernährung krank wird, könne das angeboren sein, so Haarer. Wenn diese Krankheiten diagnostiziert werden, kann durch spezielle Ernährung und andere Maßnahmen viel bewirkt werden. Haarer gibt Beispiele solcher Erkrankungen (einige sind falsch) und erwähnt speziell auch die Rachitis. Wieder ermahnt sie die Leserin, rechtzeitig einen Arzt auf zu suchen und Probleme nicht etwa auf das Zahnen zu schieben oder sich Rat bei Nicht-Ärzten zu holen.

Bei dieser Gelegenheit bespricht Haarer auch ansteckende Krankheiten wie Masern und Keuchhusten. Sie warnt davor, das Kind sich absichtlich anstecken zu lassen, weil die Mutter meine, das jüngere Kinder diese Krankheiten leichter wegstecken würden. Bis zum Alter von 6 Jahren sollten Kinder vor der Ansteckung bewahrt werden - und auch danach, wenn möglich. Da man nie wisse, ob hinter einem Husten nicht eine gefährliche Krankheit stecke, sollen Babys und Kleinkinder von allen Menschen mit Husten ferngehalten werden; nach Möglichkeit selbst von Geschwistern.

Zum Abschluss des Kapitels bespricht und lobt Haarer noch kurz die Pockenimpfung, die gesetzlich vorgeschrieben ist.

1979: Im Kapitel "Beschwerden bei Flaschenkost" geht es um die richtige Zubereitung der Pulvermilch, Über- und Unterfütterung, sowie den Stuhlgang. Wieder bespricht Haarer ausführlich die Ursachen für Durchfall und dessen Behandlung. Zudem bespricht sie die Möglichkeit von Krampfanfällen bei Säuglingen.

Den Teil zu sonstigen Krankheiten hat Haarer deutlich erweitert. Sie beschreibt, wie bei einem Baby Fieber gemessen wird, und bei welcher Temperatur Fieber vorliegt. Haarer erklärt, dass Fieber immer nur ein Symptom sei (100 Jahre zuvor wusste man das noch nicht).

Vor Husten und Schnupfen soll das Baby geschützt werden, ohne dass darauf hingewiesen wird, dass eine ernstere Erkrankung dahinter stecken könnte.

Randbemerkung: Das ist eins dieser Dinge, wo die Maßnahmen und Regeln weiter gegeben werden, ohne den Ursprung zu beachten. So etwas gab es zuhauf in der Geschichte der Säuglingspflege (und überhaupt in Gesundheitsfragen). So  wurden z. B. die Abstände, die zwischen Flaschenmahlzeiten einmal nötig waren, einfach aufs Stillen übertragen.

Haarer erwähnt Wadenwickel und erläutert, dass dem Baby keine Medikamente aus der Hausapotheke gegeben werden sollen. Vielmehr solle der Arzt befragt werden, auch bei Fiebersenkern. Sie erklärt noch, wie einem Baby Medizin verabreicht wird.

Im Folgenden bespricht Haarer die Masern, den Keuchhusten, Polio, Diphterie und Scharlach. Die typischen Symptome, Folgen und Behandlung beschreibt sie in kurzer Form.

Zuletzt erläutert Haarer die nun erhältlichen Impfungen (Pocken - mittlerweile freiwillig, Tuberkulose, Masern, Diphterie, Tetanus). Sie erklärt, dass es wichtig ist, sich an den Impfplan zu halten, dass die Krankheiten, gegen die geimpft wird, gefährlich sind, und mit welchen Reaktionen bei einer Impfung gerechnet werden muss.

mehr dazu: Teil 8 - Beikost, Krankheiten, Impfungen 

9. Säuglingspflege jenseits der Ernährung

In diesem Kapitel finden wir sowohl Teile, die komplett überholt wurden, als auch einige, die nahezu gleich geblieben sind und nur sprachlich modernisiert wurden.

Vor allem aber ist dies das Kapitel, in dem es um das Schreien und den Nachtschlaf geht.

1938: Das Kapitel IX. Die Pflege des jungen Säuglings. S. 135-175 mit vielen Fotos (18 Stück).

1979: Das Kapitel "So pflegen Sie Ihr Baby" umfasst S. 123-155 (davon 12 Seiten Zeichnungen und Fotos)

Windeln und Wickeln

1938: Noch einmal beschreibt Haarer Wickeltechniken (die "deutsche" und die "englisch-amerikanische") und Trockenbett - diesmal bebildert und ausführlich. 

Babys sollen nach jedem Füttern gewickelt werden und wenn sie unruhig sind. Babys, die zum Spucken neigen, sollen stattdessen vor der Mahlzeit gewickelt werden, damit sie mit vollem Magen sofort ins Bett gelegt werden können und nicht zuviel Bewegung erfahren, die zum Spucken führen könnte. Wieviel Arbeitsaufwand das Wickeln (insbesondere mit der "deutschen" Technik) ist, wird durch die Wortwahl verdeutlicht:

"Wir kommen also innerhalb 24 Stunden auf etwa siebenmaliges Umpacken des Säuglings." 1938, S. 150

Die Wortwahl rund um die Ausscheidungen lässt den Eindruck erwecken, dass Haarer sich vor den Körperfunktionen von Babys ekelt. Verwunderlich ist das nicht, wurden die Menschen doch seit Entdeckung der Bakterien und verstärkt in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts darauf getrimmt, dass peinlichste Sauberkeit neben einem geordneten Tagesablauf das wichtigste im Leben sei.

"Diese ungefähre Windelzahl gilt in erster Linie für Brustkinder, die viel weniger unsauber sind als Flaschenkinder." 1938, S. 150

1979: Die "deutsche" Wickeltechnik hat Haarer aufgegeben. Sie erkärt (mit Bildern) nur noch eine Variante mit Strampelhöschen und einer Einlage zum Wegwerfen. Bei Wegwerfwindeln rät sie dazu, keine mit Klettverschluss zu kaufen, da diese zu sehr luftabschließend seien.

"Wichtig ist, daß das Baby seine Beinchen frei bewegen und in einer leichten Spreizhaltung bleiben kann. Das fördert die richtige Bildung der Hüftgelenke." 1979, S. 128

Wann und wie oft gewickelt werden soll, deckt sich genau mit den Ratschlägen von 1938. Nur ist die Wortwahl anders. Der Text wurde modernisiert. Schließlich sprechen die Menschen 1979 nicht mehr wie 1938.

Lagerung

1938: Im Bett wird das Kind abwechselnd auf die rechte Seite, die linke Seite und den Rücken gelegt, um eine Verformung des Kopfes zu verhindern. Auf die Ohren soll dabei acht gegeben werden, weil diese noch leicht formbar seien und das Kind nicht durch abstehende Ohren "entstellt" werden soll. (S. 157) Haarer geht so weit, neben Mützen auch das Ankleben der Ohren an den Schädel zu empfehlen. Sie empfiehlt dafür Heftpflaster oder einen Kleber aus der Apotheke, der mit Benzin(!) wieder entfernt werden muss.

1979: Bei der Lagerung soll nachwievor zwischen den Seiten und der Rückenlage abgewechselt werden. Aber es ist die Bauchlage dazugekommen. Haarer erklärt, worauf dabei geachtet werden muss (feste Matratze, Sichtfenster im Kinderwagen usw)

"Zur Zeit ist Bauchlage modern. Sie soll günstig sein für die Atmung, gesund für die Wirbelsäule, und sie kräftigt die Muskeln. Die Kinder entwickeln sich angeblich besser, weil sie in Bauchlage früher ihre Umwelt wahrnehmen und mehr sehen und erleben. (...) Aber die Bauchlage hat keineswegs nur Vorteile, und die Orthopäden warnen davor, ein Baby nur auf den Bauch zu legen. Es kann ein Hohlkreuz entstehen, die Füßchen verformen sich und die Bauchmuskulatur entwickelt sich ungenügend. Sie sehen: Jede Einseitigkeit ist von Übel." 1979, S. 138f

Von abstehenden Ohren ist Haarer noch immer besessen. Sie verwendet zwar nicht mehr das Wort "Entstellung" und auch sonst kein abfälliges Vokabular, aber ihre Tipps dagegen sind dieselben geblieben - inklusive dem Kleber, der mit Benzin gelöst wird!

Ruhe

1938: Haarer hat drei Pflegegrundsätze: 1. Reinlichkeit 2. Ruhe 3. Luft und Licht. "Ruhe" bedeutet in erster Linie, das kleine Baby sich selbst zu überlassen und ihm keine Anregungen zu bieten.

"Ein Kind braucht um so mehr Ruhe, je jünger es ist. Alle Sinneseindrücke, Gesehenes, Gehörtes, ebenso wie Gefühltes wirken auf das kleine Zarte Wesen mit ganz anderer Wucht ein als auf die abgestumpften Nerven der Erwachsenen. Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen. Am besten ist das Kind in einem eigenen Zimmer untergebracht, in dem es dann auch allein bleibt." 1938, S. 160

Ohne das Vorwissen, dass Babys menschliche Nähe brauchen, klingen diese Sätze sogar fürsorglich und liebevoll. Aber auch nur dann. Selbst Haarer weiß aber, dass Kinder das brauchen. Nur meint sie, es sei dann halt auch mal genug.

"Von vornherein mache sich die ganze Familie zum Grundsatz, sich nie ohne Anlaß mit dem Kinde abzugeben. Das tägliche Bad, das regelmäßige Wickeln und Stillen des Kindes bieten Gelegenheit genug, sich mit ihm zu befassen, ihm Zärtlichkeit und Liebe zu erweisen und mit ihm zu reden. Dies braucht das Kind ebenso wie Ernährung und Pflege." 1938, S. 160

Randbemerkung: In anderen Ratgebern aus der Zeit lesen wir dieses Zugeständnis des Nähebedürfnisses nicht. Das ist einer der Gründe, warum Haarer vor und nach 1945 erfolgreich sein konnte.

Das Baby "in Ruhe" zu lassen, ist natürlich dann besonders schwer, wenn es weint. Es stört die Familie und die Nachbarn.

"Am allermeisten setzt das Schreien natürlich der Mutter zu, die, es muß immer wieder gesagt werden, nach der Entbindung doch nur langsam ihre frühreren Kräfte und ihre gewohnte seelische Verfassung wiedergewinnt." 1938, S. 161

Die "gewohnte seelische Verfassung" ist wohl das frei sein von einer emotionalen Bindung ans Kind.

Haarer führt lang und breit die Gründe auf, aus denen Babys schreien. Das sei ihre Sprache, sagt sie. Eine typische Sichtweise für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wer sich nicht viel mit Babys beschäftigt (oder sie so einwickelt, dass sie sich kaum bewegen können), der erkennt halt auch nicht die ganzen kleinen Signale, mit denen Babys kommunizieren, bevor sie anfangen zu schreien.

"Endlich kann man sich häufig des Eindrucks nicht erwehren, daß es Kinder gibt, die trotz einwandfreier Pflege und tadelloser körperlicher Verfassung einfach zum Zeitvertreib schreien." 1938, S. 162

Im Hinblick darauf, dass das Bedürfnis nach menschlicher Nähe für Haarer kein Grund ist, sich mit dem Baby abzugeben, ist dieser Satz natürlich furchtbar. Aber im Hinblick auf echte Schreikinder könnte das Akzeptieren des Schreiens möglicherweise zur Beruhigung der Eltern beitragen. Eine "Mach dir nicht zu viele Sorgen"-Botschaft im Bezug auf das Weinen des Babys war in den Ratgebern des 19. Jahrhunderts üblich. Im 20. Jhdt wurde es dann zu einem "der will nur seinen Willen durchsetzen." Von daher ist es durchaus positiv, dass Haarer die Sorgen und Ängste der Eltern (sie spricht an dieser Stelle tatsächlich nicht nur von der Mutter) ernst nimmt.

Haarer erklärt lang und breit, aus welchen Gründen das Baby weinen könnte, und wie man dem Abhilfe schafft. Erst wenn all das nicht hilft, soll die Mutter dem Baby einen Schnuller geben. Wie ein guter Schnuller aussieht, beschreibt Haarer ebenfalls. Das ist auch wichtig, da noch immer die Lutschbeutel verbreitet sind. Und jetzt kommt eines der bekanntesten Zitate aus "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind"

"Versagt auch der Schnuller, dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, daß es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird - und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig." 1938, S. 165

Ich finde dieses Zitat immer in bisschen aus dem Zusammenhang gerissen, weil dabei vergessen wird, dass das Kind zuvor ja sehr wohl aus dem Bett genommen wurde, um es frisch zu wickeln und sonst zu prüfen, woran das Weinen liegen könnte - Wundsein, Durst, die Kleidung drückt usw.

Natürlich ist "Haustyrann" keine angemessene Bezeichnung für ein Kind jeglichen Alters, aber es ist halt auch nicht so, dass Haarer dafür plädiert, jedes Schreien mit Schnuller und Ignorieren zu behandeln. Genau das aber machen andere Ratgeber aus derselben Zeit!

In der Tat rät Haarer dann das Kind nach Möglichkeit an einen "stillen Ort" abzuschieben, und schreien zu lassen. Wenn das Kind nachts schreit, soll es mit Tee oder Fruchtsaft beruhigt werden, wenn der Schnuller nicht hilft. Wenn das Kind sehr klein oder "zart" ist, darf auch gestillt werden. Größere sollen auch in der Nacht schreien gelassen werden.

"Nach wenigen Nächten, vielfach schon nach der ersten, hat das Kind begriffen, daß ihm sein Schreien nichts nützt, und ist still. So viel Strenge und Beharrlichkeit ist aber natürlich nicht jedermanns Sache, und besonders den Großmüttern völlig unverständlich. Viele Mütter aber haben es so gemacht und hatten, ohne dem Kinde damit zu schaden, zum Lohn dafür ungestörte Nächte, die doch kaum jemand so dringen braucht wie die stillende Mutter." 1938, S. 166

Was Haarer macht, was keine anderen NS-Ratgeber tun, sind Zugeständnisse an die Mutter. Ja, sie gibt alle diese fürchterlichen Ratschläge aus der Schwarzen Pädagogik, aber sie beruhigt auch immer wieder die Mutter.

"Sollte es aber auf keine Weise gelingen, ungestörte Nächte zu erzielen, so bleibt dir, liebe Mutter, doch ein Trost: Je älter das Kind wird, desto weniger schreit es. Eines Nachts wird es plötzlich von selbst durchschlafen, wenn du es nur nicht gar zu sehr verwöhnt hast. Denn so leicht in der Theorie das Gebot der 8stündigen Nachtruhe aufzustellen ist, so schwer ist es mitunter, im Privathaushalt zum Ziele zu kommen." 1938, S. 167

Ich bin der Meinung, dass es bei aller Härte diese Nachgiebigkeit ist, die Haarer so erfolgreich werden ließ. Sie war im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Ratgebern regelrecht harmlos. Immer nur die schlimmen Stellen zu zitieren, gibt Haarer mehr Gewicht bei der Verbreitung der Schwarzen Pädagogik als sie wirklich hatte.

1979: Es ist nicht mehr die Rede davon, dass das Baby Ruhe brauche. Alle Schwarze Pädagogik wurde aus diesem Abschnitt gestrichen. Ein-zwei Absätze lesen sich noch recht ähnlich wie 1938, wie zum Beispiel, wenn Haarer sagt, dass das Schreien nicht nur die Eltern, sondern auch die Nachbarn störe, aber von Schreienlassen ist keine Rede mehr.

„Die moderne Verhaltensforschung meint, daß das nächtliche Schreien herrührt von dem uralten Bedürfnis nach der Gegenwart der Mutter. (...) Heute kommt jedes Kind in sein eigenes Bettchen, aber der uralte Wunsch nach dem nahen Kontakt mit der Mutter besteht weiter.“ 1979, S. 145

Die vielen Gründe für das Schreien und wie dem Abhilfe geschaffen werden kann, sind an dieser Stelle entfallen. (Sie kommen später.) Das Schreien gilt nicht mehr als etwas, was auf Teufel komm raus abgestellt oder zuletzt ignoriert werden muss. Geblieben ist vor allem die Zuversicht, dass es besser wird.

"Im Laufe der nächsten Monate werden Sie die Erfahrung machen, daß das Baby um so weniger schreit, je mehr es sich auf andere Weise bemerkbar und verständlich machen kann. Damit müssen Sie sich trösten, wenn Ihnen das Geschrei zunächst auf die Nerven geht." 1979, S. 145

Ich bin mir nicht sicher, ob die Wortwahl einfach einem Sprachwandel unterliegt, oder ob Haarer einfach keine gute Bindung kennt, und sich daher nicht vorstellen kann, dass das Weinen eines Babys den Eltern nicht "auf die Nerven geht."

"Den Wechsel von Tag und Nacht macht ein Baby erst um die 7. Lebenswoche mit. Vorher ist Schlafen und Wachen abhängig von den Mahlzeiten. Wenn das Baby getrunken hat und satt ist, schläft es ein. - Wenn nun Ihr Baby in einer Klinik zur Welt gekommen ist, dann wurde dort wahrscheinlich gar keine Rücksicht auf diese Eigenheiten der Neugeborenenzeit genommen. Es wurde zu ganz festgesetzten Stunden gefüttert, trocken gelegt, gebadet usw., und das führen Sie dann daheim weiter fort. Es steht ja aber nirgends geschrieben, daß sich so ein winziges Wesen gleich den starren Ordnungen der Erwachsenen fügen muß! Wahrscheinlich hat hier manches Geschrei seine Ursache. Vielleicht braucht das Baby einfach Ihre Nähe und möchte liebevoll in den Arm genommen werden. Moderne Psychologen und Kinderärzte betonen, daß dies außerordentlich wichtig ist!" 1979, S. 146

Haarer plädiert daher nun dafür, nicht zu streng zu sein und sich nicht an starre Regeln halten zu wollen. Dennoch schafft sie es, den Begriff "Haustyrann" einzubringen.

"Freilich darf man das Baby nicht bei jedem Piepser gleich aus dem Bettchen nehmen, herumtragen, wiegen und auf dem Schoß halten. Auf diese Weise - sie war zur Zeit unserer Urgroßmütter üblich! - erzieht man sich nur einen kleinen Haustyrannen. Nein, Sie müssen jetzt Ihren mütterlichen Instinkt und Ihren gesunden Menschenverstand zu Hilfe nehmen und einen Mittelweg finden zwischen den früher allzu strengen Lehren der Säuglingspflege und dem, was Ihr Baby ganz offensichtlich braucht." 1979, S. 146

Es ist also keine 180°-Wende, die Haarer hier vollzieht, aber sie kommt dem schon recht nah.

Jetzt führt Haarer Gründe für das Schreien auf. Es sind dies vor allem eine volle Windel, Hunger und Durst, aber auch grelles Licht und Lärm. Hier rät Haarer dazu, Radio und Fernseher auszuschalten, aber nicht "auf Zehenspitzen ums Kinderbettchen herumzuschleichen und das Baby allzu sehr zu isolieren."

"In Familien, die eine sehr kleine Wohnung haben und wo das Baby deshalb Tag und Nacht 'dabei' ist, da pflegen die Kinder oft sehr zufrieden zu sein. Schon das ganz kleine Baby hat offenbar ein Gefühl dafür, ob es in der Nähe der Großen sein darf oder ob es abgeschoben wird." 1979, S. 147

Ich komme nicht umhin zu denken, dass Haarer das auch vor 1945 schon klar gewesen sein muss. Nur waren da Zucht und Ordnung wichtiger als die Gefühle des Babys.

mehr dazu: Teil 9 - Säuglingspflege jenseits der Ernährung 

10. Entwicklung des Kindes

938: Kapitel XII. Der ältere Säugling. S. 223-227 Körperliche Entwicklung S. 227-245 Kleidung, Strick-, Näh, und Häkelanleitungen S. 245-254 Geistige Entwicklung und Pflege (inklusive benötigter Möbel)

Dem entspricht 1979: S. 226-242 Das größere Baby (körperliche und geistige Entwicklung) S. 295-309 Was das größere Baby braucht (Kleidung und Möbel)

Kleidung

Die Mode hat sich geändert, die Wickeltechnik hat sich geändert, Kleidung wird seltener selber hergestellt. Das alles spiegelt sich im Buch wider.

"Das Neugeborene und der Säugling im ersten Vierteljahr ist ein praktisch unbewegliches kleines Bündel, ein 'Wickelkind'. Es trägt in dieser Zeit nur Hemdchen, Baumwolljäckchen und seine Windelpackung. (...) Das 'Wickelkind' wird im Laufe des zweiten Vierteljahres mehr und mehr ein bewegliches und lebhaftes Wesen. Zwar bleibt es noch liegen, aber es strampelt. Nun beginnen wir damit, die feste Umwickelung des Kindes allmählich aufzulockern." 1938, S. 227

Den Stil der Kleidung will Haarer 1938 vorschreiben.

"Genau wie für die Kleidung des Erwachsenen gilt auch für die Kleidung des Kindes der Satz, daß das Einfachste das Schönste ist. Darum fort mit allem überflüssigen Putz und Zierat!" 1938, S. 245

Einen ganzen Abschnitt lang lamentiert Haarer, dass man Babys nicht herausputzen solle. Das spart sie sich 1979, aber sie bedauert zu Beginn des Kapitels "Was das größere Baby braucht", dass Windeln zu den benötigten Dingen gehören.

"Es braucht - leider - immer noch Windeln ud wasserdichte Höschen, das hört auch so schnell nicht aus. Wenn die Höschen nett gemustert sind, reichen sie im Hochsommer als Kleidung für unten aus." 1979, S. 295

Der Laufstall

Haarer ist eine große Befürworterin des Laufstalls. Allerdings darf dies nicht zu klein sein! Das Baby soll genug Platz haben zu krabbeln und gehen zu lernen. 1979 empfiehlt sie das größte im Handel erhältliche Laufställchen mit einer Größe von 100x150 cm. 1938 empfahl sie, sich ein Stecksystem vom Schreiner fertigen zu lassen, das leicht an verschiedenen Orten auf- und abgebaut werden kann.

"Je größer der Laufstall sein kann, desto besser." 1938, S. 224

Der Laufstall dient bei Haarer der Sicherheit des Kindes und gewährt ihm dennoch Bewegungsfreiraum. Andere NS-Erziehungsratgeber sahen in ihm ein Mittel, um dem Kind "Selbstbeherrschung" beizubringen, da es nicht hin kann, wo es will.

Türgitter

Diese sind 1979 neu dabei. Sie verwandelt quasi das Zimmer in einen Laufstall. Größer geht es nicht.

Der Babymarkt wächst

Weitere Dinge, die 1979 neu sind, aber auch nur kurz erwähnt werden: Stühlchen, Tische, Hängematten, Klositze, Autositze, Reisebetten.

"Als Autofahrer weiß Vati natürlich, daß das Baby immer auf den Rücksitz gehört!" 1979, S. 309

Körperliche Entwicklung

Die Unterschiede in diesem Kapitel sind vor allem auf das Einwickeln zurückzuführen. So behauptet Haarer 1938, Babys würden erst "im Laufe des zweiten Vierteljahres" anfangen zu strampeln. Der größte Unterschied ist jedoch, dass Haarer 1979 Altersangaben macht. 1938 hingegen war es ihr äußerst wichtig zu betonen, dass jedes Kind seine eigene Geschwindigkeit habe und dass man ihm vor allem nicht das Gehen "beibringen" solle. Es sei wichtig für Knochen (insb. Wirbelsäule) und Muskeln, dass das Kind das von selber lerne, wenn es bereit dafür sei. Insofern war Haarer hier 1938 fortschrittlicher als 1979.

Schlaf

Drastische Kürzungen gibt es beim Thema Schlaf. Ich zitiere für Euch den gesamten Abschnitt aus beiden Ausgaben.

"Das Kind im zweiten Lebenshalbjahr schläft nunr schon viel weniger als der junge Säugling. Deshalb ist es nötig, auch seinen Schlaf in geregelte Bahnen zu lenken und dafür zu sorgen, daß es sich nicht übermüdet. Unser Kind ist verhältnismäßig früh schon munter, vielfach ehe die Erwachsenen aufwachen und aufstehen. Nach gut durchschlafener Nacht ist es glänzend gelaunt, heiter und unternehmungslustig. Es steht in seinem Bettchen auf, rüttelt daran, kräht, jauchzt und empfängt die Mutter mit strahlendem Gesicht - ein Anblick, der für ihr Tagewerk jedesmal von neuem einen geradezu festlichen Auftakt bedeutet, manche Sorgen rasch verscheucht, immer neuen Mut zum Leben und Lust zu aller Arbeit macht. Hat das Kind gebadet und gefrühstückt, so will es seine über Nacht gesammelten Kräfte betätigen und sich bewegen. Wir stecken es in das Ställchen, wo es sofort über sein Spielzeug herfällt. Etwa nach 2 Stunden wird die aufmerksame Mutter wahrnehmen, daß es zu ermüden beginnt. Es wird dann häufig weinerlich. Nun ist es Zeit zum Vormittagsschlaf und das Kind kommt wieder in sein Bett, das inzwischen gelüftet hat. Wir beschäftigen uns nun nicht mehr mit ihm, sondern lassen es nach Möglichkeit allein. Es schadet gar nichts, wenn das Kind zunächst weinerlich ist. Wiegen und Herumtragen zögert nur den Schlaf hinaus. Allein im Raum gelassen, schläft das Kind meist rasch ein. Wenn es wieder erwacht, ist inzwischen bald Zeit für sein Mittagessen gekommen. Es wird gefüttert und dann nach Möglichkeit ins Freie gebracht. Auch im Freien macht es hie und da noch ein kurzes Schläfchen, besonders, wenn es sich stehend im Wagen müde geturnt hat. Nach der Ausfahrt bekommt das Kind seine nächste Mahlzeit, sofern nicht unterwegs Zeit und Gelegenheit war, es zu füttern. Hat es draußen lange geschlafen und sich wenig bewegt, so wird es jetzt munter sein und kann wieder in sein Ställchen kommen. Meist jedoch kehrt es ermüdet durch die Bewegung und die vielen Eindrücke zurück und schläft sofort, nachdem Hunger und Durst gelöscht sind. In seinem Verhalten am Nachmittag ist das Kind nicht alle Tage gleich, da ja auch die Ausfahrzeiten unter dem Einfluß der äußeren Umstände und vor allem des Wetters verschieden gelegt und verschieden lang ausgedehnt werden. Zur letzten Abendmahlzeit muß das Kind vielfach geweckt werden, die Zeit dafür ist etwa 19 Uhr. Vom dritten Vierteljahr an kann beim gesunden Kind ohne weiteres erreicht werden, daß es mit 4 Mahlzeiten auskommt und 12stündige Nachtruhe durchhält. Hält sich die Mutter an die hier angegebene Tageseinteilung, so ist dem Kind sicher die nötige Ruhe gewährleistet, es wird sich weder übermüden noch überanstrengen." 1938, S. 253f

Von alldem blieb 1979 folgendes übrig:

"Schlaf Die Schlafenszeit Ihres Babys nimmt gegen Ende des 1. Lebensjahres auf etwa 11 Stunden ab. Das Neugeborene schlief etwa 15-16 Stunden! Die meisten Kinder machen ein kurzes Vormittagsschläfchen und einen ausgiebigen Mittagsschlaf. Die Nachtruhe sollte in den späteren Monaten kein Problem mehr sein." 1979, S. 239

Der ganze "schöne" Tagesplan ist weg!

mehr dazu: Teil 10 - Entwicklung des Kindes

11. Erziehung des Kindes

Beim Thema Schlafen ging es schon um Erziehung und auch, dass das Kind außerhalb der Pflegemaßnahmen "in Ruhe gelassen"  und nach Zeitplan gefüttert werden soll, kann dazu gezählt werden. Doch Haarer widmet der Kindererziehung an sich ein gesondertes Kapitel.  Das Töpfchentraining zählt ebenfalls als Erziehung und erhält ein eigenes Kapitel.

Zusätzlich besprechen wir in diesem Teil noch, was Haarer zu anderen betreuenden Personen außer der Mutter zu sagen hat.

1938 S. 254-258 Erziehung zur Sauberkeit S. 258-262 Erziehung

1979 S. 242-245 Erziehung zur Sauberkeit S. 246-250 Ihr Baby und Sie

Erziehung zur Sauberkeit

1938: Eine der größten Überraschungen erwartet uns bei der "Erziehung zur Sauberkeit". Denn was Haarer hier beschreibt, ist überhaupt keine Erziehung. Es ist vielmehr eine Variante von "windelfrei". Das Baby wird zu bestimmten Zeiten - an denen die Mutter weiß oder erwarten kann, dass es muss - abgehalten. Das Geschäft wird mit entsprechenden Lauten begleitet (a-aa oder bsch-bsch). Wenn nach höchstens 10 Minuten nichts ins Töpfchen geht, bekommt das Baby wieder eine Windel angezogen. Das ist alles. Irgendwann geht das meiste ins Töpfchen und Haarer ist überzeugt, das Kind dazu erzogen zu haben.

1979 hatten sich die Ansichten übers Töpfchentraining durchaus gewandelt. Das ist an Haarer nicht vorbeigegangen. Sie schreibt:

"Die Kinderärzte und Psychologen sind heute der Ansicht, daß man ja nicht zu früh anfangen soll. Will man Sauberkeit erzwingen, noch ehe das Kind dazu imstande ist, so soll dies zu ernsten seelischen Störungen, zu schwerem Trotz und Eigensinn führen. Spätestens mit 3 Jahren würden die Kinder ganz von selbst sauber - so wird behauptet! - und seien dann freundlicher, kontaktfähiger und unkomplizierte, als wenn man sie frühzeitig zum Saubersein dressieren will. Darin steckt gewiß etwas Wahres. Es dauert ungefähr 3 Jahre, bis ein Kind wirklich sauber wird, bei manchen Kindern sogar noch länger. Nun kommt es auf Ihre Einstellung an: neigen Sie zur Nachsicht, sind Sie nicht gern streng mit Ihrem Baby, und - das darf man ja auch nicht vergessen! - macht Ihnen die ganze Windelwirtschaft nicht viel aus, dann brauchen Sie vor dem ersten Geburtstag gar nichts zu unternehmen, was die Erziehung zur Sauberkeit anbetrifft. Sie versäumen dadurch bestimmt nichts, ja Sie haben die modernen Erzieher und Psychologen auf Ihrer Seite! - Wenn Sie aber meinen, daß Ihr Baby schon aufgeweckt genug ist, daß es wenigstens anfangen könnte, seine Entleerungen zu beherrschen, dann können Sie vorsichtig versuchen, es ein wenig zu erziehen." 1979, S. 242f

Nicht zuletzt durch die saugfähigen Wegwerfwindeln war die Idee aufgekommen, dass Babys überhaupt keine Kontrolle über ihre Ausscheidungen hätten, und somit im ersten Lebensjahr kein Töpfchentraining irgendwelcher Art unternommen werden sollte. Heute wissen wir, dass das falsch war. Und auch Haarer konnte das nicht glauben - zu recht, denn ihre Generation hatte noch Erfahrung mit "windelfrei".

Sie beschreibt dann die Sauberkeits-"Erziehung" wie zuvor, nur in neuen Worten.

Erziehung

1938: Nur knapp 4 ½ Seiten lang ist der Abschnitt "Erziehung"! Bevor Haarer aber erklärt, wie Erziehung ihrer Meinung nach auszusehen hat, erläutert sie, dass Erziehung die "naturgewollte Aufgabe" einer Mutter sei, und welche Eigenschaften eine gute Mutter haben müsse.

"Nur eine pflichtbewußte, charakterfeste Frau mit gesundem Menschenverstand, die Sinn hat für Ordnung, Regelmäßigkeit und Sauberkeit wird ihr Kind richtig erziehen können." 1938, S. 259

Die Mutter soll sich aufopfern für die Kinder. Sie soll auf Selbstverwirklichung und Vergügung verzichten, dann erlebe sie "eine Fülle von Glück und Lebensbefriedigung" in der Aufzucht ihrer Kinder.

Haarer betont, dass in der Erziehung "das Einfache" das richtige sei. Das Kind soll nicht "psychologisiert" werden. Haarer prangert an, dass das 19. Jahrhundert als das "Jahrhundert des Kindes" bezeichnet wurde. Sie meint, dass das Sinken der Geburtenzahlen in dieser Zeit das Jahrhundert für diese Bezeichnung disqualifiziere. Dagegen hält sie den wahren Grund, warum das 19. Jahrhundert so genannt wurde, für einen falschen Weg - nämlich das Beobachten und Erforschen der kindlichen Seele. Darüber sei das Erziehen vergessen worden, klagt sie. Klare und "einfache" Erziehungsmethoden hält sie für das einzig richtige und meint damit natürlich das Leben nach der Uhr und eine emotionale Distanz.

"All das, was wir in den vorhergehenden Kapiteln über die Pflege und Ernährung des Kindes gesagt haben, schließt schon wichtige Erziehungsmaßnahmen in sich, und wir haben das immer wieder betont, vor allem auch, daß mit der Erziehung nicht zu früh begonnen werden kann." 1938, S. 259f

Haarer wiederholt, dass dem Kind nicht "zu viel Beachtung" geschenkt werden solle. Wir lesen das mit unserem heutigen Wissen als geplante Vernachlässigung. Ohne das dieses Hintergrundwissen jedoch, können Haarers Ratschläge durchaus sinnvoll erscheinen.

"Natürlich braucht mancher kleine Jammer, seinen kleinen Trost. Grundverkehrt aber ist es, das Kind bei jeder Kleinigkeit mit Äußerungen des Mitleids zu überschütten. Die Mutter, die hier vielleicht zweifelt, mache einmal den Versuch: Das Kind, das bei irgendeinem kleinen Schmerz nicht unnötig bedauert wird, schreit nur etwa halb so lang." 1938, S. 260f

Man kann es halt so oder so lesen. Wenn ich erwarte, dass böse Absicht hinter den Ratschlägen steckt, lese ich es anders, als wenn ich gut gesonnen bin. Der Interpretationsspielraum, den Haarer in ihrem gesamten Buch bietet, findet sich in anderer NS-Literatur nicht. Ein Grund, warum ihr Buch so erfolgreich war.

Haarer verweist an dieser Stelle auf ihr anderes Buch "Unsere kleinen Kinder", das sich intensiver mit Erziehung beschäftigt. Auch dieses Buch wurde nach dem Krieg neu aufgelegt (z.B. 1950 und 1972), erzielte aber nie den Erfolg wie "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind".

Bei der Erziehung geht es laut Haarer darum, das Kind zum "nützlichen Gliede der Volksgemeinschaft" zu machen. Individualismus gehöre der Vergangenheit an. Das sei gut so. Jeder "junge Staatsbürger und Deutsche" müsse lernen, "sich einzuordnen in eine Gemeinschaft und um ihretwillen eigene Wünsche und eigene Bestrebungen zurückzustellen." (S. 261) So wie Johanna Haarer selbst es musste, als sie Mutter wurde und gezwungen war, ihren Beruf aufzugeben. Sehr viel Verbitterung schwingt für mich in ihren Worten mit.

1979: Der Abschnitt "Ihr Baby und Sie" in der Ausgabe von 1979 ist eine gekürzte Fassung des Abschnitts "Erziehung" von 1938. Wir sehen hier, dass Haarers Einstellung sich nicht wirklich geändert hat. Alle Aufforderungen, nicht zu streng zu sein und keine zu starren Pläne einhalten zu wollen, sind nichts als Lippenbekenntnisse, die notwendig waren, um an der Schwelle zu den 1980er Jahren noch ein Publikum zu finden. Auch wenn der Nazi-Sprech fehlt, ist die Nazi-Ideologie hier noch zu spüren. Die Mutter soll zuhause bleiben und ihren Beruf für das Kind aufgeben. Das Kind soll nicht verzärtelt und verzogen werden. Das Kind soll "nicht allzu sehr" beachtet werden.

Weggekürzt wurden vor allem die Ausführungen über die Eigenschaften einer guten Mutter, die Anweisungen, das Kind möglichst "einfach" zu halten und die Verurteilung der "Psychologisierung" des Kindes. In Teil 11 führe ich einige Zitate an, damit Ihr im direkten Vergleich sehen könnt, wie ähnlich sich die beiden Ausgaben hier noch sind. Es fällt aber auch auf, wie leicht es ist, den nationalsozialistischen Gedanken hinter Haarers Aussagen 1979 zu übersehen. Ich verweise an dieser Stelle nochmal auf meinen Artikel Leute, wir müssen über Sprache reden.

Die Oma

1938: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Mehr-Generationen-Haushalte noch recht verbreitet. Auch lebten Familien nicht so weit verstreut wie heute. Doch der NS-Staat hat auch zur Idealisierung der Kleinfamilie beigetragen - und somit zur Überlastung der Eltern und insbesondere der Mütter, denn das unterstützende Netzwerk fiel weg. Hatten schon andere, wie Czerny,  Böhm und Stürgkh, sich über zu nachgiebige und zärtliche Großmütter und andere Verwandte beschwert, so wurde das im NS auf die Spitze getrieben. Die Mutter sollte sich am besten ganz allein um ihr Kind kümmern.

Wenn die Mutter "verständig und einsichtig" sei, wüsste sie Haarers Ratschläge umzusetzen und dürfe sich da nicht reinreden lassen. Im zweiten Lebenshalbjahr brauche das Kind zwar auch Beachtung und Beschäftigung durch Erwachsene, aber es sei in seinem eigenen Interesse, damit nicht zu übertreiben.

Mehrfach wendet sich Haarer gegen die zu nachgiebigen Großmütter und Tanten - das war weit verbreitet unter den Ratgebern.

"Sie sind stets von neuem empört über die 'herzlose, moderne' Mutter, die nach Erfüllung aller ihrer Pflichten in Ernährung und Pflege des Kindes - aber wohlgemerkt auch erst dann! - sich von ihrem Sprößling nicht tyrannisieren läßt." 1938, S. 165

oder auch

"Die Großmütter sind z. B. mit Vorliebe der Meinung, das Kind sei nicht warm genug angezogen, es bekomme zu wenig und zu selten zu essen, in der Auswahl der Speisen werde seinem Geschmack zu wenig Rechnung getragen, und es bekomme überhaupt nicht die richtige Nahrung. Sie sehen es als Herzlosigkeit von seiten der Mutter an, wenn das Kind eine Zeitlang sich selbst überlassen ist, und regen häufig viel zuviel auf das Kind ein. " 1938, S. 249

1979: Was sagt Haarer denn wohl zu Omas, jetzt, da sie selbst eine ist? Sie will, dass ein Mittelweg gefunden wird!

"Oma Unschätzbar ist natürlich eine Großmutter - die heißgeliebte Oma, die man eigentlich jedem Kinde wünscht. Nun gehört die Oma einer anderen Generation an als die Eltern, und das führt leicht zu Meinungsverschiedenheiten über die Ernährung, die Pflege und die Erziehung. Es gibt Omas, die neigen dazu, das Baby mit Liebe zu überschütten. Sie beachten es allzuviel, über das zuträgliche Maß hinaus, sie reden dauernd auf das Baby ein und geben immer nach, wenn das Kind seinen Kopf durchsetzen will. - Es gibt aber auch einen ganz anderen Omatyp, nämlich den strengen, um jeden Preis konsequenten! So zog man vor etwa 30-40 Jahren die Babys auf, und das wollen diese Omas heute auch noch durchexerzieren. Nun - es heißt einen Mittelweg finden. Wenn alle Teile den guten Willen haben, muß dies eigentlich möglich sein. denn die Eltern und die Oma haben ja das Wichtigste gemeinsam: die Liebe zum Baby und die Sorge um sein Wohlergehen." 1979 S. 240

mehr dazu: Teil 11 - Erziehung des Kindes

12. Fazit

Haarers Einstellung zu Kindern hat sich nie wirklich geändert. Ihre Ansichten sind weitgehend dieselben geblieben. Dennoch wurde "Die Mutter und ihr erstes Kind" in großen Teilen gründlich überarbeitet. 

Auch wenn für die geschulten Leser_innen erkenntlich ist, dass Haarers Ratschlägen auch 1979 noch nationalsozialistische Gedanken zugrunde lagen, so sind diese doch nicht offensichtlich genug, um dem breiten Publikum aufzufallen. Was Haarer schreibt, entspricht auch 1979 noch dem Zeitgeist. Andere, neue Ratgeber schreiben dasselbe. Die Zeitschrift ELTERN gibt es seit 1966.  Auch darin standen dieselben Ratschläge. Diese Ideen (Trennung im Wochenbett, Füttern nach Plan, Gehorsam und Unterordnung) waren schon vor der NS-Zeit so tief in der Gesellschaft verankert, dass die destruktive und faschistische Seite dieser "Pflegemaßnahmen" und Erziehungsmethoden nicht erkannt wurde. Nicht erkannt werden konnte.

Es sind mit dem Rooming-In, dem langsamen Verschwinden des Stillens nach Plan und anderen Maßnahmen die ersten Zeichen einer Zeitenwende zu erkennen.  Ob Haarer wirklich hinter dem steht, was sie da schreibt, ist irrelevant.

Relevant ist, was sie verbreitet hat. "Die Mutter und ihr erstes Kind" wurde so sehr überarbeitet, dass die Inhalte den jeweiligen Stand der Gesellschaft widerspiegelten. Die Erziehung nimmt in dem Buch nur einen kleinen Platz ein. Es kann daher nicht behauptet werden, dass der Verkauf dieses Buches nach 1945 in besonderem Maße zur Beibehaltung der Schwarzen Pädagogik beigetragen hätte. Dafür unterschied es sich nicht genug von anderen zeitgleich erschienenen Werken und enthielt zur wenig Erziehung.

Bei all der berechtigten Kritik an "Die (deutsche) Mutter und ihr erstes Kind" darf eben nicht vergessen werden, dass das Buch kein Erziehungsratgeber war. Es war ein Schwangerschafts-, Geburts- und Säuglingspflege-Ratgeber. "Unsere kleinen Kinder" war Haarers Erziehungsratgeber. Und der ist heute nahezu unbekannt.

Nicht nur wird also Johanna Haarers Einfluss auf die Erziehung der Nation masslos übertrieben. Auch die Empörung darüber, dass speziell "Die Mutter und ihr erstes Kind" bis 1987 verlegt wurde, ist unreflektiert und geradezu belanglos.

In dieser Reihe sind erschienen

Teil 1 - Erster Eindruck
Teil 2 - Schwangerschaft
Teil 3 - Vorbereitung auf das Baby
Teil 4 - Geburt
Teil 5 - Wochenbett
Teil 6 - Das Stillen
Teil 7 - Ernährung mit der Flasche
Teil 8 - Beikost, Krankheiten, Impfungen
Teil 9 - Säuglingspflege jenseits der Ernährung
Teil 10 - Entwicklung des Kindes
Teil 11 - Erziehung des Kindes

»Bei meinem Kind mache ich das anders«

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